Nacht. Ein verwilderter Garten. Ein Lagerfeuer brennt. Wein, Bier und Schnaps gehen reihum, ein stummes Ritual im Schein der Flammen. Die Gruppe sitzt im Kreis.
Frau 1 und ein Mann stehen etwas außerhalb, aber nicht weit genug, um übersehen zu werden.
Der Anführer erhebt sich. Die Flammen wirken wie sein Atem.
ANFÜHRER:
Freunde.
Die Nacht gehört uns.
Sie schützt, was der Tag verraten hat.
Ein Land ohne Grenze
ist ein Haus ohne Schloss.
Wer alles hereinlässt,
verliert, was ihm gehört.
ERSTE STIMME:
Endlich spricht jemand Wahrheit.
ZWEITE STIMME:
Ja. So ist es.
FRAU 1:
Ein Haus bleibt warm,
wenn Menschen es teilen
und einander tragen.
Der Anführer wendet langsam den Kopf.
ER SPRICHT:
Wer teilt, verliert.
Wer schützt, baut Mauern.
DRITTE STIMME:
Sie stellt wieder alles infrage.
FRAU 2:
Ja. Und es reicht.
Es schadet uns.
Ein Mann tritt entschlossen neben Frau 1. Er wirkt ruhig, aber verletzlich – wie einer, der weiß, dass er in Gefahr ist.
MANN:
Fragen schaden nicht.
Nur Angst vor Antworten.
Unruhe im Kreis.
ANFÜHRER:
Wir tragen das alte Blut.
Es fließt hier seit Jahrhunderten.
Unsere Stimmen wiegen schwerer
als Stimmen,
die gestern erst den Weg hierher gefunden haben
und heute schon entscheiden wollen.
VIERTE STIMME:
Genau! Wir zuerst!
SECHSTE STIMME:
Wir bestimmen, wer bleibt!
FRAU 2:
Und wer geht.
Das ist unser Recht.
FRAU 1:
Blut ist Zufall.
Keine Würde.
Kein Anspruch.
MANN (fester):
Niemand besitzt den Himmel,
unter dem wir stehen.
Mehrere Menschen drehen sich ab, andere rücken enger zusammen.
Die Atmosphäre kippt. Das Feuer klingt wie ein Tier, das atmet.
ANFÜHRER:
Man hat uns erniedrigt.
Geteilt.
Gedemütigt.
Doch wir sind das Herz dieses Landes.
Und sie –
die Lauten,
die Fremden,
die Unreinen –
sie kämpfen nicht mit uns.
Sie kämpfen gegen uns.
CHOR:
Gegen uns!
Gegen uns!
FRAU 1:
Vielleicht kämpfen sie,
weil ihr zuerst Feuer legt.
MANN (laut, warm, unerschrocken):
Vielleicht kämpft das Land selbst,
weil ihr es verbrennt.
Die Stille danach ist messerscharf.
FRAU 2 (laut, aggressiv):
Sie verhöhnen uns!
SIEBTE STIMME:
Sie sind Feinde!
ACHTE STIMME:
Sie gehören nicht hierher!
ANFÜHRER:
Seht ihr?
Wer nicht mit uns ruft,
ruft gegen uns.
Er deutet in die Dunkelheit.
ANFÜHRER:
Dort draußen.
Einer.
Er schleicht um euch.
Ein Name?
Nicht wichtig.
Zu viel Menschlichkeit.
NEUNTE STIMME:
Ich hörte Schritte!
ZEHNTE STIMME:
Ein Schatten! Ich schwöre!
FRAU 2:
Er ist da.
Wer zweifelt, schützt ihn.
MANN:
Ihr hört den Wind.
Mehr nicht.
FRAU 1:
Ihr kämpft gegen eure eigenen Schatten.
CHOR:
Sie schützen ihn!
Sie sind gegen uns!
Gegen uns!
Gegen uns!
Die Stimmen schwellen zu einer unkontrollierten Welle an.
FRAU 2:
Zwei gegen alle.
Zwei Verräter.
ANFÜHRER:
Mut.
Volk.
Recht.
Ordnung.
Ruft sie.
Sie machen euch stark.
CHOR:
Mut!
Volk!
Recht!
Ordnung!
MANN (mit brechender Stimme, aber festem Blick):
Diese Worte sind Waffen,
nicht Werte.
FRAU 1:
Und ihr richtet sie
gegen euch selbst.
Stimmen überschlagen sich:
Geht weg!
Schweigt!
Verschwindet!
Ihr passt nicht zu uns!
Ihr zersetzt den Kreis!
Ihr seid das Gift!
Das Gift!
Das Gift!
Der Kreis zieht sich enger zusammen, wie ein Fangnetz, das zugeschnappt ist.
ANFÜHRER:
Geht.
Heute Nacht brauchen wir Stärke.
Keine Zweifel.
CHOR:
Geht!
Verschwindet!
Nie wieder!
Raus!
Raus!
Raus!
FRAU 2:
Ihr habt hier keinen Platz.
Nicht heute.
Nicht morgen.
MANN (bebend, aber furchtlos):
Vielleicht wird morgen
der Platz größer sein,
weil wir heute gehen.
FRAU 1:
Oder weil ihr uns jagt.
Sie drehen sich zum Gehen.
Der Chor rückt zusammen, eine geschlossene Front aus Schatten und Feuer.
ZWEITE STIMME:
Kommt nie wieder!
VIERTE STIMME:
Wir wollen euch nicht!
SECHSTE STIMME:
Verräter!
Beide!
Frau 1 und der Mann bleiben einen Wimpernschlag stehen.
Frau 1 dreht sich zurück.
SIE SPRICHT:
Wem
dient
das?
Nichts antwortet.
Das Feuer stirbt, als hätte es Angst.
Die Glut krümmt sich in sich selbst,
bis kein Licht mehr übrig ist.
Der Kreis steht reglos da,
zu laut in seinem Schweigen.
Dann fällt die Dunkelheit,
kalt und schwer,
über alle.
©Sigrun Al-Badri/ 2025