Böser Fehler!

Text zum Thema Abschied

von  Mondscheinsonate

So flüchtete ich heute Mittag in den Bipa statt wie üblich in die Buchhandlung, das ist wie ein DM vom Rewe-Konzern. Wandelte zwischen Sensodyne und Panthene Pro V, nahm, was ich brauchte und wollte gerade zur Kassa, da standen die Parfüms und normalerweise ignoriere ich diese, da ich meines nicht in einem Billigladen bekommen kann, aber es zog mich magisch zu den Herrendüften, die es in meinem Leben gar nicht mehr gibt, schon, überall, nur nicht direkt vor meiner Nase ganz nah nicht, auf jeden Fall nahm ich das Cerruti 1881 und sprühte einmal auf meinen Puls, roch es und auf einmal befand ich mich, es geschah wie durch eine Zeitmaschine, in dem winzig kleinen Bad, das in den Gemeindebauten überall so klein war, egal, ob man alleine wohnte oder zu viert, es war überall gleich, links eine Dusche für Untergewichtige, vor einem, in der Mitte, ein Alibert, darunter ein Waschbecken, rechts ging sich eine Mini-Eudora aus, eventuell, er ging in die Waschküche, da stand ein Handtuchhalter. Ich stand in dem Bad und nahm das Parfüm, roch daran, stellte es wieder hin, das war ein Ritual, das tat ich täglich, jahrelang.

Zurück im Bipa, verloren, grelles Neonlicht, "Noch eine Maxima?" fragte die Kassiererin. "Nein, Danke."

Ein Stich in der Magengrube, das ist immer ein Zeichen, dass nun die Gastritis kommt. Immer. 

Ein Nicht-mehr-Aufhören-können an dem Handgelenk zu riechen. Liebeskummer fühlt sich genauso an. Ich kenne nur Liebeskummer, kenne keinen Trauerschmerz. Die Großeltern waren alt, aber als sie starben, das war anders. Ich sagte mir immer: "Die waren alt, da stirbt man."

Bei Tieren ist es auch anders gewesen, da holte ich mir ein neues, war traurig, aber ohne Katze kann ich nicht leben und will ich auch gar nicht, all das war zu akzeptieren. Aber, diesen Tod akzeptiere ich nicht, will ich nicht akzeptieren, kann ich nicht. 

Mein Handgelenk riecht nach Leben, ich höre die Stimme, das ist alles absurd.

Ich trauere keinem älteren Mann nach, keinem 71-jährigen, sondern einem 41-jährigen, alles ist surreal.

Ich trauere nicht, ich habe Kummer, weil ich ging und ignorierte. Ja, seinen 50., 60. und 70.Geburtstag ignorierte ich gekonnt. Ich wusste, es war der 4.7., für mich war das klar, ich würde nicht gratulieren und als Papa mir erzählte, dass er schwerkrank sei, dachte ich nicht ans Sterben, niemals, ich ignorierte auch das, weil mein Groll stärker war. Man darf nicht grollen, man darf es einfach nicht, warum grollte ich so?

Es ist doch alles gut, ich bin gut unterwegs, habe Zukunftspläne, was schert mich, was war?

Was scherte mich, es schert mich jetzt nicht mehr. Der Duft ist so intensiv, es wühlt mich auf. Das letzte Mal roch ich ihn auf seinem Bett liegend, weinend, verzweifelt, aber nicht hilflos. CUT.

Heuer ist es komisch. Der Vater meiner Nichte starb mit 48, kurz danach die Petzi, die hat sich mit 36 umgebracht, dann die Rosi und jetzt er. 

"Würdest du dich bitte rasieren, ich steh total auf deinen Geruch!" "Wenn du magst." Jetzt ist alles gut. Alles keusch wie immer. "Cori, du bist total verklemmt." "Ich?" "Ja." "Wieso?" "Jedesmal, wenn ich irgendetwas Sexuelles erzähle, dann sieht man regelrecht, wie du dich zusammenkrampfst." 

Ja, du, Depperter! Weil ich mit mir selbst kämpfe, du bist alt und ich bin 17! Das geht nicht! 

"So, so," sagte ich.

Ich bin die Depperte gewesen.

Andererseits, vermutlich wäre ich nur eine weitere Bestätigung gewesen, wahrscheinlich. Und, wenn schon.

Tennessee Williams schrieb:

"Ist Ihnen jemals aufgefallen, dass das Leben nur Erinnerung ist, bis auf den einen gegenwärtigen Moment, der so schnell vergeht, dass Sie ihn kaum erfassen können?“ 

Ja, jetzt.

Aber, er schrieb auch: "Würde ich meine Dämonen loslassen, würde ich auch meine Engel verlieren."

Stimmt.

Ich war nicht verklemmt, intuitiv in der richtigen Bahn. 

Cerruti steht bei mir jetzt im Bad.

Alles ist gut.


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