KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Dienstag, 03. November 2009, 10:31
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ALPHABETISMUS - Alpha. alois5 (beneelim). AlmaMarieSchneider. II. Lyrik (4)

Die Lyrik, die ich heute vorstelle, bildet keine besondere Stilgruppe, und nur zufällig fangen die Pseudonyme der Autoren mit A an. Sie gehören nur insofern zusammen, als sie alle zu modernen Lyrismen in ziemlich kleinen prose poems neigen, zu starken, manchmal grotesken und absurd erscheinenden Bildern.

Alpha, *1984, Studentin, zur Zeit in Griechenland. Eine frische literarische Stimme mit tausend Themen in vielen Formen - auf der Suche nach sich selbst und der Antwort auf die Frage, ob es Sinn gibt, was Sinn macht. Noch der leichteste Text wiegt viel. Das Kleinste wird beobachtet und in größeren Zusammenhängen gesehen, und das Schwere wird ganz sanft oder scheinbar unbefangen mit Worten, Bildern und Formen gefesselt. Ich lese die Folge der wachen, intelligenten, ernsten, albernen, spielerischen, ironischen, humorvollen, tanzenden und tänzelnden Texte mit Neugier. „sie ist eine meisterin der minimierung und eine instanz des destruktiven - und so wehrt sie sich erfolgreich gegen die entwicklung, die andere neben ihr und vielleicht sogar wegen ihr vollziehen: vom prägnanten, entfaltbaren kurztext, wo ihr kaum jemand etwas vormacht, hin zur leichten, ausgewogenen dampfhammerprosa, nach der sie sich sehnt“, schreibt eldude.


Augenmerk

Ich habe immer Block und Stift
Mit ins Bett genommen.
Dachte, ich könne mich hoch schlafen.

Ist aber nichts draus geworden.
Als ich mich eines Nachts zur Seite drehte,
Hab ich mir den Stift ins Auge gerammt.

Da entdeckte ich meine Ader
Fürs Wesentliche.


An diesem Gedicht besticht mich die wunderbare Mehrdeutigkeit des Beginns: Das weibliche lyrische Ich will sich selbst steigern, will schreiben, Werke aus sich heraus erschaffen – dieser Akt von Selbstfindung und Transzendenz des Ichs wird selbstironisch konnotiert mit der ersehnten und erlebten Sexualität mit Männern, aber in diesen Versen schläft die junge Frau mit sich selbst, und mit sich selbst kann sie nicht Karriere machen, im Gegenteil, sie verletzt sich nur selbst und nimmt sich das halbe Augenlicht. Das erinnert an Ödipus, der sich blendet, weil er sich für seine Blindheit in der Selbsterkenntnis bestraft. In den Versen erkennt das lyrische Ich noch rechtzeitig, worauf es ankommt: Die Ader fürs Wesentliche – auch dies ein Wortspiel: Alpha entdeckt die Ader wie einen unterirdischen Schatz, den sie jetzt hebt. Es ist die Voraussetzung dafür, dass bald auch ihr Werk mit Block und Stift (noch besser) gelingt.


* * *


alois5, *1976 geboren, kommt aus Oberösterreich – er nennt sich „spaziergänger am strand.“ Seine Texte werden immer kühner in den Wortbildern – stellenweise haben sie noch viel Mystisches, Sentiment und große Gesten, aber das gehört wohl zu ihm. Unter der Milchstraße macht er's nicht, er ist eine denkende, schreibende Zitadelle, ein Bildersäufer, Sternenkegler, er will der ganze Himmel sein, die ganze Welt - das Unendliche ist ihm nicht groß genug, das All zu wenig, er umarmt mehr als alles, sich selbst, er säuft sich leer in seinen Bildern - und so ist es gut.


