KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Montag, 06. Oktober 2008, 15:50
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Neptuns Tintenfass - André Schinkel. II. Lyrik (29)

André Schinkels Sepia-Sonette I-VII

Ich stelle die sehr gelungenen Sonette des Hallenser Dichters (Lyrikbände beim Mitteldeutschen Verlag) und Redakteurs der Literaturzeitschrift "Ort der Augen" vor, weil sie modern sind und sich auch im Formalen wohltuend absetzen von den meist epigonalen Sonetten unserer Zeit.


Sepia, I

Seit einiger Zeit will ich den Rausch der Sepien besingen:
Ihr flackerndes Steigen ins Licht andrer Tage, wenn
Unser Leuchten schon lange dem Verglimmen sich neigt,
Der karge Hauch des Zerfalls unser Schibboleth ist.

In den Armen einer kalten und berechnenden Frau ist
Soeben jenes Leuchten erloschen, das mich jahrelang trug –
Hinter den Tränenvorhängen singt das Meer von den
Mollusken, ihrem Blinken, ihrer falben Liebesergebenheit:

Das ist die Zwietracht, die die Liebe uns sät, nachts,
Auf den Fluren unsrer verzweifelten Tänze, in den üblen
Geräuschen unsrer vergeblichen Lust; und nichts singt

Mein Leid triftiger als diese notorische Unerreichbarkeit
Der geliebten Dinge im Schatten der Wellen: ihr
Blasentreibendes Nichts, die Griff-Ferne ihrer Tentakel.



Sepia, II

In den Nächten höre ich das sanfte und aufgeregte
Klappern der Schulpen, und die stille Phosphoreszenz
Ihrer Leiber neigt sich mir zu, wenn ich, in der
Hochsee der Träume, rastlos und atemlos bin, seit

Jahr und Tag ohne Schlaf, aber immer den wüstesten
Alp noch im Blick ... wissend, jenes Grauen, seit
Jeher, ist menschengemacht. Ich liebe dich, sag’ ich,
Und dein Blick seziert meinen flatternden Leib:

Das Gebirge der Fette, sagst du, aber du küßt mich
Und nimmst mich schnell durch, und die Laternen der
Schwarmbarken kreiseln, verzweifelt, in Hoffnung

Gekrallt ... du erhebst dich, mit tropfendem Bausch,
Und läßt mich dort liegen, schwarz, in Ekel und
Harm; abgewandt: meiner Lust auf Erfüllung beraubt.



Sepia, III

Lange schon sitze ich wach, und die Zeit hält mich
Achtarmig fest, die feinen Näpfe ihrer Saugvorrichtung
Drehn eisern das Fleisch, – und ein hundertköpfiges
Fressen setzt ein: von tausenden Augen verfolgt, und

Den scharfrüchigen Schüssen der Tinte, die mich wie
Neuland umwölkt, seitdem ich die innere Nacht
Schlaflos verließ. Von eifersüchtigem Schimmel besetzt
Meine Gedanken an dich, deine Fluchten ... ja, und

Die gepanzerten Traumsperren umsonst, vergeblich
Die Organe geschürzt und gebettelt – von Tentakeln um-
Ringt mein Brassengehirn – jugendlich, das Braunrot

Des Meerpfaus: und du weidest mich aus, saugst aus
Der Ferne an mir, vom Flug der Sepien geschützt;
Ich liebe dich, sag’ ich ... aber du hörst es nicht mehr.



Sepia, IV

Deine Passion ist deine gierige Gleichgültigkeit, dieses
Homöopathisch verbrämte ‚Kiamaiki‘ der nörgelnden
Völker, die Beutel voll dräuendem Seim, der so verführerisch
Schmeckt und den Weg zu den Abhängen und Untiefen

Weist. Hell dein treibendes Lied, und von der Farbe des
Meers; flüchtig und lustfern, im Flattern der Seefalter
Gepresst und zornig, in Eines gedrängt; und dein Mund, im
Hochton der Träume wie mit ängstlichen Augen besetzt:

Ich aber rieche deinen übersteigerten Sexus, wenn du,
Für Sekunden befriedigt, dich abwendest von mir
Und dein Heil im verschleierten Nachwirbeln suchst;

Die Sepia verzeiht nicht, vergißt nur – weswegen du
Niemandem traust außer dir, und nicht ahnst, was du aus-
Strahlst ... mich in wütender Bindungsangst hältst.



Sepia, V

Die Sepia, so heißt es, heilt den Haß und das Zürnen,
Und, so sagt die marine Legende, jenes Geschwür,
Das den Frauen den Lustabriß bringt. Nächtlich das
Treiben der Tiere, auf der Flucht, der Nahrung zu

Oder dem Spiel, in dem die alte Verheißung noch
Lebt. Der schillernde Zug der Totenkopffalter der See,
Gestoßen, gemahlen, gefällt für den Brand des
Ekzemes, das unsre menschliche Liebessucht ist:

Meinen Leib hätte ich an die Tintenfische verkauft
Für ein paar Blicke von dir; aber das weißt du,
Und es interessiert dich nicht mehr; und was bleibt

Mir, als dem Klang deiner Ferne zu folgen, heimlich;
Der Hall deines Lachens, im Bauchfell die Tiere:
Ihr Schnäbeln Seppuku in mir, das Harakiri der Liebe.



