Die asketische Frau

Historisches Drama

von  Terminator

Im vierten Jahrhundert unserer Zeitrechnung war Maria eine Hure in Ägypten. Sie vollzog eine Revolution der Denkungsart, und lebte fortan Jahre und Aberjahre als Eremitin. Als sie nach fast einem halben Jahrhundert wieder einem Menschen begegnete, soll sie gefragt haben: "Wie geht es dem Reich? Wie geht es dem Kaiser?" Sie entsagte dem Leben und ging in Gott auf. Das Römische Reich aber, der Katechon, der den Satan aufhielt, gehörte für sie zu den göttlichen, nicht zu den menschlichen Dingen.


Es gab in der Geschichte viele heilige Frauen. Einige haben ihren Lebensweg als Huren angefangen. Davor könnte es wiederum eine Erfahrung mit sexuellem Missbrauch in der Kindheit oder der fast noch bis heute globusweit üblichen Sexsklaverei gegeben haben. Dass Missbrauchsopfer sich der Promiskuität und Prositution zuwenden, ist Natur. Wenn Huren zu Heiligen werden, ist das Kultur.


Die Mutter maßt sich regelmäßig die Rolle einer Heiligen an, aber an der Mutterschaft ist nichts heilig. Wäre die Mutterschaft heilig, so würden neben heiligen Müttern von Menschenkindern auch unzählige heilige Ziegen, heilige Ratten und heilige Bonöbinnen und Schimpansinnen durch den Dschungel der Welt wandeln. Die Mutter ist das Werkzeug der Gattung, sie ist das Weib als Tierart, wie der tellurisch-phallische Mann eben der Mann als Tierart ist: homo sapiens sapiens, aber noch nicht im Kultursinne Mensch.


Die heilige Frau muss solar geboren sein, das ist ihr Karma. Eine lunare oder chthonisch-tellurische Frau wird keine Heilige. Wohlbehütet, startet die Heilige als jugendliche Heldin. Misshandelt, geht sie den Weg der Hure. Sie fällt, und dieser Fall verletzt ihre wahre Natur. Also widmet sie sich der Askese, um das Solare wiederzuerreichen. Die junge Heldin aber merkt, dass sie das Leben mehr als den Tod liebt, und lebt fortan weiter in der Entsagung: sie ist zu sehr Frau, zu sehr Substanz, um für eine Sache, für andere Substanz zu sterben. Sie will stattdessen für ihre eigene Substantialität leben. Als Frau ist sie substantiell das Göttliche: das Werden des Göttlichen in der Welt.


Die Jungfrau Maria ist die heilige Mutter. Sie ist unbefleckt und bringt Gott zur Welt. Dies ist eine gelungene Metapher für die Frau als Werden, das das weltlose Sein zur Welt bringt. Das Sein existiert nicht ohne das Werden. Das Werden ist nichts ohne das Sein.


Wenn die Heilige weder eine Büßerin noch eine Mutter ist, dann ist sie die heilende Jungfrau. Als Heilende kommt sie aber mit der Krankheit der Welt in Berührung, und verliert ihre Unschuld. Sie ist moralisch, aber nicht mehr ästhetisch vollkommen. Wie der heilige Mann, lebt auch die heilige Frau in Widerspruch und Leiden. Ihr Bewusstsein ist ein Unglückliches, auf dem Weg, ein Erlöstes zu sein.


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