Die quietschende Schranktüre

Text zum Thema Denken und Fühlen

von  Mondscheinsonate

Manchmal höre ich die quietschende Schranktüre meiner Nachbarin, während zeitgleich draußen ein Hund bellt und Schritte auf Kies knirschen und während ich das höre, denke ich jedesmal, dass dies Klischee ist, in jeder schlechten bzw. langweiligen Geschichte vorkommt, aber es ist nun mal zu hören, immer sind dieselben Geräusche da, jetzt gerade, in meiner Schlaflosigkeit, der Zeitungsbote um 3:43, er telefoniert, das macht er jedesmal, man hört ihn immer lautstark in einer fremdartigen Sprache sprechen, ungeniert laut.

In Thailand waren Affen zu hören und Vögel, deren Laute man nur aus den Zoos kennt, ein Getrappel am Holzdach, fast ein Scharren, was sich am nächsten Morgen als Eichhörnchen entpuppte, aber die Geräusche waren fremd, spannend, beängstigend und machten neugierig auf Auflösung, regten die Phantasie an, waren nicht klischiert.

So kann man sich auch in Geräusche verlieben und sie vermissen, wenn sie verstummen, wie den Güterzug um 23:30, dessen Geräusch stets über das Tal donnerte, toste, nie wieder aufzuhören schien, die Grillen übertönte, sonst war da nichts, was es zu übertönen galt. Manchmal wartete ich auf den endlos erscheinenden Zug und wenn er kam, dann war ich beruhigt, denn die Stille erdrückte mich. Ich war es nicht gewohnt, wohnte in der Innenstadt, dort war es in der Nacht immer laut, Gegröhle und Gekotze, die Kirchenglocken der Maria am Gestade im Viertelstundentakt, Autos und dann am Land die Stille, die Fremdartigkeit. Die Großeltern gaben einem nie das Gefühl "zuhause" zu sein, niemals, dazu war nichts da, was auf ein Kind schließen würde, sie sagten auch "Gästezimmer" oder "das rote Zimmer", niemals "dein Zimmer", war es auch nie. So einsam wie sie zu Zweit waren, so einsam lag ich ebenso da. 

Nein, sie machten es mir nicht gemütlich, ich redete mir das Schöne nur ein, nichts war dort drinnen schön, deshalb war ich mehr draußen. Mir kam vor, ich erweckte die beiden zum Leben, aber das geht gar nicht, denke ich jetzt, wenn man innerlich tot ist. Die Oma brauchte auch immer das Radio, immer Geräuschkulissen, das ihre Leere übertönen sollte. Einmal sah ich ihre Furcht, einmal nur, als längere Sirenenprobe war, sie begann zu zittern und dann wusste ich, warum sie jeden Samstag um die Mittagszeit, wenn die Sirene losging (das ist am Land so), das Radio lauter drehte, das tat sie schon fünf Minuten vor 12 Uhr, dann um Punkt ging es los. Da tat sie dann geschäftig, aber sie war nervös. 

2020 war eine zeitlang kein Geräusch zu hören, nicht einmal die Schranktüre. Ich vermisste das Klischee.


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Kommentare zu diesem Text


 Dieter_Rotmund (08.08.22, 13:34)
Güterzüge, die nach einem regelmäßigen Fahrplan fahren?

 Graeculus meinte dazu am 08.08.22 um 15:21:
Meinst du, die haben keine Fahrpläne, bloß weil die nicht an den Bahnhöfen aushängen?

 Dieter_Rotmund antwortete darauf am 08.08.22 um 15:31:
Fahrpläne ja, aber der Güterverkehr ist meines Wissens komplett anders organisiert, da geht es mehr darum, die einzelnen Waggons richtig zu befördern. Dass ein Güterzug immer zur selben Zeit einen Ort passiert, ist zumindest eine irritierende Beschreibung, die nach Aufklärung verlangt, einzwei Sätze würden da schon reichen.

 Taina schrieb daraufhin am 08.08.22 um 15:34:
... und ob die nach Fahrplan fahren :)

zwar haben die einen Fahrplan, aber leider keine schallgedämpften Räder, wie die Personenzüge. Nächtens donnern sie durchs Tal, Mondscheinsonate ich höre sie auch.



Dass ein Güterzug immer zur selben Zeit einen Ort passiert, ist zumindest eine irritierende Beschreibung,
Wer in Hörweite einer Bahnstrecke wohnt und die Lauscher aufsperrt, kennt das, es ist total normal.

Antwort geändert am 08.08.2022 um 15:37 Uhr

 Dieter_Rotmund äußerte darauf am 08.08.22 um 15:37:
Mittelrheintal?

 Mondscheinsonate ergänzte dazu am 08.08.22 um 17:43:
Und welche Wichtigkeit hat der Fahrplan für diese Reflexion? Natürlich kam der Zug auch um 23:00, manchmal eben fünf vor Viertel, jetzt weißt du es. 
Ich würde ihn gerne nochmals hören.

 Dieter_Rotmund meinte dazu am 08.08.22 um 17:50:
Ja, eben, das ist das Problem. Durch die offenbar  pünktliche Fahrplanmäßigkeit eines Güterzugs (immer 23:30 Uhr) bekommt er eine zu große Wichtigkeit, das irritiert. Aus rein handwerklichen Gründen würde ich das ändern. Z.B., ganz einfach
wie den Güterzug, dessen Geräusch jede Nacht über das Tal donnerte

 Taina meinte dazu am 08.08.22 um 17:51:
Und welche Wichtigkeit hat der Fahrplan für diesei Reflexion?
Ich stelle es mir so vor, dass der regelmässig vorbei kommende Zug nachts eine Orientierung in der Zeit gab.
Die Zeitangabe finde ich gut, ich würde sie nicht herausstreichen.

Antwort geändert am 08.08.2022 um 17:53 Uhr

 Mondscheinsonate meinte dazu am 08.08.22 um 18:10:
Kaisers Bart für den Text.
Keine Sorge, ich streiche das nicht.
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