Chaos

Text zum Thema Abrechnung

von  Mondscheinsonate

So verlasse ich mein Lernzentrum, meinen Schreibtisch, drehe mich noch einmal um und lächle, das Papierchaos gefällt mir, es hat etwas von Rebellion, kämpft gegen den Mief meiner Kindheit an, wo alles in Schränken aufbewahrt wurde, weggesperrt und sortiert, geordnet war. Überall Schränke, vom klassischen Wandverbau bis zur Kommode, alles war weg, nichts durfte herumliegen, selbst der Bleistift, harmlos in seiner Existenz, musste in den Köcher, blitzblank, Meister Propper. 

"Das Kind greift alles an, überall die Tapser!" Schon kam sie, die Großmutter, mit einem weichen Tuch und Möbelpolitur. Schön war der Couchtisch, mit einem gehäkelten Tischtüchlein und einer Kristallschale, wo nie etwas darin war.

Überall Kästen, sogar über meinem Bett, zuhause lag ich und fürchtete mich täglich, dass das Ding über mir zusammenkrachen würde. Ich funktionierte es als Lesezelt um, riss jede Nacht ein Laken heraus, klemmte es in den Schranktüren ein und las mit der Taschenlampe, bald kaufte ich mir drei, hatte Festbeleuchtung und las heimlich, dies war weniger heiß als unter der nächtlichen Decke zu lesen. Wenn ich so einschlief, war es Pech, dann wurde ich in der Früh erwischt.

Überall Kästen, spannend sie zu öffnen, was war da für ein Leben drinnen? Unter Strafe verboten, es waren Laken, Decken, Schmuck, Bücher, eine Lesebrille, so viele Dinge, alles verschlossen, nichts durfte nach außen dringen. Mir kam vor, je mehr Kästen, desto reicher war der Mensch, überall waren diese Monster des Wohlstandes. 


Nein, mein Schreibtisch hat keine Schubladen, alles liegt auf dem Tisch, ich muss es sehen und ja, es gibt einen Köcher, dennoch liegen die Stifte daneben, nichts wird weggeräumt, Wissen und spätere Bildung muss gesehen werden, Geld habe ich keines, aber das schon, das nimmt mir keiner mehr weg, das muss man nicht versperren, das ist offen für jedermann auch Frau. Es wird offen gedacht, offen geredet, nichts landet im Schrank und verstaubt dort elendig.


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Kommentare zu diesem Text


 RainerMScholz (30.09.22, 23:53)
Die sinnlosen, grotesken, absurden, wohlmeinenden, übel nach 4711 riechenden, Ich-meine-es-doch-nur-gut-mit-dir, Kind...Monster des Wohlsatandes.
Grüße,
R.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 30.09.22 um 23:54:
Ja! 4711 und Lavendel.

 AchterZwerg (01.10.22, 07:42)
Ja, ja der Anstand.
Gut, dass der in den güldenen 70ern mal aufgebrochen wurde. <3
Dafür bewegen wir uns nun wieder Richtung 50er Jahre und werden  deine Großmutter bald in einem Umzugskarton wiederentdecken.

Bange Grüße
der8.
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