KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Dienstag, 03. November 2009, 10:26
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Suche mit Worten nach Worten - Andrea Miesenböck. II. Lyrik (11)

Andrea Miesenböck, 1978 geboren, nennt sich mica (früher Andrea, elijah) und kommt aus Oberösterreich (Österreich). Andreas Wahlspruch: „Autoren sollten stehend an einem Pult schreiben. Dann würden ihnen ganz von selbst kurze Sätze einfallen.“ (Ernest Hemingway) Die junge Dichterin, eine Verehrerin Ingeborg Bachmanns (insbesondere ihres Romans „Malina“), schreibt seit wenigen Jahren ernsthaft literarische Texte. In der erzählenden Prosa liegt ihre Stärke, sie schreibt komplexe innere Monologe, die sich teils mit anderen literarischen Gattungen überschneiden. Es gibt dramatische Dialoge, szenische Skizzen, lyrische Einschübe, ins Essayistische gehende Reflexionen. Eigenartig changieren die Texte zwischen den Extremen von Komik und Tragik. Einige ihrer Gedichte zeigen, dass sie in der Lyrik so stark ist wie in der Prosa.
Andreas Themen: Die Schwere der Welt, der Sinn oder die Leere des Lebens, der Liebe, der Literatur. Tiefe Skepsis ist ein Motor ihres Schreibens. Sie sucht mit Worten nach Worten. Und doch gelingen immer wieder Texte, in denen indirekt ein leises Ja zum Leben aufscheint, wenn die Tragik des Lebens – unsere Sterblichkeit und unser oft vergebliches Mühen um Sinn und gegenseitige Liebe – umkippt ins Komische. Dann gewinnen ihre auf Tiefe angelegten Texte eine schwebende, tanzende Leichtigkeit – wie ihre Sprache, die sich durch die Kraft einfacher Bilder und stilistische Vielfalt auszeichnet.


Heimgesucht.

In dunklen Höfen
geht die Zeit,
am schwarzen Haken
hängt das Leinen,
im Bug des Windes
liegt ein Wort-

er spricht
er sprach

die Möwe kreischt,
erbricht
und stürzt-

verrückt ins Licht.


Der Titel dieses existentialistischen Gedichts kann doppelt gelesen werden: Als Suche des in den Versen ungenannten lyrischen Ichs nach Heimat – oder als Heimsuchung, als schlimmes Getroffenwerden. Ich denke, es ist der in der Zeit liegende Tod, der von vornherein als unsere Heimat feststeht, gesucht und gefunden wird. Unsere Wohnungen auf der Erde sind dunkle Höfe, fast schon wie Särge, so dass unser Leben wie eine langsame Bestattung vor sich geht – „am schwarzen Haken / hängt das Leinen“, das Laken, das Totentuch, auf das wir schon zu Lebzeiten gebettet sind. In den Höfen der Mietshäuser trocknen die Laken für das Bett, in dem wir zeugen, gebären, geboren werden und sterben, von Anfang an zum Tode bestimmt. Das Bett wird zum Grab. Aber nicht nur die Körper sind vergänglich – auch die Sprache ist der Zeit und der Veränderung ausgesetzt: „im Bug des Windes / liegt ein Wort-“, das eine Gegenwart hat („er spricht“) und Vergangenheit wird („er sprach“). Spricht und sprach hier der Wind, ein Bild der Zeit, spricht und sprach sich hier ein Gedanke aus? Die Menschenwelt liegt im Wind der Zeit – wie die Möwe, die in ihrer Sprache das Leben nur spiegelt, tautologisiert. Sie scheitert („erbricht“: zerbricht), verliert ihr ‚Wort’ an den Wind und stürzt; der kleine Gedankenstrich kennzeichnet wie im sechsten Vers Abbruch und Ende der Sinnsuche. Wie die Möwe, das bewusstlose Tier, werden wir verrückt in unserem Streben nach Leben, nach Licht, nach Sinn, der nicht existiert, der Motte und dem Falter gleich. So wird unsere Suche zur Sucht, die wir kaum durchschauen, nie beherrschen.

