Der Bruder

Text zum Thema Abschied

von  Mondscheinsonate

Jetzt weiß ich wieder wie der Bruder von R. heißt, nämlich Richard, genauso wie mein Großvater. R. sagte früher: "Nun ja, mein Bruder eben...!"

Warum ich das weiß? Er hat der D. erzählt, dass R. sich der Wissenschaft zur Verfügung gestellt hat, ja, heute hängte er einen Partenzettel an das Schwarze Brett, dass der liebe Verstorbene am 18. November im Familiengrab beigesetzt wurde. Keiner hat davon gewusst, einfach niemand. Wisst ihr wo? Am Wiener Zentralfriedhof! Der ist größer als der Erste Bezirk! Und seinen Nachnamen gibt es 600-mal in Österreich!

Aber, mit mir nicht! Selbst in der "Grabstellensuche" scheint er im Netz nicht auf. Familiengräber haben zumeist nur den Nachnamen auf den Grabsteinen stehen, wie "Familie S.". Ein Jammer. Dennoch überlegte ich, wann die Mutter starb, das war Ende 1990 und so grenzte ich in der "Verstorbenensuche" die Möglichkeiten auf zwei ein und gibt es keine Grabplatte, kann man an der frischen Erde sehen, wer hier neu begraben wurde. Nein, mit mir nicht, du Unsympathler, keiner durfte sich verabschieden, aber ich werde auf die Suche gehen und auch beim Portier bekommt man Auskunft, jetzt bin ich nämlich böse.

Und wenn ich jeden Samstag auf diesen monströsen Friedhof gehen muss, ich werde ihn finden, akribisch durchforsten, nur, um vor dem Grab zu stehen und ihm alles zu sagen, was ich mir denke, das kann dauern. Ich brauche das, ich will das und mache das. 

Natürlich kann dieser Zettel auch eine Farce sein, ein Fake, aber das muss ich erst herausfinden und nun gestehe ich zu meiner Schande, dass ich noch nie am Zentralfriedhof war, zumindest nicht, soweit ich denken kann. 

Oh, Gott, wie schlimm. Einer, der größten Friedhöfe und gerade dort!

Auch muss ich sagen, dass meine Trauer bereits zurückgegangen ist, aber, eine Verabschiedung lasse ich mir nicht nehmen, von keinem Idioten namens Richard. 

Da klingt gleich meine Großkusine im Ohr: "Mein Gott, die Tante Therese und der Onkel Richard!", damit waren Oma und Opa gemeint, jetzt verbinde ich den Namen nur mit Zorn und Ekel. 

Ich bin böse, sage es, wie es ist. 

Aber, nächsten Samstag werde ich meinen Rucksack nehmen und auf die Reise zum 2. Tor gehen.



Anmerkung von Mondscheinsonate:

Es lebe der Zentralfriedhof...

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Kommentare zu diesem Text


 Dieter_Rotmund (28.11.22, 12:58)
"Partenzettel", "aufscheinen". Ja, die Austriazismen machen es mir wieder sehr schwer, den Text zu verstehen, sorry, bin kein Ösi.
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