10.2013 – 1.2014

Revue zum Thema Leere

von  Terminator

Masterarbeit: das erste Gutachten ist da. Eine 1. 1 im Bachelor, 1 im Master. Und dabei ein 2,5-Schnitt beim Abitur. Wie ein Sprinter, der einen 40-Kilo-Kartoffelsack auf den Schultern hat. Das war meine Schulzeit. Im Studium war ich eher wie der Gewichtheber, der zusätzliche 100 Kilo heben musste, und übertraf den Rekord dennoch um 50 Kilo. 90% meiner Studienleistung war dabei gar nicht in die Note eingeflossen: ich hatte für mich selbst Philosophie studiert.


Der Winter 2013/14 war dann eine komische Zeit. Ellen Page kam heraus als lesbisch, was in meinem persönlichen und völlig unpolitischen Kontext ein Grund zur Freude war. Und dann erledigte sich auch der Kontext. Ich verschwndete meine Zeit mit Schnulzetten wie Flamingo Road und hatte Bock, Bock zu haben, etwas zu tun. Ich erhöhte den Leitzins meiner Leistungserwartung und leistete, wo Leistung möglich war. Ein fünfjähriges Anthropologiestudium in fünf Monaten, 10 Jahre Leben pro Woche, das Leben nicht an den einzelnen Phänomenen, sondern an den Eiern des Quellcodes gepackt.


Mit 30 war ich dennoch ein ineffizienter fauler Sack, und fühlte mich nicht einmal 1000 Jahre alt. Mit 39 bin ich locker 10000. Und doch verschwende ich zu viel Zeit, mache zu wenig, und doch bin ich bei den wichtigsten Dingen so effizient, dass ich nach Monaten Ziele erreiche, die ich mir für die nächsten Jahre gesetzt habe. Nur in der Außenwelt ist ein solcher Entwicklungsfortschritt nicht möglich. Es gibt zu viele von Mediokritäten für Mediokritäten gebaute Strukturen, alles bremst mich aus, ich fühle mich wie im Moor mit einer Zwangsjacke und mehreren Gewichten am Fuß.


Ich könnte ein erfolgreicher Schriftsteller sein, Regisseur, Wissenschaftler, Politiker, Prophet, Terroristenführer, Erotomane, Entertainer (heute heißt es Youtuber), aber nicht alles davon. Aber ich will mich nicht auf eine Sache beschränken! Den betörenden Glanz der Dummheit, Esther Vilars Erfolgsformel, sucht man bei mir vergeblich. Mein Leben ist so intensiv, dass es nach Stillstand aussieht, so dicht, dass es leer wirkt.


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Kommentare zu diesem Text


 Dieter Wal (08.09.22, 08:58)
Prophet, Terroristenführer,
Lass mal. Wär schade um das ausgeschöpfte Potenzial.


Den betörenden Glanz der Dummheit, Esther Vilars Erfolgsformel, sucht man bei mir vergeblich.
Schon. Doch dass man seine eigenen Fehler eher nicht oder völlig verzerrt wahrnimmt, liegt in der Natur des Menschen.

 Terminator meinte dazu am 08.09.22 um 21:22:
Ich würde gern jemanden kennenlernen, der auch so selbstkritisch ist wie ich, ständig aus seinen Fehlern lernt und niemals aus bloßer Rechthaberei bei einer Meinung bleibt.

 Dieter Wal antwortete darauf am 08.09.22 um 21:57:
Das wünsch ich Dir auch.

 Fetzen (08.09.22, 22:05)
Intelligente Menschen haben es im Studium oft leichter als in der Schule. In der Schule sind sie der Unterforderung ausgeliefert, im Studium können sie den Schwierigkeitsgrad weitestgehend selbst gestalten.

Es gibt zu viele von Mediokritäten für Mediokritäten gebaute Strukturen, alles bremst mich aus, ich fühle mich wie im Moor mit einer Zwangsjacke und mehreren Gewichten am Fuß.
 Und das hier hätte ich auch nicht besser ausdrücken können.

Kommentar geändert am 08.09.2022 um 22:23 Uhr

 Terminator schrieb daraufhin am 09.09.22 um 00:38:
Der bloßen Unterforderung kann man damit entkommen, dass man sich zusätzlich anderen, selbst bestimmten Aufgaben widmet. Doch wenn der Aufmerksamkeitsraub dazu kommt, der Zwang, sich auf Banalitäten und stupide Aufgaben zu konzentrieren, geht mentale Energie und Motivation verloren. Das Lernen wird nach dieser wiederholten Erfahrung als traumatisch erlebt. Hochbegabte haben nach der Schule manchmal sogar PTSD, und müssen die Lust am Lernen, die die Schule ihnen ausgetrieben hat, neu entdecken.

 Fetzen äußerte darauf am 09.09.22 um 15:32:
Darf ich fragen, ob du den Test von Mensa gemacht hast?

 Terminator ergänzte dazu am 11.09.22 um 04:37:
Einmal vor der Einschulung in der UdSSR, einmal mit 17 in Deutschland. Ich weiß nicht, ob der von Mensa war.

 Fetzen meinte dazu am 11.09.22 um 10:56:
Traurig, dass du trotz der Bekanntheit, nicht die Förderung bekommen hast, die du gebraucht hättest.

 harzgebirgler (09.09.22, 06:43)
es spiegelt eine eingeschlossenheit
die sich vermutlich schwer nur selbst befreit.
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