Schräglichtfluchten

Aus Wolken tönt fiebernde Nacht
Ich sitze am Ufer der Welt
Windversiegelt, zum Schattenbehang
Schweigend befahnen mir Blicke
Das Niemand

Und Niemand auch, der
Mich längsseits des Lebens führt
Und lang zählt mein Auge
Die Stunde, aus der ich
Mich schnitze, beidhändig
Und ins Ablicht hinaus,
Ende und Sturm

Versilbt sich das Schweigen


„Schräglichtfluten“ ist ein Gedicht, das die Balance hält zwischen dem großen Gefühl und der rationalen Gestaltung. In dem Gedicht geht es um Erkennen (Licht), Erwarten („Ich sitze am Ufer der Welt“), Aufbruch (die ganze zweite Strophe!) und Erwachen und Erkennen („Versilbt sich das Schweigen“).
In der ersten Strophe erkennt das lyrische Ich, dass es allein ist, dass es einiges aushält in der Welt, der es sich aussetzt („Windversiegelt“). Es liegt noch die ganze Welt vor ihm (Ufer). Die Natur kommt zu ihm („Aus Wolken tönt fiebernde Nacht“), sie ist schon erlebtes Leben, sie ist aber vielmehr noch Spiegelung der eigenen Innenwelt. Die Blicke, die das suchende Ich „befahnen“ (zu Begriffen führen), kommen (dialektisch) von innen und außen: Es gibt nichts und niemanden („Das Niemand“), der mir sagt, wo es lang geht.
Dieses Schweigen wird aber im letzten Vers überwunden: Aus der Selbsterkenntnis entsteht Sprache. Lange sah der Suchende sich bei seiner prometheischen Menschwerdung zu („lang zählt mein Auge / Die Stunde“). Er erschafft („schnitzt“) sich selbst, „beidhändig“, also mit ganzem Bemühen, er ist sein eigener Gott und Schöpfer. Nicht leicht zu verstehen ist die Lichtmetaphorik zum Schluss. Das lyrische Ich erschafft sich „ins Ablicht hinaus“, wo „Ende und Sturm“ sind. Nicht alles wird gelingen, die Erkenntnis bleibt begrenzt („Ablicht“), Widrigkeiten im Leben und schwere Probleme („Sturm“) und zuletzt der Tod („Ende“) setzen Grenzen. Aber das Wesentliche gelingt, das anfänglich so Unverstandene, nicht Sagbare „Versilbt sich“, wird Wort. Eines der schönsten und besten Gedichte, das ich kenne!


* * *


AlmaMarieSchneider, *1952 geboren, Projektmanagerin aus Bayern.


Kopfbesteck

Es muss ein Loch geben
Ein Loch im Kopf
Nach oben
Von dort wird er gefüttert
Mit kleinen Löffeln
Er muss eine Lizenz haben
Damit er denken darf
Mit der Messerschneide
Stets nach unten
Nur das Aufgabeln
Das bekommt ihm nicht
Dann will er durch die Wand


Das ist bildliches Philosophieren! Ein durchaus politisches Gedicht ist das. Man kann es auch allgemeiner lesen, oder sogar als Witz, aber ich denke, die Bilder sind so geistvoll und prägnant, dass es noch tiefer geht. Der Titel verweist zwar auf einen gewissen Selbstkannibalismus, wenigstens auf Selbstverletzung – aber schlüssiger ist folgende Deutung: Andere bedienen sich meines Kopfes, füttern und mästen ihn, nutzen ihn aus („Aufgabeln“) …
„Es muss ein Loch geben…“ – das klingt fast heiter. Aber dann wird es ernst. Nicht ich steuere mich, sondern mir wird in kleinen Portionen eingetrichtert, was ich denken soll (Eltern, Schule, Kirche, Staat…). Dann wird der Kopf zugelassen (volljährig, examiniert: Abitur, Lehre, Studium, Ausbildung…). Richtig scharf wird das Gedicht nach der Mittelachse, wo der zugelassene Kopf denken darf: Ein Messer sticht von oben hinein – das ist vieldeutig: Dieses Messer lenkt und bestraft, es schneidet heraus, was von oben gesehen falsch denkt. Wenn die Korrektur aber zu stark wird, wenn die Schmerzen des Verbietens unerträglich werden, dann meldet sich zuletzt der unprogrammierte Teil des Gehirns und rebelliert – allerdings nicht besonders erfolgreich. Nur zusammen können wir die Wand einzurennen, die das Denken gefangen hält. Es geht Alma Marie Schneider letztlich um diesen Prozess der Selbsterkenntnis: Wehre dich früher, organisiert euch, ehe es zu spät ist! – Ich wünschte, ich könnte so ein wunderbares Gedicht schreiben!

* * *

Ulrich Bergmann

Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag

Sektfrühstück (41)
(09.02.07)
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