*

Hier ein kleines Gedicht mit eingeklammertem Titel. Der Untertitel „Tagebuch“ verdeutlicht präsentisch das Gedankliche einer gewesenen oder zukünftigen Begegnung mit einem Du, das verletzt, erschöpft und müde sich nur anlehnen will ans Ich. Aber das Ich weist so eine ungleiche und unechte Liebe ab. Mir gefällt die Leichtigkeit und die Kraft der kleinen Worte. Es ließe sich noch einiges über den „schiefen wundkegel / des lichts“ sagen, über das Herbsten und auch über die denkbare Doppeldeutigkeit der „liebe“ im letzten Vers, doch ich lasse es bei dieser knappen Deutung.


[..]

Tagebuch


aus dem
schiefen wundkegel
des lichts heraus

herbstest du heimlich
über meine schulter

und ich sage:

geh zum sterben
nach draussen

liebe.


Leicht kommt auch das folgende Gedicht daher, das Andrea eine Predigt nennt, die aber nie und nimmer eine sein kann, zu subjektiv, zu ich-orientiert ist hier die Sprache, zu schwingend in jambischen Schritten das Metrum; zuletzt trippelt sogar noch ein kleiner Reim.


Sonntag. Ein Gedicht und ein Butterbrot: Liebe.
Predigt

Ich dachte mir, ich würde reisen
- und legte meine kleine Schiene
von mir zu Dir; und legte einen Farbverlauf
ganz wild und buntverliebt
in Deine Stadt

ein Frühling lag
mit seinen breiten Hüften
in einem Becken aus Tumult und Leben

ich dachte mir ich würde reisen
und stahl die Zeit aus
Kaffeesätzen
weil wir Poeten sind und ein Gedicht
und uns're Welt

der Himmel lag prophetenhaft
in seiner blauen Kuhle
- wie grünen Rotz zog ich den weißen Flieder
in meine Stirn hinauf; ich drehte mich am Absatz um
und schnippte mit dem Finger
und lachte mich zu Dir und wollt' schon laufen

da wacht' ich auf und kotzte unverblümt
in einen grauen Fetzenhaufen.

Das lyrische Ich ist heiter gestimmt und macht sich auf die bunt geplante Reise zu einem Du. Die Stadt, in der der Gesuchte lebt, ist seine Welt, die das Ich verstehen will. Ich will zu dir, könnte man auch ganz einfach sagen. Aber die Autorin will hier mit den Worten spielen und mit ihnen tanzen. Ein Frühling, verführerisch wie ein Weib, lockt das lyrische Ich in die Liebe oder auch ins Leben hinein. In der dritten Strophe wird der idyllische Reiseplan wiederholt, und nun wird deutlicher, dass der Plan nur eine schöne Idee ist, eine gestohlene Vorstellung – es fehlt die Tat. Der Dichter ist ein Dieb der Realität und erzeugt so eine neue. Das lyrische Ich sieht sich als Dichter und selbst schon als ein Gedicht und eine Welt, „uns’re Welt“. Das ist vermessen, und so eine Reise kann nur scheitern… Die Dichterin will natürlich nicht das Dichten widerlegen, sondern die falsche Idylle einer unwahren Dichtung, die mit dem Leben nichts zu tun hat, die nicht echt ist, die uns nur einlullt in eine vorgestellte heile Welt, die sich vulgäre Auguren beim Kaffeetrinken aus dem Kaffeesatz unseres unbedeutenden Alltags lesen. In der vierten Strophe will das dichtende lyrische Ich den Himmel stürmen, der wie der Frühling verführerisch über ihm leuchtet, es rotzt sich die Natur ins Hirn und will sich mit einem Fingerschnipp zum Du hinüber zaubern – da platzt der Traum! Das träumende Ich steht vor einem grauen Fetzenhaufen, vor seinen untauglichen Konzepten, die Pläne waren nichts wert, und so geht es ihm schlecht. Das Kotzen verbildlicht den derben Erkenntnisschmerz, und das passt gut zu der falschen Idylle im Kopf.

Ulrich Bergmann

Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 Theseusel (30.03.07)
Man bemerkt, wie leicht die Worte zu Dir kommen, wenn es um die Beschreibung von mica geht...sie treffen! Etwas zu kurz kommt mir ihre humorvolle Seite und, neben ihrer Verehrung für die Bachmann, ihr unbeugsames Eintreten für einen Mann... *g* Jetzt fällt mir doch gerade der Name nicht ein!

 Bergmann (30.03.07)
Oh, ich merke gerade, dass mein Text unvollständig ist. Ich ergänze:
Fortsetzung meiner Kolumne:
Das Kotzen verbildlicht den derben Erkenntnisschmerz, und das passt gut zu der falschen Idylle im Kopf.
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