KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Donnerstag, 31. Dezember 2009, 15:14
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Traumperlen - I. Prosa. KeinB (4)

KeinB wurde 1981 geboren. Sie kommt aus Bayern. Ich kenne Tina schon seit einer langen Weile und ich bewundere ihre parabolischen Prosaminiaturen aus dem Alltag. Immer sind diese Texte zugleich Einblicke in den Kosmos unseres Seins. Ich stelle heute einen der schönsten Prosatexte vor, die ich kenne. Der Text war schon vor zwei Jahren auf dieser Webseite veröffentlicht und wurde dann in der Bonner Literaturzeitschrift „Dichtungsring“ publiziert:


Die Letzten der Welt

I
Liebevoll zupft C mir Traumperlen aus den Augen.
Ihr Lachen perlt in meine Herzsplitter.
Ich will schlafen, sage ich bedacht, und entziehe mich ihren Armen.
C wortwandelt im Schlaf. Ich verstehe sie nicht. Manchmal singt sie.
Sie liegt neben mir, lautlos. Ich höre ihren Wimpernschlag.
Du weißt, wir sind die Letzten der Welt, durchbrechen ihre Worte meine Dämmerung.
Ich täusche Schlaf vor.

II
Ich habe dir geschrieben, sagt sie und lächelt nicht ein bisschen.
Ich habe dir geschrieben und das Papier zerrissen in Myriaden von Wortfetzen.
Ich kenne das, sie hat öfter Anwandlungen.
Ich habe sie gegessen, sagt C und stellt behutsam die Kaffeetasse vor sich auf den Schreibtisch.
Ich habe meine Worte gegessen. Jetzt habe ich keine mehr.
Ich greife nach ihrem Arm, ziehe sie an mich heran und küsse ihr die Zweifel von der Stirn.
Ich schenke dir meine, wenn du willst, sage ich.
C schweigt.

III
Manchmal erstickt Buch im Schweigen.
Sie sammelt Uhren an, verliert Klarheit in ihrem Ticken.
Ich bin eine Sanduhr, aus meinem Kopf läuft die Zeit.
Lesart sitzt auf dem Bett.
Du kennst mich, sagt sie.
Du bist mein Buch, imaginär und doch real, ein Paradoxon selbst wie ich, erwidert er.
Ich werde bald leer sein, sagt sie und verstellt die Uhren.
Lesart sieht sie nicht an. Er sieht Buch nie an. Er ist nicht halb so real, wie sie es glauben will.
Doch - er ist da. Und sie sein Buch.
Du kannst die Zeit nicht anhalten, wie sehr du dich auch bemühst. Weißer Sand rieselt aus seinem Mund.
Ich muss es versuchen. Es ist meine Zeit, sie gehört mir, ich darf damit machen, was ich will.
Die Zeit gehört dir nicht. Du hast sie nur geliehen.
Sie sieht ihn an, Schmetterlinge leben in seinen Nasenflügeln.
Du, bricht es aus Buch heraus. Du bist der Grund. Du bist die Möglichkeit, die mir fehlt. Du bist das Leben, das ich gesucht habe. Du bist der Sonnenstrahl, der mich im Keller nicht erreicht. Ich bin nur das Buch, das du schreibst.
Du bist das Buch, das ich lese. Mehr nicht.
Das ist alles?, fragt sie und verstellt aufs Neue die Zeit.
Wie könnte ich dich schreiben? Ich bin Geist in deinem Geist, ich bin dein Sand. Deine Suche und dein Keller.
Aber du, du bist nur mein Buch. Ich habe keinerlei Einfluss auf dich, deine Sonne oder dein Leben.
Schreib mich!, fleht Buch, schenk mir Zeit, zeig mir Sonne.
Ich kann nicht, sagt er, der Sand in seinem Mund wird rot.
Mir fehlt das Meer, flüstert sie.
Das Bett ist leer.

IV
Wie viel erträgt der Mensch? Wie viel ertrage ich?, frage ich den Spiegel im Badezimmer.
Viel mehr als du dir vorzustellen bereit bist, ist die Antwort.

