Shiatsu

Tagebuch zum Thema Betrachtung

von  Mondscheinsonate

Manchmal sehe ich auf Google Earth nach, wie der Ort, nein, die Stadt meiner Kindheit nun aussieht und so entdeckte ich, dass vor dem Haus des, mittlerweile verstorbenen Schauspielers Langer, also, vor dem Langer'schen Haus, wo sich früher gerne die Katzen streckten, die Vorderpfoten nach vorne, den Rücken durchgebogen, eine Shiatsu-Praxis einquartiert hat. 

Auch die Wiese, eine Elle war das Gras hoch, drinnen spielten wir "Mutter-Vater und Kind" und "Hahn oder Henne", nur ein Teil war gemäht, da kickten die Buben, wir Mädchen saßen daneben, ist mittlerweile in Privatbesitz und es wachsen edle Rosen in künstlich angelegten Beeten, alles in Reih' und Glied, ganz so, wie der Großteil es will.


Die Gasse ist eine Einbahn, Tempo 30, da werden Fakten angezeigt, keine Geschichten erzählt, die sind in unseren Köpfen, ja, wir waren Straßen-, Gassen-, Wald- und Wiesenkinder, rannten um neun Uhr aus dem Haus und kamen um die Mittagszeit wieder, danach wieder raus bis zum Abendessen, danach, manchmal streunten wir wieder, wir waren unbändige Katzen, keiner fragte uns, was wir erlebt hatten, die erhitzten Gesichter erklärten alle Abenteuer von selbst. Die Oma fragte sowieso nie, weil ich es erzählte, bis sie sagte: "Richard! Wenn das Kind stirbt, muss man die Gosch'n extra da'schlag'n!" Der Opa lachte, nickte. 

Shiatsu, das hätte früher nicht gepasst, nichts hätte gepasst, weil sowieso nichts gebraucht wurde, man hatte oder hatte nicht, redete nicht darüber, die Oma redete dauernd, Apropos - nein, keine Respektlosigkeiten, aber, sie, die mit Lockenwicklern, gräulichem Haarnetz und Plüschpantoffeln, sowie Morgenrock in lindgrün durch das Gras promenierte, sie promenierte selbst in diesem Aufzug, Frau Doktor, die Frau vom Medizinalrat, rief die Katzen, die nie kamen, die Peggy und den Mischa, man weiß schon, der Zirkus kam und da waren die Tiger, dann war nur noch die Peggy da, aber die ging nie raus, sie rief trotzdem beide, Oma liebte Katzen, ich liebe sie auch überalles. Nachher fuhr die Oma sofort ins Tierheim und holte eine Main Coon, die Schnurrli. Die kam nur zum Opa, weil der aß zusammen mit ihr wie ein altes Ehepaar. "Richard, erinnerst du dich noch an den Rexerl, der war lieb!" Ich fragte: "Wer war der Rexerl?" Sie sagte, ihr Hund. Oma und ein Hund? Unvorstellbar. Man weiß viel zu wenig über die eigenen Leute und jetzt, wo es wirklich interessieren würde, sind sie nicht mehr da. Das ist das Traurige an der Sache. 

Die Oma nahm nur Chanel, Parfüm und Schminke, ich auch, letztens dachte ich, ich bin die Oma, das fuhr mir schräg ein. Habe nie vorher darüber nachgedacht.

Auf jeden Fall, hängte sich die Schnurrli an die Kuckucksuhr, damals hatte man so ein geschnitztes Unding aus Eiche noch, da fiel sie runter und der Vogel kam heraus, den schnappte sich die Schnurrli und legte ihn Opa ins Bett, er lachte laut los, die Oma schimpfte. 

Aber, die Wiese war toll, die Buben fingen Heuschrecken und ich fand das immer gemein, denn sie steckten sie in Gläser wie Trophäen. Der Sinn erschloss sich mir nicht. Jetzt schon.

Jäger und Sammler, das Erwachsensein spielen. 

Die Peggy plärrte vor der Türe, ihr Geschäft verrichtete sie im Garten, dann wollte sie wieder rein. Ich hob sie hoch und herzte sie, da kratzte sie mir das Gesicht blutig. "Das Kind kann die Katze nie in Ruhe lassen!" schrie die Oma, Mitleid zeigte sie nie. Niemals, übrigens. 

Shiatsu, das würde der Oma aber gefallen, sie mochte "so Zeug", das nicht Usus war. Der Herr Reifböck würde meinen: "Frau Doktor, so ein Scheiß!", vermutlich hat er das jetzt zu jemandem anderen gesagt, wenn er noch lebt.



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Kommentare zu diesem Text


 Fridolin (28.07.22, 01:16)
Ich gestehe, ich bin ein Fan Deiner Texte. Sie lösen unweigerlich eine Menge eigener, teils ähnlicher, teils ganz anderer Erinnerungen an meine Kinderzeit aus, und ich fühle mich sofort mitten drin. Ob es die Wiese ist, die Kuckucksuhr der Großeltern oder die unberechenbaren Katzen sind. Meine musste ich in einem Schuhkarton begraben. Auch das Suchen der Vergangenheit mithilfe von Stadtplänen oder Luftbildern ist mir sehr vertraut.
Und: gut, dass es diese Großeltern gab. Denen fühle ich mich irgendwie zu Dank verpflichtet.

Kommentar geändert am 28.07.2022 um 01:18 Uhr

 Mondscheinsonate meinte dazu am 28.07.22 um 07:52:
Schön war's. Vermisse es! Dank dir.
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