Du bist noch nicht geschrieben
und doch kenne ich dich.
Du gehst bereits
durch meine Gedanken
wie ein leiser Gast,
der die Räume prüft,
in denen er später wohnen wird.
Manchmal setzt du dich
in die Stille meiner Nächte
und wartest,
bis ich den ersten Satz wage.
Dann spüre ich dich –
wie eine Bewegung
unter der Oberfläche der Sprache.
Du bist noch namenlos.
Und doch
trägst du bereits Gesichter:
Menschen aus vergangenen Zeiten,
die im Nebel meiner Vorstellung stehen
und darauf hoffen,
dass ich sie ans Licht rufe.
Du bist wie ein Stern,
der noch nicht aufgegangen ist
und doch
das Dunkel verändert.
Und ich liebe dich
auf eine seltsame Weise –
nicht wie etwas,
das mir gehört,
sondern wie etwas,
das mich ruft.
Denn ein Buch
wird nicht geschrieben,
weil wir es wollen.
Ein Buch
geschieht.
Es wächst
in den verborgenen Gärten der Sprache,
bis eines Tages
die erste Zeile
sich öffnet wie ein Tor.
Und dann,
wenn der letzte Satz zur Ruhe kommt,
weiß ich:
Ich habe dich nicht erschaffen.
Ich habe dich
nur
ans Licht begleitet.
©Sigrun Al-Badri/ 2026