Zwei Tage

Text zum Thema Abschied

von  Mondscheinsonate

Zwei Tage ging es mir gut, dann bog ich um 18 Uhr, es war bereits stockfinster, die Feuerwehreinfahrt zu meinem Hauseingang ein und entdeckte einen Klein-LKW, der die letzten Sachen von Rosi im Inneren hatte, dann war es aus, ich begann bitterlich zu weinen, konnte nicht mehr an mich halten, ich ertrage das nicht, der Gedanke, dass heuer zwei Menschen starben, die mich prägten, weg, fahr fort, komm nie wieder! Ich muss das dauernd mitansehen, wieso!?

Und bald kommt so ein Mistwagen in den Hof und bleibt vor den Stiegen stehen, Männer oder auch Frauen werden die Hintertür öffnen und mit dem Aufzug in den 5.Stock fahren, dort werden sie Kisten holen und einladen. Kisten, mit Dingen, die 71 Jahre jemanden gehört haben, den ich liebte.

Der Bruder, der Golfspieler, mehr weiß ich nicht von ihm, der Unternehmer, tatsächlich, mehr wurde nie gesagt, braucht die Sachen nicht mehr.

Ich brauche seine Bücher, rufe die Nachbarin an, sage: "D., sag bitte dem Bruder, ich kauf sie ihm ab, egal, was er verlangt, ich brauche diese Bücher." Sie wird es ihm sagen, hoffentlich. Wie heißt der Bruder? Ich weiß es nicht mehr. Wusste ich es jemals?

Um Gottes Willen, was mache ich da, meine haben schon keinen Platz mehr! Gut, dann kaufe ich Regale, ich stelle mich zu. Ich verbarrikadiere mich eben.


Weihnachten 1993, die Mutter weigerte sich einen Christbaum zu kaufen, es läutete an der Türe, es war R. R. läutete nie an, wozu, ich läutete immer bei ihm, er hatte einen Christbaum in der Hand, der so groß war wie ich. "Frohe Weihnachten, Cori!" 

Ich strahlte. 

Nein, er sprach nie von Liebe, er zeigte sie. Draußen hatte es 20 Grad, ich weiß es noch, ich traf Christoph auf ein Frühstück. 20 Grad, ich hatte ein T-Shirt an. "Christoph, das ist unheimlich!" 

Das war ein schönes Weihnachten, die Mutter ignorierte mich, kochte nichts, aber ich hatte den Christbaum, der in meinem Zimmer stand, mein "Knut".

Und um 23 Uhr kam R. wieder, ich ging zu ihm und wir tranken Eierlikör und ich legte mich zu ihm und er umarmte mich, alles war gut. Ich war zuhause. 

Wir waren nie einsam.

Ich betrachte ein Foto von mir, da war ich 21, das hat er "geliked", ja, das hat ihm gefallen, auch 14 Jahre später. 

Ich würde ihm heute ganz andere Antworten geben, nach dem Kuss auf meinen Mund, würde ich ihn erwidern. Nach seiner blöden Rede, dass ich eifersüchtig sei, würde ich sagen: "Wozu?" "Auf wen? Auf was?" Ich war nie eifersüchtig, mir lagen die Burschen zu füßen. Ha! Ja, alle. Ich war gleich wie er, deshalb zogen wir uns an, selbstverliebt und von sich eingenommen. Ich würde sagen: "Dich lieb ich!" Ja, würde ich sagen, aber anders, ich würde sagen: "Dich liebe ich anders." "Und, niemand, ja, kann mich unterdrücken, du Unterdrücker!" Ja, er war ein Frauenunterdrücker, liebte das Devote. 

Wieso verzieh ich ihm den Alkohol, der Mutter, dem Sebastian, dem Bernhard nicht? Weil er er war. Ich war verfallen, aber unterdrücken ließ ich mich nicht. 

Ich höre seine Stimme, noch immer, schon wieder, das beruhigt mich, dann lebt er noch. "Es gelte ihnen auch andere Aufgaben zu geben...[...]."

Wieder immer wieder den Konjunktiv Präsens, der uns bestimmte.


Ich sehe, dass die Autotür geschlossen wird. Der Klein-LKW fährt weg. Baba, Rosi, Baba, mach's gut, auf dem Sperrmüll, dort landen wir alle.

Und ja, ich wünsche meiner Mutter, dass eine Familie einzieht, die von weit herkommt und schön fest trampelt, damit sie sich wieder aufpudeln kann. 

Geld hat sie ihm gestohlen und er dachte, ich hätte es gestohlen, deshalb wurde er aggressiv, mir hat sie auch alles gestohlen, einfach alles, nicht nur Wertsachen. Das war der Grund, warum alles passierte. 

Und, diese Familie, die einziehen soll, das würde ihm auch gefallen.

Wir lachen gemeinsam.




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Kommentare zu diesem Text


 Dieter_Rotmund (24.11.22, 16:05)
"Mistwagen"? Spielt das auf einem Bauernhof?

 Mondscheinsonate meinte dazu am 24.11.22 um 16:11:
Wir sagen in Wien auch Mist und das bleibt, weil ich bin hier.

 Dieter_Rotmund antwortete darauf am 24.11.22 um 16:24:
Achso, wieder so ein Austriazismus.

Offenbar hängt der Österreicher innerlich noch sehr an der Landwirtschaft. Das ist schön.

Und was ist dann eine Mistgabel? Ein Abfall-Stecher?

 Mondscheinsonate schrieb daraufhin am 24.11.22 um 16:28:
Eine Heugabel.

 Graeculus (24.11.22, 16:22)
Wenn der Nachlaß eines Verstorbenen entsorgt wird, der doch für ihn eine so große Bedeutung hatte, ist das, zumindest für sensible Menschen, deprimierend. Für die Packer offenbar nicht, die sind abgestumpft.
Daß dabei gleich andere Erinnerungen mit hochkommen, ist klar.

Bei mir sind es Assoziationen: Was wird aus meinen Büchern werden? Niemand weit und breit, der sich dafür interessiert.
Hast Du zufällig noch Platz für 15000 Bücher?
Eh klar, war nur so eine Frage.

 Mondscheinsonate äußerte darauf am 24.11.22 um 16:28:
Jaaaaa! 😂😂😂

 Graeculus ergänzte dazu am 24.11.22 um 16:44:
Oh! Dann überlege ich mir mal, wie ich Dir die dafür erforderliche Wohnung von Dobel nach Wien schicken kann. Sobald ich tot bin.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 24.11.22 um 16:47:
Jetzt bleibst noch lang da.

 Graeculus meinte dazu am 24.11.22 um 16:59:
Mors certa, hora incerta.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 24.11.22 um 17:32:
Leider.
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