V
Willst du mich umbringen? Cs Augen flackern. Sie driftet ins Vorher. Verärgert fischt sie eine Stecknadel aus ihrer Suppe.
Was soll das, willst du mich loswerden? Dann musst du es nur sagen, und ich gehe.
Du vergisst dich, sage ich kühl, wir sind die Letzten der Welt.
Wir sind am Ende, sagt C und kippt den Rest der Suppe in den Abfluss der Spüle. 30 Stück, du wolltest wohl sichergehen, was?
Wir sind am Anfang, erwidere ich ruhig.
Zehn Jahre nennst du Anfang? faucht sie.
Ich kenne das, sie hat diese Anwandlungen öfter. Ich falte sorgsam die Zeitung zusammen, lege sie auf den Tisch und gehe ins Badezimmer. Spiegelschrank auf, kurz erschreckt mich mein Spiegelbild, ich suche, finde.
Wie lange hast du deine Tabletten nicht mehr genommen?, rufe ich.
Was denn für Tabletten? Ich habe noch nie Tabletten genommen.
Seufzend nehme ich eine aus der Packung und gehe zurück. Zu ihr und ihrem alten Leben.

VI
Sie könnte ein Kätzchen sein, denke ich, als ich C zusammengerollt auf dem Sofa liegen sehe. Ein Glückskätzchen, für einen Moment muss ich lächeln, bis mir einfällt, eher nicht. Sie wortwandelt unverständlich. Ich setze mich neben sie und überlebe die Umstände einmal mehr.

VII
Wenn ich Buch bin, bist du Leser. Ich kann nicht eine Seite vor dir verstecken, nicht einen Satz, nicht ein Wort oder einen Gedankenstrich, egal wie viele Gedanken ich streife, du findest sie. Ich kann mich zurückziehen in das schwarze Loch meiner Seele, und doch - du findest. Die Leere ist brüchig wie meine Fingernägel, sie existiert nur für mich, denn du findest. Wir haben das Leben gemeinsam und den Tod. Den Sand und mein Meer. Auch Worte waren einst unser, aber ich habe sie geschluckt. Sie liegen mir ebenso schwer im Magen wie im Kopf zuvor. Ich vermisse gestern. Die Halbwahrheiten wiegen die Lügen nicht auf. Es sumpft, verstehst du? Ich bin das Buch, aber die Seiten verbleichen immer mehr. Noch kannst du in mir lesen, aber bald... bald. Es ist kaum noch Zeit in meinem Kopf. Sie ist weg.
Sie ist zurück, sagt Lesart, zurück nach Hause. Sie gehört dir nicht. Du hast sie nur geliehen. Wie deine Leere. Wie mich.
Ich habe dich nicht geliehen, sagt Buch scharf, ich habe dich geschaffen.
Schwerlich finden ihre Worte den Weg über ihre Synapsen. Sie schlägt sich den Hand vor den Mund: Ich...
Du brauchtest die Zeit einfach nicht mehr. Und jetzt, er lächelt und sieht sie an, jetzt brauchst du mich auch nicht mehr.
Du kannst doch nicht... nein, nicht jetzt, ich... Buch verfällt in Schweigen.
Du hast immer noch die Leere. Aber auch sie wirst du nicht ewig nähren. Leb wohl, liebes Buch.

