Der Mensch als Viereck mit Dreieck drauf: Normierende Repräsentationen des menschlichen Gefühlslebens

Kommentar zum Thema Fassade

von  Schimmel

Wer einen Gegenstand zeichnen lernen möchte, wie er wirklich aussieht, muss zunächst die Repräsentationen des Gegenstandes in seinem Kopf überwinden; sonst zeichnet er nicht, was er sieht, sondern die Repräsentation. Die Repräsentation ist das genormte, kollektivierte Resultat einer Vorstellung. Sie ist vereinfacht und flach. Zum Beispiel wird ein Haus durch ein Viereck repräsentiert, auf dem ein Dreieck steht. Alle erkennen das Haus darin, weil alle die Repräsentation teilen. Aber Viereck und Dreieck bilden ein Haus nicht so ab, wie es wirklich aussieht. Abgesehen von der Wiedererkennung ist die Repräsentation nichtssagend, niemand kann daraus etwas lernen oder schöpfen.

 

Auch wer über die Menschen schreiben möchte, wie sie wirklich sind, muss zunächst die Repräsentationen in seinem Kopf überwinden, sonst schreibt er nicht über den Menschen, sondern über die Repräsentation einer Rolle mit einem genormten Gefühlsleben und davon abhängigen Handlungsoptionen. Die Überwindung dieser Repräsentationen ist jedoch ungleich schwerer als beim Zeichnen, weil die Repräsentationen von genormten Gefühlsleben die Wahrnehmung schon beeinträchtigen, bevor mit dem Schreiben überhaupt begonnen wird. Wer vor einem Haus steht, sieht das Haus, und nicht die Repräsentation in seinem Kopf. Das beruht darauf, dass die visuellen Informationen über das Haus vom Gehirn leicht zu verarbeiten sind. Wer vor einem Menschen steht, ist einer Flut an Informationen ausgesetzt, die er unmöglich alle verarbeiten kann. Um die Verarbeitung zu erleichtern, ordnet er die Informationen anhand der ihm zu Verfügung stehenden Repräsentationen, die sowohl Inhalte des Bewussten als auch des Unbewussten sind. Weder das Bewusste noch das Unbewusste sind zuverlässig, beide neigen dazu, sich selbst bestätigen zu wollen.

 

Doch es geht noch weiter, auch Gefühle und Gefühlszustände werden anhand von genormten Repräsentationen beschrieben, denn sprachliche Begriffe sind Zeichen, also Repräsentationen an sich. Zum Beispiel will jemand über einen Menschen schreiben, der sich umgebracht hat. Der Schreiberling sucht sich eine mit Suizid in Verbindung gebrachte psychische Störung aus, dann beschreibt er die Person anhand der Diagnosekriterien und sozialrealistischen Kriterien die Lebensumstände betreffend (Repräsentation des Bewussten) und ihr Gefühlsleben anhand überlieferter Repräsentationen von normierten Gefühlen und sich daraus ergebenden normierten Motivationen (Repräsentation des Unbewussten). Die Lesenden bekommen statt einem Menschen ein Viereck mit einem Dreieck darauf vorgesetzt. Paradox ist, dass sie alles verstehen, was geschrieben steht (da ihnen die Repräsentation vertraut sind), aber den Menschen verstehen sie nicht. Sie glauben, das liege daran, dass er eine psychische Störung habe, während sie selbst psychisch gesund seien und sehen sich so selbst als ein Viereck mit Dreieck drauf, nur spiegelverkehrt.

 

Keine genormte Repräsentation wird jemals die Komplexität und Widersprüchlichkeit des einzelnen Menschen realistisch abbilden können, so wie ein Viereck mit Dreieck drauf niemals eine realistische Abbildung eines Hauses ist. Wer auf Vierecken mit Dreiecken drauf als Darstellung besteht, verletzt das höchste Gut des Menschen: seine innere, einzigartige Lebendigkeit. Was hilft es ihm, wenn sein physisches Am-Leben-Sein mit großartigen Worten beschworen wird, wenn dieselben Worte geneigt sind, sein Gefühlsleben auf eine tote Repräsentation zu reduzieren?


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Kommentare zu diesem Text


 LotharAtzert (19.03.23, 17:04)
Weder das Bewusste noch das Unbewusste sind zuverlässig, beide neigen dazu, sich selbst bestätigen zu wollen.
Was du so alles über das Unbewußte weißt, ist wirklich erstaunlich.


Neigst du eigentlich dazu, die Beine übereinander zu schlagen, oder öffnest du sie weit, wie ein Shogun?

 Schimmel meinte dazu am 19.03.23 um 17:13:
Eher ist es erstaunlich, was einige Menschen über vom Unbewusste nicht kennen (oder nicht kennen wollen) und wie Rede und Handeln da auseinanderklaffen :(

 LotharAtzert antwortete darauf am 19.03.23 um 17:22:
Das Unbewußte heißt so, weil es unbewußt ist. Du aber weißt sogar, warum es zu was neigt und das nenne ich erstaunlich.

