Ömchen

Prosagedicht

von  Brot

„Ausweisen!“, zischte Ömchen

zahnlückig, zahnlückig, zahnlückig,

kreuzrubbelnd und sichelschwingend, 

das müde Resthaar in Zorngiebel gelegt-

wie es sich drohend um 

ihr bissiges Pfirsichkernantlitz rankte!

Zittrigen Schritts auf die Dämmerung zu, zu

zermürbt und zerkaut ist die Zukunft-

dieser verrottete Plastikfetzen

war einmal Gas-, nein Heißluftballon-

nichts fliegt, nichts fliegt, nichts hüpft in ihr,

ein Spuk hockt ihr auf dem Buckel,

der Funke Zinnober,

den sie versprüht, ist kalt,

Ömchen kann immer noch zubeißen,

mit den verbliebenen Zähnen

reißt sie an den Häuten der Überlebenden,

appetitlos und roh,

ihr Atem: ein Bronzegelddunst 

ihr Herz: ins Becken gerutscht,

altes Eisen. 

 

Und wie gestern und letztes Jahr

verschloss sich mein Mark

vor einer Berührung mit ihr,

nur meine Hand hielt ich

in die Aschewolken aus ihrem Mund

reglos, nicht fächelnd

es gibt kein Rankommen an das Biest,

Insekten sind zärtlicher,

sang mir die Lerche ins Ohr

und streifte mit ihrem Flügel

mein Schlüsselbein

als sie fiel-

Ömchen holte mit ihrem Spazierhammer aus

und traf sie im Sturz.

 

Erst, als die neuen Kinder 

mich in ihre glänzenden Augen aufnahmen,

wurde es wieder Tag,

für einen Augenblick nur,

gemeinsam bliesen wir in die Singvogelfedern

und mein bissiges, selbstzerfressenes Ömchen

spuckte und zuckte und wand sich

schraubte sich in den Asphalt und verteerte.

Wie sie da zur Statue versteift 

in der untergehenden Sonne zerfiel,

unheilbar verzagt,

hätte ich ihr so gern 

das entzündete Zahnfleisch gestreichelt,

aber ich wusste um ihre Tollwut.



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Kommentare zu diesem Text


 AchterZwerg (18.01.24, 16:48)
Ich wag es kaum zu sagen:
Nicht dumm wie Brot, sondern das Beste, was KaVau derzeit zu bieten hat! :) 
Mit einem hellen Blick für's Wesentliche.

 Agnetia meinte dazu am 18.01.24 um 22:29:
stark geschrieben mit abstrusen und fantasievollen Metaphern "das müde Resthaar in Zorngiebel gelegt"... auf sowas muss man erst mal kommen.
Aber nicht nur die Alten können Drachen sein... ;)
LG von Agnetia

 Brot antwortete darauf am 19.01.24 um 01:23:
@ AchterZwerg 
Ich freue mich sehr  :)
Woher kommt wohl diese Brotdiskriminierung?
Es gib so viele unterschiedliche Brote und ich mag sie alle! Vom spröden Knäckebrot über das saftige Vollkornbrot bis zum knusprigen Baguette! 

@Agnetia
Klar! Vielleicht versteckt Ömchen auch etwas hinter ihrer Drachigkeit und gibt sich selbst genauso wenig eine Chance wie der Welt...

 Didi.Costaire (19.01.24, 08:04)
Eindrucksvoll beschrieben. 

Beim Zahnarzt saßen wohl lauter Privatpatienten und Oma kam nicht dran.

Pass auf, dass du nicht zum Brötchen wirst!

Beste Grüße, 
Dirk

 Brot schrieb daraufhin am 20.01.24 um 13:26:
Vielleicht ist Ömchen auch einfach auf Friedrich Merz reingefallen  ;)

 Quoth (23.01.24, 09:04)
Starke poetische Sprache, aber sie deckt den Charakter der Geschilderten mehr zu, als dass sie ihn enthüllt. Aber das ist, auf Grund der familiären Nähe, wohl beabsichtigt.

 Brot äußerte darauf am 23.01.24 um 11:50:
Es liegt vielleicht daran, dass Ömchen ihre Verletzlichkeit hinter dem Schimpfen auf andere verbirgt.
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