VIII
Ich bin ein Buch, sagt C und flüstert in die Decken.
Ich bin nicht verblichen, ich bin nur noch nicht fertig. Hörst du?, stößt sie mich an.
Ja, ich höre, sage ich, immer noch sinnsuchend.
Wir sind nicht die Letzten der Welt, sagt sie, ihre Stimme hat einen anderen Klang, ich habe sie nie gehört.
Wir sind die Ersten. Ihre Augen glänzen vor Erregung.
Geht es dir gut?, frage ich, ein seltsames Gefühl fließt durch meine Blutbahnen.
Die Leere ist gegangen, strahlt sie.
Hast du deine Tabletten schon wieder vergessen? Ich bin beunruhigt, obwohl ich das kenne, sie hat solche Anwandlungen ja öfter.
Tabletten!, lacht sie und wirft sich auf den Rücken.
Ich bin ein Buch. Das Meer ist zurück. Für einen kurzen Moment war ich erschrocken darüber, aber... Es ist anders. Ich muss es neu zusammensetzen. Es ist so klein und ich bin dafür verantwortlich.
Irgendetwas hält mich davon ab, ihre Tabletten zu holen. Sie scheint glücklich. Ihre Augen sprühen Funken, ihre Haare glänzen, ihr Mund lacht Zeit. Ihre Hölle hat sie abgestreift, sie hat sich gehäutet, hat die Tabletten weggehäutet, ihre Angst, ihr Misstrauen, wie ein Kind kommt sie mir vor, ein mit dem Leben zufriedenes kleines Mädchen im bereits verblüht gewesenen Körper einer Frau. Sie geht auf über mir, gütig, bestimmt. Ihr Blick schreit nach vergessenem Leben. Ich könnte mich wieder in dich verlieben, denke ich, schweige.
Wir sind nicht die Letzten der Welt, auch nicht die Ersten, aber wir sind unvermeidlich, nicht wahr?, streife ich ihr Ohr.
Ich bin ein Buch, sagt C, nimmt meine Hand und bettet sie zwischen Kraft und Gnade.
Ich bin noch nicht fertig, aber da sind Worte, viele Worte, sie sind zurück, sie haben sich verändert.
Wie du, sage ich, und hoffe auf Gnade.
Sie summt, während sie sich anzieht und treffsicher zielt.

IX
Ich setze Splitter zusammen.


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Die Letzten der Welt - das ist die Situation aller Liebenden in ihrer gegenseitigen Suche und Vergewisserung. Das Ich, das hier spricht, ist verletzt oder mit sich uneins: „Herzsplitter“. Mit Worten allein erreichen sich die Liebenden nicht, auch nicht mit ihrem Schweigen, sie bleiben immer in ihrer Welt, die Letzten der Welt sind allein in ihrer einzigen Welt: „C wortwandelt im Schlaf. Ich verstehe sie nicht.“ Die Geliebte hat ihre Worte aufgegessen, „Jetzt habe ich keine mehr“, sagt sie, sie braucht die Worte nicht, die Körper müssen sich verstehen, das ist die wesentliche Sprache. Aber auch diese Sprache gelingt nicht immer, nie ganz. Die Liebenden sind multiple Perönlichkeiten - mal Buch, mal Lesart, oder Sanduhr: Ich bin ein Buch, du kannst mich interpretieren (und missverstehen), ich bin nur eine Lesart, jetzt bin ich dies, dann bin ich das, ich bin nicht fest und eins, ich bin sterblich, meine Zeit läuft ab, immer: „Ich werde bald leer sein.“ Ich bin sterblich, ich verändere mich, ich sterbe in jeder Sekunde, ich bin nie ich, ich bin immer nur ein momentaner Aspekt, dein Du, du kannst mich nicht fassen. Ich renne nicht weg von dir, auch nicht von mir, aber ich finde mich nicht, weil ich mich nicht finden kann, und ich finde mich auch nicht im Gefundenwerden von dir. „Ich bin nur das Buch, das du schreibst.“ Es gibt mich in deiner Ansicht, ich bin dann da, ich bin, weil du mich liest, ich bin nur da im Wir, in unserem Wir.

