Wandertag

Text zum Thema Abrechnung

von  Mondscheinsonate

Meine Mutter drehte stets durch, wenn ich ihr um sieben Uhr in der Früh sagte, dass heute Wandertag sei. Dann rannte sie zum Greissler und besorgte mir zwei Extrawurstsemmeln, zwei Sunkist und eine Packung Mannerschnitten. Die Wustsemmeln aß ich nie. 

Nun, man könnte mir dieses Versäumnis der rechtzeitigen Mitteilung durchaus vorwerfen, wäre nicht der Umstand, dass die Mutter, nein, alle Eltern, am Anfang des Schuljahres alle Termine ihrer Kinder bekamen und die wurden sorgfältig auf Stehkalendern vermerkt, nicht so bei uns, es gab zwar auch einen Kalender, aber da standen nur Mutters Termine darauf, ich existierte nicht und da sie sich sowieso keine Zusatzangebote der Schule oder Privat leisten wollte, das Saufengehen war teuer genug, musste sie sich, außer Wandertagen nichts merken und so fand ich, dass es ihr anscheinend nicht wichtig genug war, das dachte ich, während ich in meinen Buchkalender sah, in dem feinsäuberlich alle Termine meiner Nichte eingetragen wurden, die mich auch etwas angehen, wie Schulsingen oder Theateraufführungen, selbst den Zirkus ließ ich über mich ergehen. 

Auch könnte ich mich nicht erinnern, meine Mutter jemals auf einer Aufführung der Schule gesehen zu haben. Als einziges Kind war ich stets alleine, konnte niemanden um Geld für das Buffet bitten, ging zumeist schnell nachhause, damit es niemanden auffiel, dass ich ein sozial verwahrlostes Kind war. Ich schämte mich sehr. 

Nun, die Schreierei beim Frühstückstisch, es gab nur Tee, ließ ich stoisch über mich ergehen, schließlich wusste ich, wenn ich verschwitzt nachhause kommen würde, wäre sie sowieso nicht da, denn das "furchtbare Kind" wäre sowieso wieder ein Grund für eine Sauftour gewesen. Ja, es kam auch so. Meine Erlebnisse vom Wandertag erzählte ich dem Hund. 

Somit war es stets dasselbe und untertags blendete ich die Mutter immer aus, aber auch das kann man mir nicht vorwerfen, schlussendlich existierten weder meine ältere Schwester, noch ich, sie erzählte später herum, lange, nachdem wir sie verlassen hatten und nie wieder zurückkamen, dass ihre beiden Zwillingssöhne bei einem Autounfall gestorben sind. Sie bekam Mitleid von den Unwissenden und auch von den Wissenden. Von mir auch.



Hinweis: Du kannst diesen Text leider nicht kommentieren, da der Verfasser keine Kommentare von nicht angemeldeten Nutzern erlaubt.

Kommentare zu diesem Text


 Dieter_Rotmund (02.10.22, 15:59)
Ich würde etwas mehr "Show, don't tell" machen, dann wirkt es nicht so sehr nach formulierten Selbstmitleid.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 02.10.22 um 16:03:
Was willst denn sehen? Die Kotze nach dem Saufen?

 Dieter_Rotmund antwortete darauf am 02.10.22 um 16:22:
Offenbar sagt dir der Begriff bzw. dieses Prinzip nichts?

Konkret: dass die Kinder sozial verwahrlost waren, musst du nicht ausdrücklich schreiben (tell), das wird durch die beschriebenen Handlungen klar (show). 

P.S. Etwas mysteriös ist dieses "verschwitzt nachhause kommen" bzw. die damit verbundene Anspruchshaltung (?). Ebenfalls irritierend sind die vagabundierenden Verwandtschaftsverhältnisse, aus der Schwester wird eine Nichte und dann Zwillingsbrüder? Das ist offenbar nicht sorgfältig voneinander abgegrenzt.

Ansonsten gerne gelesen.

Antwort geändert am 02.10.2022 um 16:22 Uhr

 Graeculus schrieb daraufhin am 02.10.22 um 16:27:
die vagabundierenden Verwandtschaftsverhältnisse, aus der Schwester wird eine Nichte und dann Zwillingsbrüder?

Diese Unterschiede sind doch klar zu verstehen:
- Schwester: in der Kindheit
- Nichte: heute, Tochter der Schwester
- Zwillingsbrüder: lügnerische Erfindung der Mutter

 Mondscheinsonate äußerte darauf am 02.10.22 um 16:31:
Ja, eigentlich ist es klar, dachte ich.

 Graeculus (02.10.22, 16:16)
Man kann manches vergessen (im Sinne von: hinter sich lassen), aber nicht die Kindheit als Hölle.

 Mondscheinsonate ergänzte dazu am 02.10.22 um 16:18:
Stimmt, obwohl, mit den Jahren aus der Vogelperspektive etwas leichter.

 Teolein (02.10.22, 16:35)
Meine Güte!
Das Leid ist ja schwerlich zu ertragen.
Sehr mutig, es so niederzuschreiben.
Lieben Gruß 
Teo

 Mondscheinsonate meinte dazu am 02.10.22 um 16:40:
Ach, lieb, ist vorbei und das Wichtigste ist: distanziert davon.

 Teolein meinte dazu am 02.10.22 um 17:13:
Ich würde es dir wünschen.
Eigentlich....wird man die Last nicht mehr los....

 Verlo (02.10.22, 17:36)
Meine Mutter ist nie morgens aus dem Haus gegangen, um mit etwas zu essen zu kaufen.

Warum muß die Mutter wissen, daß Wandertag ist?

Wieso kotzt die Mutter nach dem Saufen, wenn sie laufend saufen geht? Eigentlich sollte sie sich an den Alkohol gewöhnt haben.

