Glück

Text zum Thema Aufwachen

von  Mondscheinsonate

So stand ich lange in der Kälte, wartete wieder einmal ewig auf die Straßenbahn, hing meinen Gedanken nach, sah mir die Menschen um mich an und plötzlich überschwemmte mich eine Welle an Glück, ich musste lächeln, hielt es kaum aus, das Gefühl habe ich selten, wirklich ganz selten.

So wohne ich schon seit 25 Jahren im Bezirk Floridsdorf, fand es immer, ganz offen, armselig und widerlich, die vielen Versoffenen und von Primitivismus gezeichneten, die Armut und der Verfall, das sprachlich Rausgekotzte, der Neid, der Fremdenhass, die Kotzproleten und ich mittendrin, es sind so viele, man möchte sie schütteln, damit sie es sich schön machen, stattdessen suhlen sie im Selbstmitleid und verunstalten alle Versuche, ihnen Schönes zu bieten, was noch zieht, das ist eine Bühne am Franz-Jonas-Platz, auf der ein Besoffener gröhlt, das nennt sich singen oder Punschstandln auf einem armseligen Weihnachtsmarkt, wo es nur Plastikramsch gibt. Dort lebe ich und manchmal möchte ich kotzen und als ich mir wieder mal, wie fast täglich dasselbe dachte, fiel mir ein, wie gut ich es hatte, wie verdammt gut!

Und, eine Liebe überrollte mich wie ein Tsunami, ich hielt dem kaum stand, da waren die Großeltern, die mich immer beschützten, wenngleich keine Umarmungen schenken konnten und der R., was auch immer das war, dann die E., die Mutter meiner Freundin, die mich täglich, jahrelang bekochte, erzog - sie erzog mich wirklich, da gab es auch Verbote und fixe Heimkehrzeiten und ich schlief permanent bei meiner Freundin - , große Bibliotheken, überall, mir wurde Geld zugesteckt, Urlaube bezahlt, ich wurde von A bis Z beglückt, man ließ mich Cello und Klavier lernen, und den Ellmayer hat auch E. bezahlt und jedesmal, wenn ich heimkehrte, war der Horror groß, aber dann rief ich die D. an, die Mutter von C. und die sagte: "Komm!", R. war öfters auf Kongressen in Österreich unterwegs, dann war sie für mich da und ich ging in Haushalten von berühmten Malern, Architekten aus- und ein, lebte eine Jugend eines Bohemien und hatte nie einen Pfennig. 

Mir ging es gut, der Horror war nur bis 13, dann waren alle Beschützer und vorher eigentlich auch, da hatte ich die alten Witwen. 

Und, ein Gefühl der Dankbarkeit kam zwischen dem Elend auf, denn ohne sie wäre ich jetzt eine von ihnen, definitiv.

Und ich bekam deren Werte mit, liebe die Kunst, die Kultur, schöne Dinge und vergesse niemals selbst zu geben. 

Keiner hat diese Leute gezwungen, sie taten es aus Mitleid und dann aus Liebe und ich liebe sie überalles. 

Und E. gratuliert mir zu jedem Studienerfolg, sie ist noch immer da und ihr Parfüm bleibt in meiner Nase, Knowing von Estee Lauder und R. hatte Cerruti, D. hat Mitsouko von Guerlain, Düfte, die mich retteten und während ich glücklich stand, beinahe überglücklich, sagte ich laut: "Ich liebe euch".



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Kommentare zu diesem Text


 AlmaMarieSchneider (22.11.22, 20:54)
Das "Ich" bewegt sich in einer verhassten Welt, fühlt sich aber als was Besseres. Dann lese ich, dass es teure Parfüms bekommt, bekocht wurde, Geld wurde ihm zugesteckt usw. Trotzdem suhlt es sich in einer Unzufriedenheit, kotzt Leid aus, das ich jetzt nicht recht sehen kann und begreife und ruft nach dem Helfersyndrom. Warum zieht es nicht um? Weg aus der armseligen, versoffenen Gegend, diesen unterbemittelten Menschen, wenn es doch in eine geistig höher gestellte Welt gehört. Das wird ja ständig unterstrichen.
Meine Gedanken dazu, liebe Mondscheinsonate. Aber vielleicht kommt das ja noch.

Liebe Grüße
Alma Marie

 Mondscheinsonate meinte dazu am 22.11.22 um 21:18:
Liebe Alma, 
Ich sehe nur Dankbarkeit. Aber, so liest jeder anders. Und, Parfüms bekommt hier niemand geschenkt. Städte haben ein Gefälle, jede Stadt, das tiefe kann man ruhig auch beschreiben, ich pfeif auf Sozialromantik, ich kenne das, ich sah, was der Alk mit den Menschen macht, daher kotzt es mich an. Die kotzen mich an und ich steh dazu.

 AlmaMarieSchneider antwortete darauf am 22.11.22 um 21:45:
Da habe ich dann Einiges nicht mitbekommen, eventuell das was ich hätte mitbekommen sollen.

 Mondscheinsonate schrieb daraufhin am 22.11.22 um 21:48:
Ist nicht schlimm. :)

 Graeculus (22.11.22, 21:11)
Für mich ist es ein Text über Liebe und Dankbarkeit (zwei zentrale Begriffe in ihm), die zu einem Glück (Titel) geführt haben. Die offenbar schwarzen Seiten von Floridsdorf dienen als Kontrast, als Andeutung dessen, was hätte werden können.

 Mondscheinsonate äußerte darauf am 22.11.22 um 21:21:
Danke, genau meine Intention.Und, ich hätte auch so werden können, durchaus, ich fühle mich gerettet und das erzeugt meine tiefste Dankbarkeit. Menschen, die alles hatten, wollten, dass ich nicht abrutsche und liest man zwischen den Zeilen, so wie du, fühlt den Anker. Pfeif auf Dinge (Besitz), die sind mir egal,.

Antwort geändert am 22.11.2022 um 21:26 Uhr
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