Ich denke, dass Tina hier ihre Philosophie im Bild der Liebenden darlegt, es ist ein skeptischer Existentialismus. Vielleicht auch ein psychologisierendes Denken, der Versuch, sich selbst zu finden angesichts eines erlebten Relativismus, der heute unser ganzes Leben durchwirkt. Nicht nur die Perspektiven und damit Verständnis und Selbstverständnis ändern sich, sondern auch die Zeit, die die Liebenden verstellen (III) - das ist der Versuch, Zeit und Sterblichkeit aufzuheben im Akt der (letztlich unmöglichen) Liebe, die wir uns nur ein-bilden, also nur glauben können. Der Liebende hebt nicht nur die Zeit auf, sondern die Kausalität selbst. So überwindet er die Wirklichkeit des ihn umgebenden Seins und ist nur noch er selbst - der Letzte der Welt, das ist: Der Einzige. Der Einzige, der im Geliebten aufgeht. Die Liebe ist in ihrer extremsten Form immer der Versuch einer mystischen Verschmelzung mit dem Geliebten, ob dieser Gott ist oder ein Mensch. Und nicht zuletzt ist die unio mystica zugleich der Versuch, im anderen sich mit sich selbst zu verbinden, ohne dass der Geliebte wirklich erreicht würde, ohne dass ich mich selbst wirklich finden könnte. „Schreib mich!, fleht Buch…“ - aber der Geliebte kann die Liebende - oder umgekehrt - nicht erschaffen, die Selbsterschaffung muss sich jeder in seiner Welt ein-bilden.

Dann aber folgt Streit (V), die Liebenden scheitern in ihrer Liebe, weil sie an sich selbst scheitern (Spiegelbild, Tabletten): Mangelnde Selbstannahme. Ich bin nicht sicher, ob ich die Tabletten auch metaphorisch sehen kann. Sind wir in unserer Welt so unzulänglich, dass wir uns nicht annehmen und behaupten können?
Im VII. Abschnitt wird ja immerhin gesagt: „Die Leere … existiert … nur für mich, denn du findest.“ Aber dann wird dieses Ich wieder schwach und kann die Verbindung zum Liebenden nicht halten. Ich sinke zurück in meine Welt. Mag sein, dass ein persönliches Schicksal dahinter steht, ein an der Seele krankes Ich. Ich deute es philosophisch. Dieses Ich verzweifelt an der Welt, wie sie ist, weil es sich nicht dauerhaft selbst erschaffen kann. Es versucht aber, die Einsamkeit zu ertragen in der Schönheit der Welt- und Selbst-Erkenntnis, dieses Ich erschafft sich in der Sprache des Monologs. Vielleicht gelingt nur in der Fiktion, in der Kunst, das Weghäuten (VIII) der Schwäche. So eine Kunst ist auch die Liebe. Deswegen endet der sehr skeptische Text in dieser Hoffnung: „Ich setze Splitter zusammen.“

Mich fasziniert die suggestive Kraft der kurzen, starken Sätze, mit denen Tina eine Textur aus Zweifel und Verzweiflung, Illusion und Hoffnung knüpft - eine bessere Medizin. Letztlich ist die Liebe nur dann eine Wunder wirkende Kraft, wenn ich mich selbst so annehmen kann, wie ich bin, auch in meiner Vielgestaltigkeit und Sterblichkeit und Unbegreifbarkeit.

Ulrich Bergmann


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Nächsten Freitag bespreche ich einen Prosa-Text von plastique, und danach Texte von Muninn.

Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 DanceWith1Life (06.06.08)
mit den letzten zitternden Worten schaut unsere verdrängte Seele aus dunklen Borderline Augen, auf die Leere, die wir zurückließen.
Das hab ich nicht gewollt stammelt Wahnsinn, wie konntet ihr das zulassen. fragt uns ein völlig fremdes Ich.
Nein, noch nicht, Zentaur stampft mit dem Fuß auf und entschwindet unserem Blick, im Labyrinth....willst du eine Tasse Kaffee?

 Bergmann (06.06.08)
Borderline ... greift hier gar nicht wirklich. Dieser Begriff wird dem Text nicht gerecht. Der Text ist viel mehr.

 DanceWith1Life (06.06.08)
ich glaube nicht, dass ich einen Begriff finden kann, der irgendeinem Text, sprich, dem kreativen, vollzogenem Ausdruck eines Individuums gerecht wird. Deshalb habe ich versucht diese Komponenten in Bilder zu packen, ist mir anscheinend nicht gut gelungen. Das bedaure ich sehr, denn ich halte die Berücksichtigung solcher Kenntnisse der Persönlichkeit in der Künstlerbranche inzwischen für fast zwingend notwendig.
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