Sturm und Drang

Text zum Thema Aktuelles

von  Mondscheinsonate

Draußen stürmt es. Mein, sowieso schon defekter, Gartenzaun biegt sich, Teile brechen ab. Ich trinke Himbeersaft. Kurze Pause vom Lernen. Die Gefährdungs-, Eingriffs- und Verschuldenshaftung beiseite gelegt. Bei kurzen Sätzen tue ich mir schwerer, die gibt es nie. Das Fenster ist offen. Es weht das Papier vom Schreibtisch. Es liegt nun am Boden. Ich stehe nicht auf. Ich denke an damals. Ich hätte oft bei Gericht sein können, als Klägerin. Damals war ich zu feig. Ich war immer zu feig. Bei R. hätte ich mir einen Rechtsbeistand nehmen müssen. Ich hatte keinen Groschen. Meine Verwandten stahlen ein Erbe. Auch hier war ich feig. Zu guter Letzt' bei B., den hätte ich auf Schadenersatz klagen können, wegen ruinierten Dingen, auch meiner Psyche. Ich wollte Ruhe haben. Die Wahrheit ist, ich war immer in der Opferrolle. Schon seit der Grundschule. Sie hänselten mich wegen abstehenden Ohren. Ich weinte nur. Die Lehrer, Altnazis, quälten, ich weinte nur. Die Mutter tyrannisierte, ich versteckte mich im Schrank. Dann erst, mit dem Fortgehen, nützte ich die Opferrolle aus. Ich mimte die komplette Hilflosigkeit. Ich bekam dadurch alles. Das gefiel den Burschen. Bei R. war die Hilflosigkeit nicht gespielt. Er half, ich dankte. 

Nach dem Vorfall ging ich sofort zur Polizei. Frauen müssen sich zur Wehr setzen. Kurz nur, dann war ich wieder das Opfer und blieb es auch. 

Jetzt nicht mehr. 2021 kämpfte ich für Ruhe im Viertel. Es ist seitdem ruhig. Ich, im Alleingang. Ich schickte der Genossenschaft den Anwalt. Die ignorierten diesen. Das Thema Hundekot ist nicht vom Tisch, ich hatte andere Sorgen. Raus aus der Mutlosigkeit. Der Zaun bricht ganz, ich höre es. Es war eine Frage der Zeit. Morsches bricht. 

C. ruft mich an und sagt, dass seine Beziehung zu Ende ist. Ich bedaure das. Nach dem Gespräch bin ich froh, dass ich schon lange keinen Liebeskummer hatte. Ohne Liebe gibt es anderen Kummer. Den gibt es immer. Letztes Jahr verstarb der Vater meiner Nichte. 48 ist kein Alter. Dann brachte sich die Freundin meiner Schwester um. Rosi starb. Gestern erst wurde ihre Wohnung besenrein gemacht. Ich habe es gesehen, alles leer im Vorbeigehen. Es stach in der Brustgegend. Danach R., das habe ich nicht verkraftet. Wieso? Das fragt mich ein liebgewonnener Freund. Wenn ich es wüsste, wäre es mir lieber. Ist es verwerflich, dass ich froh bin, ihn wieder besuchen zu können, ohne Angst? Der Satz war zu lang. Kurze Sätze mag ich nicht. Sie drücken meine Gedanken nicht aus. Diese sind immer Schachtelsätze. Ich denke drei Themen aufeinmal. Drei ist untertrieben. 

Mich drängt es zu einem Neuanfang.


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Kommentare zu diesem Text


 Graeculus (31.01.23, 23:25)
Sie drücken meine Gedanken nicht aus. Diese sind immer Schachtelsätze. Ich denke drei Themen aufeinmal. Drei ist untertrieben.

"Was ich festgestellt habe, ist, daß eine Sache, mag sie auch noch so kompliziert sein, bei näherem Hinsehen noch viel komplizierter wird."
Habe ich mal irgendwo gelesen. Was zu dieser komplizierten Sachlage paßt, ist der Schachtelsatz. Für Anfänger: einerseits ... andererseits.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 31.01.23 um 23:30:
Ehrlich? Der Schachtelsatz verschiebt ein Ende ganz optimal nach ganz weit hinten.

Antwort geändert am 31.01.2023 um 23:31 Uhr

 Graeculus antwortete darauf am 01.02.23 um 02:23:
Ein eingestürzter Zaun ist nicht nur eine physische Realität, sondern auch eine gute Metapher, die zum letzten Satz des Textes paßt.

 Mondscheinsonate schrieb daraufhin am 01.02.23 um 10:18:
Das habe ich mir im Moment des Knackens auch gedacht.

 lugarex (10.02.23, 07:20)
 Kurze Sätze mag ich nicht.
Dann sind wir zwei.


Gelugenen Neuanfang wünsche ich, Gruss Luga
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