KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Freitag, 25. Juli 2008, 16:28
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Rotalgen und Nesselwunden - Muninn. II. Lyrik (25)

Muninn, 1973 geboren, von Beruf Botanicus im Hortus Conclusus, kommt aus Bayern (Deutschland). Über sich selbst schreibt er:

„Zen-Schüler: Ich habe gehört, es gebe etwas, das keinen Namen hat. Es ist noch nicht geboren; es wird nicht sterben, wenn der Körper stirbt. Wenn das Weltall verbrennt, wird es davon nicht berührt sein. Was ist das für ein Ding? Meister: Ein Sesambrötchen.“

Man sieht schon an diesem Motto in der Selbstvorstellung: Muninn hat einen Humor der leicht hintergründigen Art. Das zeigen auch viele seiner Gedichte. Ich stelle heute zwei Gedichte vor. Das erste ist so ein humorvolles und zugleich hintergründiges und ernstes Gedicht, das zweite ist ernst und hat doch auch Humor, wenigstens im letzten Vers.


Das Faerben der Wellen mit Schweroel und Bitumen

Wo stehen wir bei Parkbepflanzungen
ist es das gleiche Gruen
das an uns vorueberzieht zu angezogener
Farbblindheit ins Rotalgenland oder
nur mal schnell einen Korken gehen lassen
fuers Kommen Sehen ja nichts weiter sagen wollen nur
danke ja ich bin da und du bist dort und
so fort am Mooshorizont in der Lachgassphaere
mit den Blaettchen tauchend - wir sind viele
und so voll {…}- Phaenomen Troll (Erstarrungstracht)
klebt der Ausdruck an dieser Blindgeburt
zu Tastgebautem: Augen / Nase / Mund
und dann ins Schwaermerstadium geschluepft
bis die Brandung das Genick erbrach


Dieses Gedicht rechnet schon im Titel mit der Künstlichkeit der Realität im Zeitalter ihrer Reproduzierbarkeit ab. Die Wellen des Wassers färben – das ist natürlich (noch) eine Übertreibung oder ein Bild, in dem wir den Tourismus unserer Tage wiedererkennen. Aber das Grün unserer Natur können wir immerhin schon gentechnisch bei Tomaten im Treibhaus verstärken. Die Wälder kommen später dran, wenn sie nicht vorher tatsächlich gestorben sind und nur in ein paar Museen überleben, in Pflanzenzoos oder sogenannten Naturparks. Die Rede ist hier von der großen Matrix, die wir zu erschaffen im Begriff sind, mehr nolens als volens. Rotalgenland: Die aus dem Gleichgewicht gebrachte Natur. Danach folgt die Beliebigkeit unserer Beziehungen, ich bin hier, du dort. Beziehungslosigkeit. Mooshorizont: Es wird kühl in unserer Gesellschaft im Schatten unseres aufgenordeten Egoismus. Lachgassphäre verweist auf das Niedermachen politischen Aufbegehrens. Wir erstarren zu Witzfiguren oder komischen Märchenwesen, wir fallen selbst aus der Realität. Diese Blindgeburt – das sind wir selbst und alle von uns (re)produzierte Wirklichkeit. Mann kann auch sagen: Wir begehen Selbstmord, wenn wir so weitermachen. Wir betrügen uns im Salto mortale unseres Selbstbetrugs (Schwärmerstadium) – aber es gibt eine letzte Wirklichkeit, die wir nicht beherrschen, und die bricht uns das Genick: Zum Schluss wird das Bild der (gefärbten) Wellen wieder aufgegriffen. Liegt es in der Natur der Natur, sich selbst umzubringen? Ja, es ist nur die extremere Formulierung für die Metamorphose Pflanze Menschheit. Wenn wir uns selbst zurücknehmen, wächst über uns etwas anderes. Das ist der Natur egal, sie hat kein Gewissen. Wir auch nicht.


Nesselwerk

Zwölf Flügel öffnen dir
den Spalt ins gesiebte
Bewusstsein lassen
den Faden außen vor

Pflücke hechel und spinne
an sechsen und stumme
dir ins Lied für sechse
die Zahl weist dir den Weg

An dreien wirst du
dein Fleisch verlieren
zu dreien wird dir Schuld
bestellt und Hohn

Zwölf Flügel öffnen dir
im Scheitern das Hier
und Jetzt warfst ihnen über
das Brennende - das Tragende.

Einer behielt den Fuß in der Tür.


Was ist überhaupt das Thema dieses hier und da in gewagten Verssprüngen daherkommenden Gedichts mit dem Bild des Brennnesselgestrüpps? Ich entscheide mich für die Selbstfindung, Selbsterkenntnis. Zwölf Flügel verbildlichen den Willen, dich selbst zu erkennen, einzudringen in dein eigenes Geheimnis, deine Fähigkeiten, Möglichkeiten: Das gesiebte Bewusstsein ist meine geordnete Seele. Du hast zwölf Flügel, aber du musst den Weg zu dir finden, ehe du zu dir fliegen kannst. Arbeite an deiner Kraft (pflücke, hechel und spinne): Wähle aus, entscheide dich, streng dich an, säume nicht zu sehr, spute dich, eh es zu spät ist, eh du dein Leben verpasst, weil du dein Ich verpasst hast. Vielleicht ist jeder Weg (Faden) richtig zur Selbsteinfädelung und zum Spinnen deiner Welt, du du erschaffst. Du hast mehrere Flügel (Möglichkeiten), diesen Weg zu gehen, den Flug nach oben, zu dir zu finden. Aber der Weg ist hart und tut weh: Per aspera ad astra. Du wirst Kraft verlieren (Fleisch) und wirst älter, du musst handeln und das heißt notwendigerweise: Schuldig werden. Dir erwächst Widerstand durch andere – bis hin zum Hohn wirst du verspottet werden. (Dein Leben gleicht der Passion Jesu Christi.) Aber du kannst dir dabei auch ein Beinchen stellen und ins Ziel stolpern, anders gesehen, du nimmst dich nie ganz an, immer nur vorläufig, du behältst dir die Flucht weg von dir vor... Ein sehr kluges Gedicht zur Problematik der Selbstverwirklichung, finde ich. Nirgends in dem Gedicht wird etwas versprochen. Ob sich mein Flug zu mir selbst lohnt, wird nicht gesagt. Der Leser aber wird es sinnvollerweise annnehmen und muss sich überraschen lassen, was er in sich findet. Selbsterkenntnis tut weh, Brennnesseln brennen. Aber es gibt schlimmere Schmerzen. Die Nesselwunden sind gering und vergehen mit der Zeit, wenn du dich an dich gewöhnst. Dann aber spring in den nächsten Brennnesselbusch!

Ulrich Bergmann, 18.7.2008
Isny im Allgäu

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