KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Dienstag, 17. Februar 2009, 23:53
(bisher 3.393x aufgerufen)

TOTALE FRAGMENTE - Jovan Jovanovic. Lyrik (27)

Thesen zu Jovan Jovanovic

Ich will meine Thesen über einen der eigenwilligsten Lyriker in dieser Kolumne bewahren.

Zum 57. Geburtstag des Lyrikers Jovan Jovanovic am 4.4.2006

1.
„i hab denker als beruf angegeben und tätigkeit als gedankenbeobachter-
Erzählung zum Thema Abendstimmung von augsburg.de“

Schon dieser Gedicht-Titel ist subtil: Jovan Jovanovic’s Pseudonym augsburg.de bedeutet vielerlei:
Sanfte Selbstironie – ich lebe in Augsburg, Deutschland, ich nenne mich Augsburg, aber ich bin nicht Augsburg. Ich wende mein Pseudonym gegen die große Mehrheit, die dem Durchschnitt huldigt, der Normalität, der Norm, der Norm einer grau angezogenen beschlipsten Kultur des Mediokren. Ich wende meinen Namen, ich wende meine Worte gegen das kleinäugige Augsburg – Augsburg ist überall in Deutschland, Augsburg ist KV.

2.
Ich kenne kaum eine innovativere Lyrik auf dieser Webseite als die von augsburg.de.
Er ist ein guter Handwerker der Sprache, obwohl und weil er grammatische Defizite in seine Gedichte integriert, teils sprachlich bewusst, teils ästhetisch bewusst für Klang und Bedeutungs-Verfremdung.
Die Gedichte sind gattungsoffen, sie sind dialogische Szenen, innere Monologe, Erzählungen, Reflexion, stammelndes Suchen nach Worten für die Unbeschreibbarkeit des Seins, Beschreibung, Protokoll, Bericht, Zitat, wörtliche Rede, – und manchmal wird das alles collagiert.
Oft weisen die Texte eine klare Struktur auf, Rückbezüge, Gegensätze, Achsensymmetrie oder (offene und verdeckte) Strophengliederung.

3.
„weil bleibt mir sonst nichts übrig als gedanken beobachten und zwar nonstop ohne pause weil müsste i während pause was tun.“

Jovanovic muss schreiben, im Akt des Schreibens kompensiert er in ernst-satirischen Versen den Druck des Sozialamts und andere Nöte des Lebens:

„es fängt denken an und mich zieht ein und i werde selber eine gedanke.“

Die Lyrik ist nicht eindimensional. Sie ist dialektisch: Sie formuliert auch das Gegenteil des eben Gedachten, sie simuliert einen anderen Zustand, der im Angesicht des Geschriebenen real empfunden wird oder der Entwurf eines ersehnten Glückszustands ist:

„aber einmal hab i auf einmal alle gedanken gestoppt und ganz ruhig beobachtet die völlig harmlose denk-bausteine und dabei ich fühlte mich plötzlich befreit und wohl.“

4.
Die episch-dramatische Lyrik ist dialektisch in einem noch tieferen Sinn: Der satirische Charakter, der nie ideologisch-belehrend die falschen Dinge der Welt angreift, sondern sie durch das Zitieren in einer völlig neuen Sprache verfremdet und dadurch bewusst (und lächerlich) macht, hat den Gestus des Komischen, der ins Tragische umkippt, wenn der Leser die existentielle Schicht der Texte erkennt.

5.
Der Ton der lyrischen Szenen wird nie sentimental, nie pathetisch, immer bleibt Jovan Jovanovic in der stilistischen Sphäre einer distanzierten Haltung aus unterschiedlichen Perspektiven, die durchgespielt werden, immer ist das nüchterne selbstreflektierende Auge erkennbar, und nicht der augsbürgerliche Blick…

6.
Neben scharfer Kritik glüht manchmal Humor aus den Versen – das Ja zum Leben, ein Dennoch im Mitgefühl für die Schwächen der Mitmenschen. Aber in manchen Texten greift Jovanovic auch fremde Positionen an, z. B. wenn er sich nicht verstanden fühlt.

7.
Es gibt immer wieder Stellen, die schwer oder gar nicht verständlich sind – hier verliert der monologische Dialog des Autors mit sich selbst die Verbindung zum Leser, aber der kann solche Stellen meist leicht interpolieren, und wenn er sie nicht versteht, ist es auch nicht schlimm: Die kryptischen Verse sind dann lesbar als reine Musik.
Ohnehin ist Dichtung immer auch Musik, Klang und Rhythmus, Takt und Spiel mit den Melodien der Gefühle – Jovanovic schreibt vielstimmige Gedankenfugen in den tragikomischen Kosmos einer fremder werdenden Welt, er schreibt virtuose Versuche, eine Sprache zu finden und zu erfinden, mit der unser Leben beschreibbarer wird, einen Ton, aus dem heraus die trotzdem gelebte Utopie, das Ja zum Leben, auch diesseits oder jenseits des Schreibens erträglicher wird.

