Der Baum

Text zum Thema Abschied

von  Mondscheinsonate

Der Baum, der mit mir mitwuchs, man pflanzte ihn 1976, genau in dem Jahr meiner Geburt, eine Linde, sollte gefällt werden, das erfuhr ich von einer Nachbarin und das war 2013, ihm ging es nicht besonders gut, sagte die Nachbarin und so rief ich ihn an, er war nicht einmal verwundert, auch nicht nach 14 Jahren, ich sagte, er solle den Baum retten, bitte, unbedingt, er wird sich schon erfangen. Da seufzte er, sagte: "Cori, der ist wirklich krank." Ich sagte darauf: "Du bist Bezirksrat gewesen und bist Klubobmann der Grünen, ist mir wurscht, der Baum gehört mir, das ist mein Baum!" Er sagte: "Ich schau, was ich tun kann."

Das war unser letztes Gespräch, dass ich längst vergessen hätte, wenn ich nicht im Facebook gesehen hätte, dass er mir am 8.Juni 2013 Alles Gute wünschte und... dass der Baum stehen bleibt. Ich habe am 9. Juni Geburtstag, aber ist egal, ich hab mich gefreut. D. schickte mir vorgestern ein Foto von sich im Hof, im Hintergrund war der Baum. Ich lächelte. Sie werden ihn nun, da er verstarb, fällen, es werden Herrschaften mit Sägen kommen und ihn kurz und klein sägen, Baum fällt, das ist so sicher wie das Amen im Gebet. So läuft es in Wien, alles braucht seine Beschützer. 

Ich sah mir seine Fotos an, der Verfall ging mir tief ins Herz. Ja, wir werden alle alt, das ist eben so, aber, es macht einen Unterschied, ob man jemanden alt kennenlernt oder ob man ihn jung gekannt hat und dann alt erst wieder sieht. Auch, das zusammen Altwerden schreckt manchmal, da sehe ich meinen Vater an und nun sieht er aus wie ein ganz alter Mann, überhaupt seit der Krankheit und nein, es geht mir nicht um Schönheit, sondern um das Leben, das langsam schwindet und es zerreißt mir das Herz, ich will sein Leben festhalten, aber das kann ich nicht. Ja, ich sah mir die Bilder des Verstorbenen an und erschrak, bereits gezeichnet von der Krankheit, vom Saufen, ein Augenlid verdeckte das Auge fast komplett. So ein schöner Mann war er, nun hatte er bereits einen breiten Bauch, tat aber noch immer auf Johnny - lässig. 

Der Baum wuchs mit uns beiden mit und so lebte er, der Verstorbene, ein Stockwerk über mir und manchmal ging ich an lauen Sommernächten zum Fenster, alles schlief bereits, wir nicht, und sagte: "Du, der Baum geht schon bis zu dir!" Da trat er auch ans Fenster, stand hinter mir, ganz nah und sagte: "Das ist dein Baum. Das ist so nett."

Und als ich die Fotos betrachtete, eines war von 1972, da war er ein hübscher junger Mann, las ich, was eine Frau darunter schrieb, sie schrieb: "Meine Güte, so hübsch, ich war damals so verliebt in dich, so wie so viele!"

Und ich dachte, dass ich nie verliebt war in ihn, das war eben das Irritierende, so war ich es gewöhnt, als junges Mädchen sofort "voll verliebt" zu sein, mit Weltschmerz und schwärmen, ja, so war das, das Gefühl hatte ich nie bei ihm, nein, auch war ich nie eifersüchtig, gar nie, sondern, es war warm und schön, wenn ich in seiner Nähe war, kaum war ich weg, war ich wieder in irgendjemanden, so viele und ständig, verliebt. Ja, betont, es war komisch, das Ganze war komisch, wie eine Zwangsehe, die sich mit der Zeit zu lieben gelernt hat, wie ein altes Ehepaar. Vielleicht war es so, weil ich seiner Liebe sicher war.


"Du, ich bin so in den Robin verliebt!" "Das sieht ein Blinder!" "Ja, aber der will mich nicht!" "Weil er dumm ist!" "Nein, der ist total lieb!" "Ja, aber dumm!" "Wieso ist der dumm?" "Seine geistigen Kapazitäten sind eben beschränkt." "Ich will keinen Mathematikprofessor, sondern den Robin!" "Außerdem ist der komplett deppert, schau ihn dir an, klebt mit dir zusammen und geht nicht ins Bett mit dir!" "Wir kleben auch zusammen und gehen nicht ins Bett miteinander!" Schweigen. "Und, ist er noch immer deppert?" Er sah mich lange an, sagte: "Vielleicht hat er Angst vor dem Danach." "Er oder du?"

"Cori, es ist spät, ich muss morgen früh aufstehen, Hopp Hopp, runter vom Sofa!" 

Robin war und blieb dumm, ich habe ihn aber gerne und einmal sagte er, also Robin: "Ich kann nichts mit dir haben, ich habe Angst, dass es dann anders werden würde." Ich werde das Gespräch nie vergessen, weil es das einzige Mal war, wo er keine Antwort gab, die konkret gewesen wäre. 


Und gestern schrieb ich einen langen Brief an seinen liebsten Freund und Mentor und es ist mir egal gewesen, dass dieser Brief durch 60 Hände gehen wird, denn er sitzt in der Hofburg, dort ist sein Büro und dort wacht er über den Staat als oberstes Verwaltungsorgan. Ich schrieb, was er immer über ihn sagte, er sagte: "Du wirst sehen, der Sascha wird mal Präsident!" Ja, alles was er sagte traf ein, immer. Ich habe auch keine Angst mehr, etwas zu sagen, so kommt man nicht weiter, wenn man nie etwas sagt. 


"Mein Mädchen," sagte er, als er den Kopf in meinem Schoß liegen hatte und in Richtung Fernseher sah, "ich will, dass du es mal gut hast, schau, dass was wird aus dir, das ist wichtig, das Wichtigste überhaupt." 

Der Baum wird fallen, die Jahre haben ihm zugesetzt, die Wurzeln sind unter dem Haus, bleiben. 





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