KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Samstag, 23. Januar 2021, 23:05
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Die schöne Polin: Vierblättriges Glück

752. Kolumne

Würde das Café ‚Glücksklee‘ zum Ort ihrer Verwandlung werden, zum Beginn der Erfüllung meiner Sehnsucht? Das war im Hochgefühl der letzten Begegnung meine Hoffnung. Oder würde die schöne Polin als Zirze auftreten, die mich ver-wandelt wie des Odysseus Gefährten? Ich wusste es nicht. Ich traute ihr alles zu, doch gerade das machte sie so attraktiv, so begehrenswert. Dabei bin ich nicht der Typ, der gern sehenden Auges in sein Verderben rennt. Aber es gibt doch auch Ausnahmen, und es kommt auf den Gegenwert des Preises an, den man be-zahlt.
Wir hatten vier Uhr post meridiem ausgemacht. Ich war pünktlich im Café und setzte mich an einen Tisch vor dem großen, bis zum Fußboden reichenden Fens-ter, das in der Milde des Frühlings weit geöffnet war, so dass die Geräusche auf dem mit Kastanien bestandenen Platz inmitten der Stadt in den Raum drangen. Frühling!, ich fühlte ihn, und ich war noch beschwingter, als sie mit ein paar Mi-nuten taktischer Verzögerung über den Platz lief, eine Blume unter dem Gewöl-be der noch jungen Kastanien, geradewegs auf das Café, was sage ich, auf mich zu, sie sah mich mit strahlenden Augen an – aber täuschte ich mich auch nicht?, galt ihr Strahlen wirklich mir? Unzweifelhaft! Sie schielte ja nicht. Oder war ihr Blick auch wirklich echt? Und: Konnte sie dieses Mir-zugewandt-Sein auch wirk-lich halten, war es eine mir entgegenschlagende Nachhaltigkeit, die mir da ge-schah? Es gehört nun einmal zu den süß flimmernden Brisanzen einer solchen Begegnung, die sich allmählich öffnen kann wie der Kelch einer Rose, auf dass ... aber ich zügelte nun meine überschäumenden Gedanken, als sie die kleine Stufe mit einem eleganten Schwung emporstieg, der ihren Körper so angenehm für mich erschütterte, dass ich sofort den eben unterbrochenen Traum wiederauf-nahm. „Da bin ich“, sagte sie und gab mir die Hand. Ich stand wie betäubt vor ihr und stotterte: „Ich freue mich sehr, dass Sie gekommen sind.“ – „Pacta sunt servanda“, sagte sie, „aber ich treffe mich hier mit einem fremden Mann, dessen Namen ich noch nicht einmal weiß ...“ – „Ich bitte Sie um Verzeihung“, sagte ich, und mit einer Couragiertheit, die ich von mir bisher nicht kannte, stammelte ich: „Paul ...“ und wusste nicht weiter. – „Was Sie nicht sagen ...! Nun gut, das kann ich leicht behalten.“ Sie setzte sich, schaute mir lächelnd in die Augen und fügte hinzu: „... Magdalena.“ Ich war erleichtert. Ihre Reaktion schien meine freche Attacke zu belohnen. Ich musste ja befürchten, dass sie meine vorschnelle Ver-trautheit mit Kühle oder gar Eiseskälte bestraft, der ich nicht gewachsen gewe-sen wäre. „Was wollen Sie trinken?“, fragte ich. – „Am liebsten ein Bier“, sagte sie, „das tut mir gut in der Sonne.“ Sie war aufregend angezogen. Schwarz ge-lackte halbhohe Stöckelschuhe, blaue Jeans, eng anliegend wie bei den jungen Mädchen, ohne Gürtel, drüber eine weiße Seidenbluse, leicht geöffnet unterm Hals, ein in weißes Elfenbein eingefasster Rubin hing in der hellen Hautschlucht, schwarze Haare, frisiert zwischen Pixie und Bob. Als das Bier kam, holte sie ein Büchlein aus ihrer kleinen Handtasche, kaum größer als ein Operntäschchen, au-ßen rotes Leder, innen weiße Seide. Sie ist die schönste Nationalflagge, die ich kenne, dachte ich. Auf dem Cover des kleinen Bändchens – rote Schrift auf wei-ßem Grund! – las ich den Titel: ‚Heiner Müller, Quartett‘. Sie schlug das kleine Bändchen auf und fragte mich mit der leicht schnippischen Miene, die mir nun schon vertraut war: „Ich möchte Ihre Meinung wissen, was Sie dazu sa-gen ...“ und sie las: VALMONT: Was ist. Spielen wir weiter. – MERTEUIL: Spielen wir? Was weiter?“ Ich war perplex. „Ich weiß nicht, worauf Sie hinauswollen. Hat das was mit uns zu tun?“ – „Kommt darauf an“, sagte sie lächelnd, „es be-trifft das Spannungsverhältnis zwischen Mann und Frau.“ – In mir fühlte ich ein wachsendes Nichts, das sich auszubreiten drohte. Wollte sie mich vorführen und vernichten? Aber warum zieht sie sich dann so an? Gerade deswegen? Oder will sie wirklich mit mir spielen? Es gab für mich nur die Flucht nach vorn, Angriff ist die beste Verteidigung: „Gut“, sagte ich, „spielen wir!“ – „Wozu?“, fragte sie, jetzt ganz betont schnippisch. „Das wird sich zeigen“, sagte ich, „entweder wir spielen immer oder das Spiel wird ernst.“ – „Beides kann weh tun“, sagte sie. – „Ich weiß“, sagte ich, „ohne Schmerz kein Herz“, antwortete ich lächelnd. Ich staunte über meine im Nu aus dem Nichts gewonnene Gelassenheit. – „Das ge-fällt mir“, sagte sie schmunzelnd, „das gefällt mir sehr – santé!“ – „A la vôtre!“, erwiderte ich. Auf dem Heimweg dachte ich: War das nun ein Pyrrhus-Sieg oder was?

„O, meine liebe Agnusia“, sagte Magdalena, „ich bin ganz durcheinander.“ – „Ah, ich sehe“, sagte Agnieszka, der Mann hat dich verwandelt. „Ich weiß nicht, ob ich ihm wirklich einen Pyrrhus-Sieg beibrachte, oder ob er einen echten Sieg errang, ich weiß es nicht, ich weiß gar nichts mehr.“ – „Aber meine Leni, nun muss ich dich trösten: jouer avec l’amour – da kann auch eine Niederlage ein Sieg sein.“ – „Meinst du das wirklich, Nieszka?“ – „Wenn du’s noch nicht erfahren hast, dann jetzt.“ – „Er heißt Paul.“ – „Was du nicht sagst! Da spielt ja der Zufall Schicksal mit dir.“ – „Er ist sensibel, und ich glaube, er hat auch Geist.“ – „... Und Pawel, Madzia, was ist nun mit Pawel?“ – „Warum soll ich nicht zwei Männer haben?“ – „Das macht die Sache nicht einfacher, Leni.“ – „Was soll ich machen?“

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