Staatsfeind zweiter Klasse

Text

von  Verlo

Als der Staat einschätze, ich arbeite mit dem Klassenfeind zusammen, schloß man mich aus der SED aus und degradierte mich vom Leutnant zum Soldaten. Außerdem durfte ich bestimmte Berufe nicht mehr ausüben und in bestimmten Einrichtungen nicht mehr arbeiten.

Aber man sperrte nicht mein Konto, beschlagnahmte nicht mein Geld, nahm mir nicht mein Auto oder anderes Eigentum, man hindert mich nicht daran, zu arbeiten und Geld zu verdienen, ich konnte mich im Land frei bewegen, ich konnte es sogar verlassen.

Meine Karriere bei der NAV war also beendet, mein Leben eingeschränkt, aber ich war nicht sanktioniert.

Aus der Armee wurde ich erst entlassen, als ich ein Arbeitsverhältnis nachweisen konnte. So arbeitete ich einige Zeit in der Nähe der Kaserne, fuhr also mit dem gleichen Bus zur Arbeit, trug nur keine Uniform und mußten einen anderen Ausweis vorzeigen. 

Und nicht alle Betriebe und Einrichtungen haben sich den staatlichen Vorgaben untergeordnet, mußte nicht Oben nachfragen, ob man mich einstellen darf, sondern haben mich eingestellt.

Ihnen war egal, daß ich Staatsfeind war. Das sagte man mir beim Einstellungsgespräch.

Man hörte sich meine Geschichte an und stellte mich als Hilfskraft ein.

Nach einige Zeit ... am Ende war ich Meister für Trassen und Außenanlagen in einem Heizwerk.

Ich war verantwortlich, daß Betriebe und Wohnungen mit Dampf und heißem Wasser beliefert werden können.

Vermutlich wäre ich Energetiker des Heißwerkes geworden, wenn der in Rente gegangen wäre. Dann wäre ich direkt dem Direktor des Heißwerkes untergeordnet und auf Niveau von Ökonomischen Direktor und Produktionsleiter.

Vom Hilfsarbeiter zum Stellvertreter des Direktor – das ging in der DDR auch als Staatsfeind.

Das ist selbstverständlich nicht in Ordnung!

Und hat bei mir tiefe seelische Wunden hinterlassen.

Gern wäre ich noch einmal Staatsfeind und zwar in der besten Demokratie, die nicht nur Deutschland erlebt, sondern die die ganze weite Welt gesehen hat, um tatsächlich als Staatsfeind behandelt zu werden, nicht nur als Staatsfeind zweiter Klasse.



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