Wieso hat die Protagonistin keine Freundin oder Freund?


meine ältere Schwester, noch ich, sie erzählte später herum, lange, nachdem wir sie verlassen hatten und nie wieder zurückkamen,

Hier hab ich mich gefragt, warum die Schwester verlassen wurde ...

Gab es keinen Vater?

Wieso sollte es Eltern interessieren, was das Kind an einem Wandertag erlebt? Zumal sie zwei Töchter haben, die sich vermutlich ein Zimmer teilen, und der Hund gern zuhört.

Ich weiß nicht, was die Autorin mitteilen wollte, aber ich kann Dieters Aussagen


... wirkt es ... nach formulierten Selbstmitleid.

nachvollziehen, obwohl Dieter und ich nicht nur bei Corona verschiedener Meinung sind.

Unterm Strich teilt der Text mit, daß ein Kind nicht zufrieden mit der Mutter ist. Den Rest muß der Leser vermuten.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 02.10.22 um 17:55:
Deine Fragen kann ich leider nicht nachvollziehen. Eigentlich sollte eine Mutter die Termine ihrer Kinder wissen, sie ist Erziehungsberechtigte.
Muss es immer einen Vater geben?
Der Vater meiner Nichte ist gerade mit 48 gestorben. Also nein. Meine Eltern waren geschieden. Wow, deine Ansichten, dass Kinder lieber dem Hund etwas erzählen sollten, finde ich spannend.
Der Text sagt aus, dass die Mutter eine, mit sich selbst beschäftigte Säuferin ist, die widerwärtiger nicht sein konnte. Selbst Dieter hat das nicht in Frage gestellt, eigentlich geht das gar nicht.
Ob man den Text mag oder nicht, das schon.

 Verlo meinte dazu am 02.10.22 um 18:41:
Wenn kein Vater zu Hause war, dann ist die Situation eine andere.


Der Text sagt aus, dass die Mutter eine, mit sich selbst beschäftigte Säuferin ist, die widerwärtiger nicht sein konnte.

Nein, der Text sagt aus, daß eine Tochter nicht mit ihrer Mutter zufrieden ist, dabei allerdings den Vater ausklammert.

Jemand, der trinkt und laufend kotzt, ist auch kein Säufer. Säufer kotzen nicht.

Könnte sein, daß die Mutter gar nicht laufend saufen war, sondern ausgegangen ist, um einen Mann zu finden und von Männern besoffen gemacht wurde, um damit sie gefügig wird.

Eine Frau mit zwei Kindern ohne Mann – Männer brauchen weniger Gründe, um sich jeden Tag die Birne zuzudröhnen. Die kotzen dann nicht. Die sind dann auch nicht zu besoffen, um mit ihren Töchtern noch "bißchen zu kuscheln".

"widerwärtig" – falls bei nicht mehr passiert ist, beschriebt widerwärtig mehr das Gefühl der Autorin als das Geschehen zu Hause.

Wie gesagt: die Autorin wird Gründe für ihre Gefühle haben, aber der Leser kann diese nicht nachvollziehen.

Davon abgesehen: nach über 30 Jahren sollte man überwunden haben, daß die Mutter sich nicht für den Wandertag interessiert.

Ich kann mich noch nicht einmal daran erinnern, meiner Mutter von Wandertagen oder ähnlichen Ausflügen erzählt zu haben. Das geht meine Mutter doch gar nichts an. Hätte sie gewußt, was da abgegangen ist, hätte sie mich vielleicht beim nächsten Mal nicht teilnehmen lassen.

Tut mir leid, Mondscheinsonate, aber nach dem Text hab ich mehr Verständnis für die Mutter als für die Tochter.

Würde mich nicht wundern, wenn die Tochter die Mutter verantwortlich gemacht hat (und macht), weil der Vater nicht mehr zu Hause war und die Mutter das jeden Tag hat spüren lassen.

Aber solche Wut ist nicht so stark, daß sie Jahrzehnte hält.

Vielleicht muß die Mutter immer noch für etwas herhalten, was mir ihr nichts zu tun hat.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 02.10.22 um 18:49:
Wo steht eigentlich kotzen?
Grundsätzlich war meine Mutter eine schwere Alkoholikerin und Drogensüchtige, die dreimal in Therapie war und dann nicht mehr. Ich bin sehr schockiert über dein Kommentar, lasse es aber nun so stehen. Es erinnert mich nämlich an die Frau vom Jugendamt, der die Mutter erzählte:"Sie trinke, weil die Kinder sie nerven." Daraufhin bat die Dame, wir mögen doch braver sein. 
Aber ja, die Täter-Opfer-Umkehr kennt man nur zu gut. Ich war übrigens 10, da braucht man Mütter noch, jetzt sie uns. Ich fasse es wirklich nicht, was du schreibst, selten sowas gelesen.

Antwort geändert am 02.10.2022 um 18:52 Uhr

 Verlo meinte dazu am 02.10.22 um 19:35:
Ich weiß, was in meinem Leben alles passierte, als ich zehn war.

Ich wäre froh, wenn es nur ein Wandertag, der meine Eltern nicht interessierte, wäre. 

Tut mir leid, Mondscheinsonate, dein Text löst in mir kein Mitgefühl für das Kind aus.

Außerdem kann ich aus dem Text heraus auch nicht die Gefühle – der ausschließliche Haß gegenüber der Mutter – des Kindes nachvollziehen.

Antwort geändert am 02.10.2022 um 21:05 Uhr

 Mondscheinsonate meinte dazu am 02.10.22 um 20:08:
Es gibt ja noch andere Texte ;)
Musst ja nicht, verlangt keiner.
Zur Zeit online:
keinVerlag.de auf Facebook keinVerlag.de auf Twitter keinVerlag.de auf Instagram