Elegie

Prosagedicht

von  Quoth

Wieviele Hektoliter Tinte
sind von selbsternannten Dichtern
verbraucht worden, um die Schönheit der Natur zu besingen!
Alles nur, um zu verschleiern und zu beschönigen,
dass wir sie ausplündern, drangsalieren, verderben, niedermachen, unterjochen, ausnutzen, verhunzen, besudeln, missbrauchen und zerstören,
wo immer unser nächster Vorteil es erheischt.
Insofern sind die Dichter immer schon
die Ideologen und Verschleierer,
die Lügner und Schönredner,
die heuchelnden Missionare des naturvernichtenden Systems gewesen,
dem keiner von uns, selbst der radikalste Einsiedler nicht, sich entziehen kann.
Wird die Natur es vermissen, wenn ihre Schönheiten nicht mehr gespiegelt werden
von einem Bewusstsein, das imstande ist, sie wahrzunehmen, zu besingen und aufzuschreiben?
Nein. Die Natur liebt ihr Konstrukt, das sich Mensch nennt, nicht.
Sie lässt es sich in den Untergang vermehren,
um es endlich loszuwerden.
Einmal zuckt sie mit der Schulter eines Vulkans
und reisst Hunderte ins Nichtsein.
Das nächste Mal
können es Milllionen sein – es ist ihr – und dem Gott, der sie schuf oder ist – egal,
ja sie belohnt Stätten des Grauens
mit besonders schönen Himmelsverfärbungen.
Ob Saurier durch die Landschaft trampeln, die sich mit blendender Frostklarheit in die Ferne verliert,
ob Nilpferde, Menschen, Rinder, Ratten, sie begrünt sich,
und selbst wenn ihr die Lust dazu auch verginge,
sie hat Millionen von Planeten in Millionen von Kosmen,
auf denen sie andere und noch hundertmal abenteuerlichere Experimente anstellen kann als das mit uns.





Anmerkung von Quoth:

2001

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Kommentare zu diesem Text


 Beislschmidt (05.02.24, 09:30)
Erinnert mich an Matrix, Agent Smith: Der Mensch ist das Karzinom, die Erde ist die Zelle. 
Beislgrüße

 Quoth meinte dazu am 06.02.24 um 11:46:
Ja, stimmt, in der Richtung geht's!

 Regina (05.02.24, 09:42)
Das sind ja starke Worte über die Natur, die dem Menschen noch immer überlegen ist, wenn sie ihn in einer Katastrophe vernichtet. "Machet euch die Erde untertan!" hat anscheinend trotz aller technischen Bemühungen keinen Erfolg. Ihre Schönheit lyrisch zu umschwärmen, wenn der Mensch gerade mal temporär in einer Ecke lebt, wo es ihm gut geht, das wird hier hinterfragt.

 Quoth antwortete darauf am 06.02.24 um 11:48:
Danke für Empfehlung mit Kommentar. Es ist die Spitzweghaftigkeit so vieler Naturdichtung, die mich verdrießt.,

 Saira (05.02.24, 13:38)
Moin Quoth,
 
deine Elegie klagt den Dichter an, der die Natur in Gedichten beschönigend besingt.
 
Hier kommt ein Gedankeneinwand von mir: Ist es wirklich so, dass Dichter die Zerstörung der Natur in Texten verschleiern möchte? Könnte es nicht eher so sein, dass manch Dichter die Ausmaße der Zerstörung durchaus sieht, sich aber an ihrer noch vorhanden Schönheit labt, um nicht in ein tiefes Dunkel zu stürzen?
 
Soll deine Elegie den Wunsch beinhalten, dass Dichter sich in ihren Gedichten mehr der vom Menschen missbrauchten und ausgebeuteten Erde widmen? Welchen Sinn hätte das?
 
Ich denke, es gibt durchaus die Texte, in denen über die Zerstörung der Natur geschrieben wird.
 
Es ist herauszulesen, dass in deinen Augen viele Dichter die Bezeichnung „Dichter“ nicht verdienen, weil sie wohl eher „nur“ Schreiber sind. Da magst du sicherlich recht haben. Allerdings müsste dazu aufgeführt werden, was einen Dichter zum Dichter macht.
 
Ich verstehe deine Elegie als bitteres Resümee mit Blick auf die Natur und den Menschen.
 
Liebe Grüße
Sigrun

„Die Natur braucht keine Menschen – Menschen brauchen die Natur.“ – Henry Ford

 Quoth schrieb daraufhin am 06.02.24 um 11:51:
Der Satz von Henry Ford ist Klasse - aber leider ändert er nichts. Es gibt so viele wunderbare Naturfilme - aber sie haben immer mehr den Charakter von Nachrufen. Danke für die Empfehlung mit Kommentar!

 AchterZwerg (06.02.24, 06:31)
Nein.
Die Natur liebt uns nicht.
Und: Wie recht sie damit hat! 8-)

 Quoth äußerte darauf am 06.02.24 um 11:54:
Denn unsere Liebe zur Natur hat etwas Mörderisches. Wie viele Arten haben wir schon vernichtet! Danke für die Empfehlung mit Kommentar!
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