Der Schatten vor Gericht

Dialog zum Thema Recht und Gesetz

von  Saira

Der Richter nahm das Gutachten zur Hand.

„Das psychiatrische Gutachten kommt zu folgendem Ergebnis:

Der Angeklagte zeigt ein ausgeprägtes Bedürfnis, die emotionalen Reaktionen anderer Menschen zu kontrollieren. Er handelt bevorzugt aus der Anonymität heraus. Seine Handlungen richten sich gezielt gegen Personen, die er als Bedrohung oder Kränkung erlebt.

Besonders auffällig ist die Fixierung auf eine einzelne Frau, die nie in einer Beziehung zu ihm stand. Die wiederholte Verbreitung ehrverletzender Behauptungen, die Verwendung entwürdigender Darstellungen sowie die Kontaktaufnahme mit ihrem sozialen Umfeld lassen auf den Versuch schließen, ihren Ruf nachhaltig zu beschädigen und ihre sozialen Bindungen zu beeinträchtigen.

Die Reaktion der Betroffenen scheint für den Angeklagten wichtiger zu sein als der Inhalt seiner Botschaften. Die Angst, die Verunsicherung und die Erschütterung anderer Menschen werden als Bestätigung eigener Wirksamkeit erlebt.

Eine Einsicht in das eigene Fehlverhalten ist nur eingeschränkt vorhanden. Verantwortung wird regelmäßig auf die Opfer übertragen.“

Der Richter legte das Gutachten langsam auf den Tisch.

„Erkennen Sie sich darin wieder?“

„Nein.“

„Das überrascht mich nicht.“

Ein kurzes Grinsen erschien auf dem Gesicht des Angeklagten.

„Psychologen sehen überall Gespenster.“

„Und Sie sehen überall Feinde.“

Das Lächeln verschwand.

„Ich hatte keine Feinde.“

„Warum haben Sie dann eine Frau über Monate verfolgt?“

„Ich habe niemanden verfolgt.“

„Nein?

Der Richter öffnete die Akte.

„Anonyme Schreiben. Verleumderische Behauptungen. Herabwürdigende Darstellungen. Kontaktaufnahmen bei Menschen aus ihrem Umfeld.“

Er blätterte eine Seite weiter.

„Immer dieselbe Person.“

Stille.

„Das nennt man Fixierung.“

„Das nennt man Wahrheit.“

„Wahrheit?“

Der Richter hob den Blick.

„Dann erklären Sie dem Gericht, weshalb Sie Ihren Namen nie unter Ihre Behauptungen gesetzt haben.“

Keine Antwort.

„Wenn man von der Wahrheit überzeugt ist, versteckt man sich nicht.“

Die Kiefermuskeln des Angeklagten spannten sich an.

„Manche Menschen reagieren irrational.“

„Sie meinen die Menschen, die Sie angeschrieben haben?“

„Vielleicht.“

„Mehrere Zeugen berichten übereinstimmend von derselben Botschaft.“

Er nahm ein weiteres Blatt zur Hand und las vor:

„Wenn ihr sie weiterhin unterstützt, werden weitere Briefe folgen.“

Die Finger des Angeklagten begannen zu trommeln.

„Das war keine Drohung.“

„Was war es dann?“

Keine Antwort.

„Eine freundliche Empfehlung?“

Der Angeklagte schwieg.

„Sie wollten bestimmen, wer mit dieser Frau spricht.“

Stille.

„Wer ihre Texte liest.“

Stille.

„Wer ihr glaubt.“

„Ich wollte nur, dass die Leute genauer hinschauen.“

„Nein.“

Die Stimme blieb ruhig.

„Sie wollten, dass die Leute wegschauen.“

Zum ersten Mal zuckte etwas in seinem Gesicht.

„Sie wollten, dass man sie ignoriert.“

Die Hände des Angeklagten ballten sich.

„Sie kennen sie nicht.“

„Darum geht es nicht.“

„Worum dann?“

„Um Sie.“

Die Worte hingen wie ein schwerer Vorhang im Raum.

Für einen winzigen Moment erstarrte er, als hätte ihn jemand mitten ins Herz getroffen. Seine Maske der Überlegenheit zitterte, und ein Schatten von Angst huschte über sein Gesicht.

„Ihre Briefe“, fuhr der Richter fort, die Stimme kalt, aber klar, „sind erlogen. Sie verbergen nichts über die Frau – aber alles über den, der sie schrieb.“

Der Richter ließ die Akte mit einem leisen Knall auf dem Tisch liegen.

Es war mehr als Papier, es war ein Spiegel, der jede Lüge, jede Berechnung, jede Maske unbarmherzig zurückwarf.

„Und was sie offenbaren, ist nicht die Geschichte der Frau“, sagte der Richter, „sondern die des Verfassers. Seine Furcht, seine Wut, seine Lust an Kontrolle – alles liegt entblößt da.“

Der Angeklagte starrte ihn an.

Seine Augen weiteten sich. Ein Flackern von Wut und Verwirrung mischte sich mit der ersten Ahnung, dass die Kontrolle, die er glaubte zu haben, endgültig zerronnen war.

„Das Gutachten beschreibt einen Menschen, der andere erschüttern möchte, weil er sich selbst machtlos fühlt.“

„Unsinn.“

„Ist es das?“

Keine Antwort.

„Denn eines verstehe ich noch nicht.“

Die Stille im Saal wurde schwer.

„Wenn diese Frau tatsächlich so bedeutungslos ist, wie Sie behaupten ...“

Der Angeklagte hob langsam den Kopf.

„... warum haben Sie dann so viel Zeit damit verbracht, sie zu bekämpfen?“

Zum ersten Mal fand er keine Antwort.

Der Richter lehnte sich zurück.

„Ich glaube, weil Sie etwas nicht ertragen konnten.“

„Und was?“

„Dass sie weiterschreibt.“

Die Hände zitterten.

„Dass andere zu ihr halten.“

Sein Blick wich aus.

„Dass sie lacht.“

Stille.

„Dass sie lebt.“

Der Angeklagte senkte den Kopf.

„Und genau deshalb sitzen Sie heute hier.“

Der Richter schwieg einen Moment.

„Nicht wegen ihrer Worte.“

Er zeigte auf die Akten.

„Sondern wegen Ihrer.“



 

 

Sigrun Al-Badri/2026



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