Der größte Schatz in meinem Leben

Text zum Thema Denken und Fühlen

von  Mondscheinsonate

Die Großmutter deckte mich bis zur Nasenspitze zu. Seltsamerweise scheint dies meine erste Erinnerung zu sein und vielleicht bald meine letzte, an diese Zeit vor meinem fünften Geburtstag, das Alter verwischt alles, aber noch ist es da, das steife, dünne Krankenhauslaken, das Krankenhausbett, das in das Schlafzimmer, gleich hinter die Türe in die Nische gestellt wurde, in der Nähe das braune Nachtkästchen mit der kleinen Nachttischlampe mit Minilampenschirm in vergilbtem Grün, das große Ehebett, stets mit gesteppter rosa Überdecke, daneben ein Vorhang, dahinter war Tuchent und Bettlaken aufgereiht, in Regalen feinsäuberlich verstaut, unten schlief die Siam Susi. Ein Biedermeierschrank beim Fenster mit Flügeltüren, stets verschlossen. Die Großmutter legte gestärkte Leintücher über ihre Pelze in den Schränken, es roch nach Mottenpulver. 

"Du bist der größte Schatz in meinem Leben."

Ja, das sagte sie und dann beteten wir gemeinsam, dies mit Befehl, niemals als Bitte gedacht.

"Herr im Himmel, ... (irgendwas, dann kam...) Mein Herz ist klein, da darf niemand hinein, nur du mein liebes Jesulein!" 

"Amen!" sagten wir beide, das fand ich schön.

Wenn die Großmutter aus dem Zimmer ging, nein, an einen Kuss erinnere ich mich nicht, stand ich wieder auf und legte mich zu Boden, presste das Ohr auf das Laminat und hörte mir die Filme des Kinos an, das unter uns war. Ich schlief so ein, das weiß ich noch, erwachte am nächsten Morgen stets in meinem Bett. 

Manchmal, das weiß ich auch noch, läutete mitten in der Nacht das Telefon, das stand auf dem Nachtkästchen des Großvaters und dann zogen sich beide schlaftrunken und leise an, verließen das Zimmer und ich schlief sofort wieder ein. Am nächsten Morgen stand die Großmutter bereits in der Küche und arbeite mit der Haushälterin, bevor sie in die Praxis rüberging. Es war nie etwas geschehen, kurze Nächte waren Alltag. Am Montag war Ruhetag, da fuhren wir Erledigungen machen. 

Meine Großeltern zogen erst Jahre später ins Haus, dann schlief sie nie durch, rauf, runter, Katzen raus, Katzen rein, um Punkt sechs gab es Frühstück, die "Pension" war nur ein Wort für sie. Einen lebenslangen Trott bekam sie nie wieder weg. Auch der Großvater war stets im Anzug, die Großmutter im Kittl und sie fand sich immer Arbeit. Es war alles blitzsauber, die alten Möbel waren wie neu. 

Und als niemand mehr da war, öffnete ich die Kredenz, hielt mich an der Ablage fest und hinterließ Fingerabdrücke im Staub, erst da traf mich der Verlust und ich legte mich am Boden, das Ohr auf den Holzboden und lauschte der Stille. 


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Kommentare zu diesem Text


 Fridolin (14.08.22, 22:56)
Bei uns hieß das:
"Ich bin klein
mein Herz ist rein" etc.
und das empfand ich als maßgeschneidert für mich, den Kleinsten in der Familie.
Auch sonst war vieles anders bei mir, und doch bin ich sofort wieder drin, wenn ich Deinen Text lese. Gab es nur ein Großelternpaar für Dich?

 Mondscheinsonate meinte dazu am 14.08.22 um 23:01:
Ja, du hast recht, das Gebet ging so. Ich lass das jetzt, soll zeigen, die Erinnerungen verblassen. Ja, ich hatte nur diese, die Mama vom Papa starb 1964 an Krebs und Papa...welchen...von den einigen. Kenn ich nicht.

 Dieter_Rotmund (15.08.22, 09:18)
Guten Morgen!

"Tuchent" - very, very old school. Sagt man das in Österreich noch?

 Dieter_Rotmund antwortete darauf am 15.08.22 um 09:19:
Gut gefällt mit der Schatz-Satz der Oma - denn sie könnte damit ja auch ihre Pelz-Sammlung meinen.

 Mondscheinsonate schrieb daraufhin am 15.08.22 um 09:23:
Ja, sagt man noch, weil es noch alte Menschen gibt. 
Warum sollte sie ihre Pelze meinen, wenn sie zu einem Kind spricht, das musst du erklären.

 Dieter_Rotmund äußerte darauf am 15.08.22 um 09:29:
Na, wegen des Satzes direkt davor!
Die Stelle gefällt mir ja deswegen so gut, weil man es nicht genau erfährt, es ist ambivalent. Der Satz der Oma ist ja ungerichtet.

 Taina ergänzte dazu am 15.08.22 um 09:32:
Es ist überhaupt nicht ambivalent, hätte sie die Pelze gemeint, lautete der Satz "Ihr seid ... usw."

Völlig klar, dass sich der Satz nicht auf die Pelze bezieht.

 Dieter_Rotmund meinte dazu am 15.08.22 um 09:35:
Du kannst das gerne so lesen, das sei dir unbenommen, aber bitte akzeptiere ebenso meine Lesart.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 15.08.22 um 09:37:
Ja, der Oma hätte man es zutrauen können, kennt man die anderen Geschichten, aber in dem Fall hat sie das Kind gemeint. Stünde sie vor dem Schrank wäre es eindeutiger gewesen.

 Dieter_Rotmund meinte dazu am 15.08.22 um 09:43:
Neee. MSS, so geht das nicht. Der Text ist veröffentlicht und "gehört" nun quasi den Lesern.

Du kannst nachträglich, hallo digitale Welt, ein "Sagte sie zum Kind" einfügen. Das würde ich aber als sehr schade empfinden, denn das wäre der gesamte Text nur eine einzige Hagiographie auf die Großmutter.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 15.08.22 um 09:46:
Ich lasse es dir sowieso.

 Taina meinte dazu am 15.08.22 um 09:58:
@Dieter

deine Lesart akzeptiere ich schon, sie gilt aber nur für dich allein.

Sie läuft der Grammatik zuwider.

 Dieter_Rotmund meinte dazu am 15.08.22 um 10:49:
Deine These lässt sich nicht grammatikalisch belegen.

Und bitte mich nicht mit "nur für dich alleine" isolieren und stigmatisieren!

 Taina (15.08.22, 09:34)
Eine liebe Erinnerung an eine liebe Oma :)

 Mondscheinsonate meinte dazu am 15.08.22 um 09:38:
Lieb war sie, aber kalt, eigenartig kriegsgeschädigt.
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