Kriminaltango

Text zum Thema Menschen

von  Mondscheinsonate

"Als Effekt zu den Klängen des "Kriminaltangos" zog ein junger Bursche eine Schreckpistole aus der Tasche und feuerte einen Schuss ab. Dabei wurde ein Mädchen am Auge verletzt.

Die 19-jährige Ruth (...) aus Wimpassing befand sich am Abend des 4. April mit Bekannten im Gasthaus Schwarz in Göttschach. Es war bereits nach Mitternacht, als die Kapelle den "Kriminaltango" spielte. Von diesem war Hans Joachim R. aus Neunkirchen derart hingerissen, dass er plötzlich mit einer Schreckpistole einen Schuss abfeuerte.
Unglücklicherweise tanzte Ruth (...) gerade in nächster Nähe, so dass sie von dem Pulverstrahl am rechten Auge getroffen und unter anderem einen Bluterguss erlitt. Das Mädchen wurde von (...) Medizinalrat Dr. Richard Vollenhofer aus Wimpassing in die Augenabteilung des Krankenhauses Wiener Neustadt eingewiesen. Gegen Hans Joachim R. wurde Anzeige erstattet."

Dies aus dem "Schwarzataler Bezirksboten" - Heute vor 50 Jahren. (20.04.2020)


Ich schmunzelte, als ich das las. Was wurde bloß aus Hans Joachim R.? Auch aus Ruth? Die Abkürzung des Nachnamens ist in solch' einem Kaff wohl sinnbefreit, jeder wusste sofort davon. Und ich weiß davon, weil der Großvater es erzählte, der Arzt in dem Artikel war er. Er liebte kuriose Geschichten und während er kaute, das Brot 32-mal, das, von Anfang der Woche, die Oma kratzte bereits den Schimmel mit dem Brotmesser ab, erzählte er seine Konsultationen, natürlich ohne Namen zu nennen. Auch den Bleistiftmord erzählte er, aber das war nun wirklich grausam, der Täter schleppte ein 12-jähriges Mädchen im Park in das Gebüsch, vergewaltigte sie und brachte sie mit einem Bleistift um, stach zu und hörte nicht mehr auf. Den Täter, nein, den wahren Täter, der falsche starb nach jahrelangem Kampf um eine Haftentschädigung, schnappte man niemals. Ist das arg? Ja, sagte der Großvater. Wer bringt jemanden mit einem Bleistift um? Ich wette, sagte ich, dass der jetzt selbst Kinder hat, das war 1973. Wie kann man mit so einer Tat leben? Der Großvater hörte kurz auf zu kauen. Gut, sagte er, irgendwann schon. Er wusste, wovon er sprach, er kannte viele Mörder, die brachten viele Menschen um, er sah sie jeden Tag, jeden verdammten Tag, das war alles normal. Der XY war sogar ein Nachbar, also, er wohnte gegenüber, der Großvater war dabei als er Menschen erschoss, aber auf dem Schlachtfeld, das ist etwas Anderes, sagte der Großvater, ganz etwas Anderes, als wenn man gezielt Menschen pfercht und vergast. Ich schwieg. Aber, der XY fragte sich schon oft, das sagte der Großvater, wofür er dies mache, da sagte der Großvater: "Für das Vaterland!" Da sagte XY: "Meine Mutter hat etwas dagegen."

Ich verstummte. Es verstummte alles, auch die Katze hörte auf zu maunzen. (Sie bettelte gerne.)

Na ja, auf jeden Fall, das war ein Lausbubenstreich, sagte er. Was? fragte ich, bereits in meinen Gedanken woanders. Der Kriminaltango.  




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Kommentare zu diesem Text


 Quoth (29.07.22, 22:34)
Irgendwie zerfleddert die Geschichte in drei Anekdoten des Großvaters. War er Gefängnisarzt, dass er so viele Mörder kannte? Aber dann ist dies Zerfleddern auch wieder gut, weil es so eine achselzuckende Stimmung vermittelt: Gewalt ist nun mal da, man muss mit ihr leben, kann sogar mit ihr leben, wenn man sie auf dem Gewissen hat ... So ein Großvater ist eine wahre Goldgrube! Gruß Quoth
Der Großvater hat übrigens "gefletchert".

Kommentar geändert am 29.07.2022 um 22:39 Uhr

 Mondscheinsonate meinte dazu am 29.07.22 um 22:36:
Er war Stabsarzt im 2.Weltkrieg. Dank dir.
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