Zeitgeist

Text zum Thema Absurdes

von  Mondscheinsonate

Der Sohn der Nachbarn, gerade erst 22 geworden, ist einer der jüngsten Master, hat zwei Klassen übersprungen und in Windeseile studiert, sagte, dass er unter 3700 Euro nicht arbeiten geht. Er sitzt bei seinen Eltern, hat sich sein Zimmer erwachsenengerecht einrichten lassen und lebt auf ihre Kosten. Er lässt sich nicht herab, niemals, sagte, er möchte nur im 19. oder 13. Bezirk wohnen, dort, wo kein Pöbel wohnt.


Nachdem die Eine nur in technischen Schulen war, bildete sie sich ein, sie müsse nun ein geisteswissenschaftliches Fach studieren und inskribierte Psychologie. Es scheiterte an mangelnden Kenntnissen der Inhalte, die Fülle an Statistik ließ sie erschaudern. Eigentlich, das ist die Wahrheit, mangelte es eher an Empathie, sie wollte nur sich selbst ergründen, schlussendlich scheiterte es an Allem. 

Ihre Schwester, hingegen, tat es dem Vater gleich und studierte an der Wirtschaftsuniversität in Wien, ist noch Magistra geworden, jetzt wird man Master, hat einen tollen Job und ihr Leben im Griff. Sie, die Eine, war die "Versagerin", so fühlte sie sich und fühlt sich noch, ihre große Liebe ließ sie, nach Dubai und Cocktails am Strand, sitzen und da begann sie, wie es das Klischee verlangt, zu saufen, nahm sich einen Drogensüchtigen als Freund und sammelt nur noch "Freunde" auf Plattformen, fühlt sich in ihrer Geltungssucht bestätigt und als große Revoluzzerin der Familie. 


Der, dort zwischen ein paar Bergen, kann gar nichts wirklich, hat auch nichts gelernt, machte einen Sanitäterkurs und schmeißt sich nur Drogen hinein, schart jüngere Menschen um sich, bewirft sie mit Esoterik, spielt den Weisen, kann nicht einmal "das" und "dass" unterscheiden, bekommt aber stetig Zuspruch. Kann aber mit Gleichaltrigen nicht agieren, hat im Grunde nichts zu sagen, außer sich aufzuspielen.


Noch einer, der nur beschimpfen kann, wenn man ihm die Wahrheit sagt, vielleicht machen das die Drogen, vielleicht der Alkohol, aber in Wahrheit der Narzissmus. Sein Grab schaufelt er selber. 


Manchmal sitze ich da und überlege, ob ich derartige Phänomene früher auch mitbekommen habe und nicke. Es war nicht so schlimm, aber auch da. Nicht so ausgeprägt, die Rede ist von Geltungssucht, Egoismus, Zerstörtheit, Orientierungslosigkeit u.v.m. Aber, seit den sozialen Netzwerken sind die psychischen Kränkungen noch mehr ins Tageslicht gerückt. Wer kennt 5000 Menschen, wozu braucht man die? Wieso kann man nicht ein Fest, einen Ausflug, eine Party ohne Handy genießen? Warum muss man sich permanent selbst in den Mittelpunkt rücken? Warum breitet man Liebe, Kummer, Verlorenheit derart öffentlich aus? Zumeist um das kollektive Mitleid zu erheischen, es geht schon lange nicht mehr um Lösungen. 

Eigentlich hatte ich die Hoffnung, dass das Virus auch etwas Positives bringen könnte, zumindest, was den Rückzug in das Privatleben anging, ich hatte die naive Vorstellung, dass sich der Großteil hinsetzen würde und über das eigene Leben nachdenken würde, die Kontemplation üben würde, lesen, an der Zukunft basteln. Aber, seit den Lockdowns wurde es schlimmer, die Ich-Sucht, das Oberflächliche, die kollektive Langeweile der jüngeren Generation. 

Nein, Isolation ist nicht die Lösung. Ich befürchte, es gibt gar keine.


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Kommentare zu diesem Text


 Regina (20.08.22, 20:42)
Sie bietet neue Möglichkeiten, die neue Zeit, z.B. das Internet. Aber was ein Mensch damit anfängt, liegt in seiner/ihrer individuellen Hand. Da mag der Schrott und der Unsinn eher ins Auge springen als positive Ergebnisse.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 20.08.22 um 20:48:
Internet ist toll, sonst könnten wir uns, zB nicht austauschen. Was ich schlimm finde, das ist der zeitweilige Umgang mit sozialen Medien.

 uwesch (20.08.22, 21:04)
"Aber, seit den sozialen Netzwerken sind die psychischen Kränkungen noch mehr ins Tageslicht gerückt. Wer kennt 5000 Menschen, wozu braucht man die? Wieso kann man nicht ein Fest, einen Ausflug, eine Party ohne Handy genießen? Warum muss man sich permanent selbst in den Mittelpunkt rücken? Warum breitet man Liebe, Kummer, Verlorenheit derart öffentlich aus? Zumeist um das kollektive Mitleid zu erheischen, es geht schon lange nicht mehr um Lösungen."
Du stellst die entscheidenden Fragen! Z.B. dieses ständige Glotzen aufs Smartphone überall und ständig macht doch irgendwie abhängig und krank und löst kaum Problem, außer wenn man mal so etwas wie eine Routenplanung nutzt, um sein Ziel auch zu erreichen.
LG uwesch

 Mondscheinsonate antwortete darauf am 20.08.22 um 21:08:
Vielleicht versuchen sie den Weg zu finden? Sie verirren sich.

 AngelWings schrieb daraufhin am 20.08.22 um 21:12:
Wenn, kein Internet geben wird! Wird unter Freund oder Feinde weiter verbreitet.

 Mondscheinsonate äußerte darauf am 20.08.22 um 21:14:
So eine Selbstdarstellung in "echt" kenne ich nicht.

 Dieter_Rotmund (21.08.22, 09:25)
"Schlimm" ist ein Adjektiv und bleibt es auch in der komparativen Form, erst im Superlativ erhebt es sich zum Substantiv...

 Mondscheinsonate ergänzte dazu am 21.08.22 um 09:30:
Ich habe es ausgebessert.

 Verlo (21.08.22, 10:12)
Das eigentlich Problem ist die Hoffnung, daß andere etwas tun, damit es einem besser geht.

Dabei gibt es dafür eine einfache Lösung ...

Kommentar geändert am 22.08.2022 um 00:35 Uhr
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