 Schimmel schrieb daraufhin am 19.03.23 um 17:39:
Menschen transportieren ihre unbewussten Inhalte die ganze Zeit nach außen, LotharAtzert. Das ist ganz und gar nicht erstaunlich.

 LotharAtzert äußerte darauf am 20.03.23 um 09:24:
Menschen transportieren ihre unbewussten Inhalte die ganze Zeit nach außen, LotharAtzert. Das ist ganz und gar nicht erstaunlich.“
Darüber staune ich auch nicht, im Gegenteil. Ich staune darüber, daß mein Versuch, daran zu erinnern, daß der Betrachter (-in dem Fall du) all die Symptome des Verdrängten in der Welt durch die Brille der eigenen Verdrängungen wahrnimmt und beurteilt, solange er sich nicht in Selbstbetrachtung übt, was ein Leben lang geschehen muß, falls das reicht. Hierzu kann die Betrachtung der Beurteilung anderer immer ein guter Einstieg bedeuten, aber das reicht noch nicht, Reflektion und Meditation sind immer probate Mittel der Selbsterkenntnis. Sie müssen nur auch Anwendung finden.

 Schimmel ergänzte dazu am 20.03.23 um 13:07:
aber das reicht noch nicht, Reflektion und Meditation sind immer probate Mittel der Selbsterkenntnis. Sie müssen nur auch Anwendung finden.

Sie sind mein ganzer Lebensinhalt und werden es bleiben, alles andere langweilt mich.

 Mondscheinsonate (19.03.23, 17:22)
Eigentlich kann man überhaupt nicht über andere Menschen objektiv schreiben. Habe ich dich da richtig verstanden? (Ich würde zustimmen.)

 Schimmel meinte dazu am 19.03.23 um 17:34:
Nein, objektiv wird man überhaupt nicht über andere Menschen schreiben können (und über sich selbst auch nicht). Man kann nur versuchen, sich ihrem subjektivem Empfinden anzunähern, ohne es erklären zu wollen, ihre Widersprüchlichkeiten nicht zu glätten und die eigene Subjektivität zu hinterfragen, statt sie zu verteidigen. Das ist genug, um sein ganzes Leben lang mit sich zu ringen.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 19.03.23 um 17:40:
Da stimme ich absolut zu. Auch, wenn es sehr schwer ist.

 Schimmel meinte dazu am 19.03.23 um 17:51:
Ja, aber im Vergleich zu vielen anderen Lebensdingen, die auch schwer sind, ist es zumindest nicht langweilig :) .

 Mondscheinsonate meinte dazu am 19.03.23 um 23:42:
Stimmt.

 AngelWings (19.03.23, 18:28)
Kennt das Spiel, Pipaputzmann! Erst war ein Dreieck am Ende war's es ein Viereck. Ich habe gar gesagt das ich auch Zeiche. Zeichen, auch etwas Ding von mir zu haben, rein aus Kopf.

Kommentar geändert am 19.03.2023 um 18:29 Uhr

 Schimmel meinte dazu am 19.03.23 um 23:11:
rein oder raus?

 AngelWings (19.03.23, 18:32)
Nicht kann er schreibt es selbst, ich bin bloß der öffentliche!

 Dieter_Rotmund (20.03.23, 09:20)
Sauber und geschmeidig formuliert, inhaltlich jedoch nicht sehr spannend, finde ich.

 Schimmel meinte dazu am 20.03.23 um 12:17:
Was findest du spannend?

 Dieter_Rotmund meinte dazu am 20.03.23 um 12:21:
Show, don't tell.

 Schimmel meinte dazu am 20.03.23 um 12:32:
Dann bist du hier bestimmt recht unglücklich.

 Dieter_Rotmund meinte dazu am 20.03.23 um 12:37:
Ja.

 Schimmel meinte dazu am 20.03.23 um 13:00:
Dann hoffe ich für dich, dass jemand diesen Text beherzigt. Er beschäftigt sich schließlich mit der Grundlage von Showing. Ohne die Überwindung der Repräsentationen nutzt die ausgefeilteste Technik nichts.

 Verlo (22.03.23, 06:36)
Ich würde Schimmel wie folgt beschreiben:

Autor, nach dessen Texten man nicht kluger ist als vorher, sich aber kluger fühlt.

 Schimmel meinte dazu am 22.03.23 um 10:33:
Ich habe den Eindruck, du fühlst dich auch so schon ganz klug

 Verlo meinte dazu am 22.03.23 um 15:51:
Ja, das stimmt.

Vor allen Dingen, weil ich erfahren habe, daß die eigenen Fallen mit steigenden Intelligenz gemeiner werden und schwer zu entschlüsseln sind.

 Schimmel meinte dazu am 23.03.23 um 09:26:
Die größte Gefahr ist, sich für intelligent zu halten.

 Verlo meinte dazu am 23.03.23 um 10:40:
Schimmel, welcher größter Gefahr setzt man sich aus, wenn man sich für intelligent hält?
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