Reminiszenzen

Text zum Thema Familie

von  Mondscheinsonate

Bereits als der Zug in Ternitz einfuhr, begann ich mit dem Popo am Sitz hin- und herzuwackeln, das sagte die Mutter, genauso sagte sie es und verzog ihr Gesicht zu einer verächtlichen Fratze. Die Beziehung zu ihrer Mutter, meiner Großmutter, war stets ambivalent und die Freude, die Wiedersehensfreude, konnte sie nicht nachvollziehen. 

"Ich möchte einmal erleben, dass du dich so freust, wenn du mich bald sehen wirst!" 

Auf was hätte ich mich freuen sollen, auf die Alkoholfahne, das, nach drei Tagen Verschwindens wieder da sein?

Aber, solche Gedanken hat man als Kind noch nicht, nur Empfindungen. Aber, ungerecht und übertrieben war es schon, denn jedesmal, wenn es gegen fünf Uhr ging, stand ich bereits vor der verschlossenen Kindergartentüre und wartete auf sie, aber meistens kam meine Schwester, die erst zehn war und mich abholte, weil die Mutter wieder irgendwo war, irgendwann gewöhnt man sich die Freude ab, unbewusst, bereits schon als kleiner Hase. "Jetzt bleib ruhig sitzen und plapper nicht so viel!"

Die Fahrt ging weiter und nach zehn Minuten, "100.000 Jahre", nächster Halt "Gloggnitz Hauptbahnhof", heute wird es noch auf Englisch dazugesagt, das war in Bummelzügen, also Regionalzügen, nicht so. Mind the gap! 


Ja, da war eine Lücke, eine Kluft zwischen den beiden, keine Brücke.

"Servus Mutti!" - Schweigen der Großmutter. Sie drehte sich einfach um, sagte zu mir: "Pass beim Einsteigen ins Auto auf, ich war in der Waschstraße, nichts mit deinen schmierigen Fingern angreifen!" - "Jössas! Da kommt ein Auto, schnell einsteigen, die Stadtkinder schauen überhaupt nicht! Hedda, dein Fratz ist unmöglich!" Die Mutter schwieg und wendete den Kopf ab.

Ich plapperte von hinten munter auf die Großmutter ein. "Dieses Kind, Hedda, gibt es da einen Ein- und Aus- Knopf?"

"Nein," sagte die Mutter trocken, "das ist ein Kind, das sich schon sehr auf dich gefreut hat!" Die Großmutter richtete ihren Blick starr auf die Straße und schwieg. Die Geschäfte zogen an ihr vorbei, an mir nicht, ich kontrollierte stets mit neugierigem Blick, ob alles noch da war. Dass Etwas fehlte, spürte ich, hier im Auto, konnte aber noch nicht darüber nachdenken.


"Geh zum Opa rauf, der freut sich!" 

Ja, der lächelte, gab mir ein Bussi und umarmte mich, setzte sich wieder auf seinen Thron, ich setzte mich auf seinen Schreibtisch und dort blieb ich, weil es dort warm war, wärmer als in der Küche zwischen den beiden Frauen. "Wie war dein erstes Schuljahr, junge Dame?" "Ich kann keine Zierleisten!" "Wieso nicht?" "Es ist fad!"

Der Großvater lachte, sagte: "Ja, das ist auch nicht wichtig." Ich sagte: "Der Lehrerin schon, jeder bekommt ein Zuckerl, für besonders schöne Leisten ins Heft, ich nie." 

Der Großvater bückte sich, öffnete eine Lade und gab mir ein Zuckerl, es schmeckte süß. "Von mir bekommst du schon eines."

"Richard!" Es donnerte hinter ihm, ich sah sie bereits herannahen. "Kein Zuckerl vor dem Essen!" Der Großvater sagte: "Mein Weib hat befohlen, kleine Dame, stets nach dem Essen!" 

"Aber dann schon, ganz sicher!"

Er nickte.


Die Mutter stand vor der Türe und rauchte eine Zigarette und kaum hatte sie ausgedämpft, zündete sie sich die nächste an. "Das Rotzmensch hat schon wieder eine Fahne," sagte die Großmutter zum Großvater. "Land der Berge!", sagte er und schwang eine angedeutete, nicht vorhandene Fahne.


Im Gasthaus bestellte die Großmutter über alle Köpfe hinweg einen Bierwärmer. "Geh, Susi, bring dem Herrn Doktor und mir einen Bierwärmer!" "Is scho am Weg!" sagte Susi.

Die Mutter trank ihr Bier ohne Bierwärmer und ich schüttete es um. Da schlug sie mich. Die Großmutter schüttelte den Kopf, der Großvater blickte nicht von seinem Holsteinschnitzel, das er immer im Gasthaus aß, auf. "Zum Genieren, die beiden," sagte die Großmutter trocken, während ihr der Saft des Gulaschs aus den Mundwinkeln das Kinn runterlief. 


Zuhause gab es Torte. Die Mutter redete unentwegt, das tat sie immer, nachdem sie Alkohol getrunken hatte. Die Großmutter hörte ihr nicht zu. Da holte sich die Mutter aus der Speis noch ein Bier, öffnete es, schenkte sich ein.

Nach einer Stunde begannen sie zu streiten, danach konnte man die Uhr stellen, da sprang die Mutter auf und verließ fluchtartig die Küche, zog sich die Schuhe an und knallte die Haustüre hinter sich zu. Ohne Auf Wiedersehen. Ich sah sie erst zwei Monate später, sie rief niemals an. 

Ich weinte. Da sagte die Großmutter: "Kind, werd' ja nicht so!" 

Später sahen wir uns "Falcon Crest" an. 


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Kommentare zu diesem Text


 mr.d (15.08.22, 17:34)
Du beschreibst so bildlich. Mir fällt es leicht die Situation vor meinem inneren Auge abzuspielen.
Der austria Charme (so nenne ich es) einfach super.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 15.08.22 um 17:35:
Vielen lieben Dank!

 Dieter_Rotmund antwortete darauf am 16.08.22 um 09:40:
Ach Gott, Falcon Crest, das hatte ich fast vergessen. Irgendwas mit kalifornischen Weinbergen, oder?

 Mondscheinsonate schrieb daraufhin am 16.08.22 um 09:46:
Ja und Familienclan.
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