Das ist auf dieser Webseite ein neuer, stellenweise großartiger Ton, den Jovan Jovanovic in die virtuelle Subszene der Literatur einklickt! Szenische Lyrik, innere und äußere Monologe, lyrische Romanfragmente, Schreiben über Schreiben, schreiben, schreiben über alles... Schreie aus den tausend Seelen einer Seele, SOS und das Gelächter der Unsterblichen.


*


[Neue Thesen zu augsburg.de]


Jovanovic arbeitet mit der Ellipse, der Weglassung, mit Abbruch des Gedankens, Anspielung, Stichwortprinzip.

Drama will er nicht schreiben, obwohl er Szenisches gut hinkriegt. Klar, das kommt seinem Schreibprinzip nicht so entgegen wie das Gedicht. Also bleibt er beim Lyrischen.

Wichtig für Weiterentwicklung - auch als Lyriker - wäre aber das Ausloten des Dialogischen. Und des Erzählens. Also Gedichte vorbereiten, die anders verdichtet sind als in der Art der Anspielungen und Satz- und Gedanken-Abbrüche.

Er ist ein Lyriker, der oft übers Schreiben schreibt und hofft, dass solche Tautologie sich überwindet, dass die Tautologie, mit sich selbst multipliziert, Wahrheit erzeugt. Wie einer, der über die Form zum Inhalt kommt.
Sind die ungedachten Gedanken sind die besten? Absurd.
Im Formalen berührt Jovanovic das Absurde.

Er strapaziert die Assoziationsfähigkeit seiner Leser. Soll am Ende der Leser das Gedicht selber schreiben?


krassT

flaschen öffnet k l o p f e r e i

e s i s t b l i c k h i n t e n
e s i s t v o r n e quartier für T

für
l a n g e w e g e w e r d e i c h g e h e n
g l e i c h e s t e l l e w e r d e i c h immer behrüren

um fünf uhr werd i aufstehen

stehen bleiben
aus
s c h a t t e n w e r d e i c h n i e m e h r

i c h w e r d e i mmer



Das Gedicht beginnt mit einem prägnanten Bild, das dann umschlägt in die nächste Sucht: Das lyrische Ich will weit gehen, zum Nikotin, zur Haut der Frau, in die Nacht, in die Schatten, in den Tod...

Ich wünsche mir mehr Konkretion. Mehr Bilder. Weniger Hermetik. Mehr Verdichtung mit Weltbezug.



.

-------------------------------------

Titel bis zum 9.5.2008: Thesen zu augsburg.de

jovan.j wurde 1949 geboren. Er hat keinen Beruf bzw. keine Tätigkeit angegeben. jovan.j kommt aus Serbien. Seine Muttersprache ist Serbisch.

Ulrich Bergmann
2007

Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 Bergmann (16.08.08)
Liebe Ute,
dein Kommentar zu meinem Plädoyer für Jovans Poesie enthält eine interessante und wichtige These (die Funktion der Hermetik als lebensnotwendiger Eskapismus des Künstlers), die ich am liebsten in einem Thread diskutieren würde. (Leider sind derartige Diskussionen schon lange nicht mehr geführt worden und ich traue es uns auf KV derzeit nicht zu, so eine Diskussion mit Verve zu führen. Die Community verkommt im Blödeln oder in sentimentaler Gefühlsduselei, Lobhudelei und in der Sehnsucht nach Harmonie etc.)...
Herzlichst: Uli

 Alpha (26.08.08)
Uli, wieso "riskierst" du nicht einfach den Versuch, diese These DOCH im Forum zu besprechen? Ich halte schon ein paar Leute für fähig, sich damit ernsthaft auseinanderzusetzen (kommt natürlich auf den Eröffnungsthread an), die es dann "derzeit" auch noch wirklich täten. Vielleicht brauchen sie gerade einen solchen Weckruf? Es wäre definitiv interessant, bereichernd, lehrreich und förderlich für ein Literaturforum (Oh, stell dir doch nur mal vor - ich musste grad an ihn denken - es täte argot aus seiner Versenkung locken!). Hja.
Zur Zeit online:
keinVerlag.de auf Facebook keinVerlag.de auf Twitter keinVerlag.de auf Instagram