KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Montag, 01. Juni 2020, 13:39
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Pirandello in Bonn

721. Kolumne

Ich war 1985 in Palermo, ohne Pirandello zu begegnen, kannte ihn aber schon lange. Und nun eine kleine Geschichte:

Am 25.3.19 telefonierte ich mit einem Bonner Geschäftsmann (Vollmar), der mein Alter hat (*1945), der fragte mich: Wat haben Se denn für ein Interesse an dem Pirandello? - Ich: Ich liebe die Literatur, ich war Deutschlehrer. - Er: Hier in Bonn? - Ich: Nee, in Münstereifel. - Er: Saren Se bloß, Se waren am St. Michael...! - Ich: Ja, da war ich. Er: Isch jlöwet net! ...
Christian Vollmar war 1955-1962 als Schüler am St. Michael-Gymnasium und kannte natürlich Guddorf, den damaligen Schulleiter - als der Junge nach Absolvierung der 4. Klasse von seiner Mutter nach dem Tod des Vaters nach Münstereifel geschickt wurde und dort privat unterkam, da nahm er an einem Kindergottesdienst teil, an dem auch Guddorf teilnahm; der Pfarrer fragte die Kinder: Wer weiß denn was vom Herrn Jesus? Der kleine Vollmar meldete sich: Der konnt über Wasser laufen! - Der Pfarrer: Wie hat der das den gemacht? - Vollmar: Der konnte nich zaubern, der stieg aus dem Kahn , wo das Wasser flach war und lief da über die Steine! - Da fragte dann Guddorf nach dem Gottesdienst: Wer ist denn die Mutter von dem Jungen? Und als die Mutter zu ihm kam, meinte Guddorf: Geben Sie mir Ihren Jungen in mein Gymnasium! - Der Schriftsteller Heinz Küpper war sein Klassenlehrer, es war Küppers erste Klasse als Klassenlehrer, und Vollmar sagte, die Jahre in Münstereifel als Konviktschüler waren wunderbare Jahre. Er absolvierte nur die Mittlere Reife (die Mutter brauchte ihren Jungen nun für höhere Aufgaben) und stieg ins elterliche Geschäft ein, das er jetzt noch führt (mehrere größere Geschäfte, Schmuck und Drogerie). Im 1. Stock über dem Schmuckgeschäft am Kaiserplatz lebte der spätere Nobelpreisträger Luigi Pirandello, als er in Bonn studierte. Vom Balkon seines Studentenzimmers konnte er links zum Münster schauen und rechts auf den Kaiserplatz, auf dem ich in der warmen Jahreszeit oft sitze, beim Bücherkarren, im Außenbereich der Gelateria Da Luigi ...
Die Vorgeschichte: Ich dachte, am Geschäft habe sich ein Täfelchen mit Hinweis auf Pirandello befunden. Rainer Maria erzählte mir davon ... Aber Vollmar sagte mir nun, es habe nie eine Hinweistafel auf Pirandello gegeben. Nun aber sei er, wegen meines Vorstoßes, bereit, ein Täfelchen am Haus anzubringen. Ich hatte ihm vorgeschlagen, das Täfelchen zu stiften, wenn er für die handwerkliche Anbringung sorge.
Nun wird das vielleicht Realität. - Am Mittwoch treffe ich Vollmar und bespreche mit ihm die Einzelheiten.

Gestern (27.3.19) traf ich mich mit Johannes Vollmar - drei Stunden lang.
Erst zeigte er mir das Haus und das Zimmer Pirandellos, ich stand auf dem Balkon und sah links zum Münster, rechts zum Kaiserplatz und zur Kreuzkirche.
Vollmar ist ein rüstiger älterer Herr, ne Bönnsche Jung. Geschäftsmann. Verwandt mit allen Vollmar-Geschäftsleuten in Bonn (sie haben den gleichen Großvater, der den liebevollen Spitznamen ‚der christliche Jüd’ trug, weil er jeden Menschen beriet wie ein Rabbi).
Wir tranken in der Gelateria Da Luigi (sic!) einen Capuccino. Ich schenkte Vollmar ein Jahresbuch des Euskirchener Geschichtsvereins, darin mein Aufsatz über Gedichte seines Klassenlehrers Heinz Küpper, Schriftsteller („Simplicius 45“) und Freund Bölls.
V. erzählte noch einmal ausführlich von seinen 7 Münstereifeler Jahren bis zur Mittleren Reife - einmal blieb er sitzen. Ich sagte, ich auch. Er: Das sind die Besten. Ich widersprach nicht.
Er sei aus der katholischen Kirche ausgetreten – das Maß sei voll. Ich dachte: Kein Verein hätte mit einer Verfassung wie die una sancta catholica Bestand vor den Gerichten, und ich dachte an das Hitler-Konkordat ... Vollmar bezog sich auf die sexuellen Übergriffe und das Vertuschen ... Er erzählte von den Altkatholiken, da können die Frauen Priesterinnen werden, es gebe eine Synode, die die Bischöfe wählt, die Gemeinde wählt die Pfarrer - das sei demokratisch.
Wir gingen in die Sternstraße zum Haus, wo der Großvater, der christliche Jüd mit einer Werkstatt für Kerzenproduktion begann. Dann zur Bischofskirche der Altkatholiken in der Bonngasse, unweit des Beethovenhauses, Namen-Jesu-Kirche. Da will Vollmar beerdigt werden, die Urne wird im Altarbereich, nach Öffnung einer Steinplatte, nach unten versenkt. An den Säulen stehen die Namen der Gestorbenen auf kleinen Täfelchen. Wir trennten uns. „Herr Bergmann, das mit der Pirandello-Tafel, das machen wir.“

Ich ging zum Romanistischen Seminar in der Uni - Vollmar erwähnte ein Buch des Bonner Romanisten Willi Hirdt – „Bonn im Werk von Luigi Pirandello“ -, das er verliehen und also verloren hatte. Ein Student wies mir den Weg zur Signatur, wo ich alle Werke von und über Pirandello finden würde - LI 78 - und ich fand das Buch und bestellte es hernach bei einem Online-Antiquariat.

Willi Hirdt lebt noch. Ich fragte ihn, von wann bis wann Pirandello am Kaiserplatz wohnte – und er antwortete mir sehr freundlich, schrieb die genauen Daten auf den Tag genau auf, lehnte aber ein Treffen mit dem Hinweis auf sein Alter ab. Schade.
Aber alles ist nun vorbereitet für die Pirandello-Tafel am Kaiserplatz. Nun ist Johannes Vollmar am Zug.

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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 Dieter_Rotmund (26.06.20)
Luigi Pirandello? War der 1985 nicht schon tot?

 Bergmann meinte dazu am 26.06.20:
1936 starb er im Alter von 69 Jahren.
Ich begegnete ihm zum ersten Mal in seinem Stück 6 Personen suchen einen Autor - als Leser - in den 60er Jahren, später auch auf der Bühne des Bonner Schauspiels.

 Dieter_Rotmund antwortete darauf am 27.06.20:
Achso.
Ich sehe auch gern alte Filme im Kino. Aber das Gefühl, dabei den Autoren und Regisseuren zu "begegnen" habe ich dabei nicht.

 Bergmann schrieb daraufhin am 27.06.20:
Das ist nicht weiter schlimm. Weder bei mir noch bei dir.
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