Sepia, VI

Wartend im blaugrünen Aufgehn und Abgehn der Hügel,
Die das Tor zur tieferen See sind ... dein Geschrei
In den Nächten der Abkunft, wenn uns die Schwärme
Über den Leib gehen; diese tödliche Unausgeglichen-

Heit, diese notorische Klammheit der Träume, derweil
Du entfernt von mir liegst. Klar und lüstern der Tanz
Der Mollusken, ein Trepak, ein Rundum der Tragödien
Aus Wasser und Salz – du am südlichen Ende ihrer

Schauprozessionen, ich in den welken Norden verbannt:
Ihr heiter-beständiges Flirren im Kippschalterblinken
Der Zeit, das dich ... schweigend und fortlaufend macht –

Jenes rossige Reiten der Sepien, vom Duft deiner Häute
Erregt; das ich bin, ein schamloses Gewühl in den Därmen,
Das in uns sucht – und vergessen, verloren schon ist.



Sepia, VII

Ich liebe dich, sag’ ich ... aber du hörst es nicht mehr;
Doch ich weiß, du wartest im Dunkel, und der Tag kommt,
Daß du den Zug wieder wagst und dich durchschlägst
Zu mir, ohne Furcht vor der See: – ihrer Unwägbarkeit.

Jetzt noch zerschlägst du die Spiegel und fügst dich
Ins heilsame Schweigen der Dünung; und das Senk-Licht
Der Kalmare durchschießt den Raum unserer Köpfe,
Unendlich blaß und im Erinnern verdünnt dein Gesicht:

Das ist es, was ich von dir behalte: das Leuchten der
Sepien-Sprossen im Rausch, im bebenden Quirlen solch
Endloser Schwärme in der Brackschicht des Wassers;

Wenn das raunende Fressen dem Ende, das Repetiv
Der Dioden sich neigt: du in der Ferne, ich in Verzweiflung,
Und – in ihren kochenden, summenden Mägen vereint.


Die Sonette bestechen durch die Freiheit, die sie sich formal nehmen, und doch sind sie zugleich streng, was das sprachliche Gleichmaß jenseits metrischer Silbengenauigkeit angeht. Und das ist das Wichtigste. Die Verse, die Worte, die Sätze, sie fließen, und ich liebe die Schönheit solcher Melancholie wie in Sepia, I. Diese Sprache rückt André Schinkel in die Nähe von Durs Grünbein, denke ich, und ich meine das im guten Sinne. Bei Grünbein stört mich das Zuviel an Bildung, Schinkels Verse wirken authentischer auf mich.

In Sepia, II, entwickelt der Autor die Melancholie deutlicher noch ins sanft Humorvolle, Selbstironische, und das ergibt eine wunderbare Stimmung: Das Menschliche, Allzumenschliche reibt sich nun an einer subtilen, feingliedrigen Sprache, oder umgekehrt: Diese differenzierte Sprache arbeitet sich ab an der doppelten Weltsorge: am Grauen der Welt und den höchsten Niederungen des Privaten... Die Bilder, die den erotischen Bezirk streifen, gefallen mir sehr als eine Art Psychologie des Körperlichen.

Vom Reime befreit, vom Eis der Form gewärmt, in wohltuenden Langversen, in denen sich die Gedanken genauer, unbeengter ausformulieren - so wird von der Liebe in nicht eben unkomplizierten Verhältnissen geredet, die nur angedeutet sind: Hört mich die Geliebte? (Sepia, III)
Die Tinte weist vielleicht hin auf das Schreibenwollenundmüssen des Liebenden, der mit Worten durch die Welt tanzt, nicht aber mit dem ganzen Ich. In der Sepia-Welt, im Meer der Worte und Gedanken, lebt dieses Ich wie Neptun, ich sehe die Bilder Arnold Böcklins vor mir. Aber diese Welt im Meere steht dem Land, auf das die Sonne unerbittlich scheint und das sie auszehrt, gegenüber. Ich denke auch an die Meerjungfrau in Andersons Märchen… Die gezeichnete Tinte ans Land tragen, wo sie lebt in den Büchern, aber dann wieder zurück ins flüssige Salz.

Sepia IV deute ich als ein Zwiegespräch, das Neptun mit sich selbst führt. Die Sepia ist stärker als jede andere Liebe, sie verzeiht nicht, sie bindet stärker. Und doch zieht die terrestrische Liebe zuweilen wilder an: „Meinen Leib hätte ich an die Tintenfische verkauft | Für ein paar Blicke von dir“ (Sepia V), aber die Geliebte ist fern, kaum mehr zu erreichen. Liebe ist Harakiri, auch die nautische Liebe, die Liebe zur Tinte, zu den Worten, Gedanken und Geschichten, wird zur Guillotine des Selbst, das sich verrät an die Poesie der Gefühle und des Körpers, so oder so, es geht nicht anders.

Der Verdacht, die unerreichbare Geliebte sei letztlich die Dichtkunst, kommt mir beim Lesen von Sepia, VI. Aber das ist nur ein flüchtiger Gedanke. Zerrissenheit in dir selbst brennt, Neptun, du birgst Nord und Süd, Welt und Geist, Sinnlichkeit und Logik, Wort und Wirklichkeit in tausend Spannungen. Du kommst nicht heraus aus diesen dialektischen Verzwirbelungen, kannst und darfst dich nicht entscheiden. Du bist ein Gott des Meers, der Worte, an Land kippst du um, du erreichst nie das terrestrische Paradies der Liebe.

Sanft ironisch klingt der Zyklus aus: Der Sehnsucht und der Hoffnung, mit der Geliebten wieder zusammen zu sein, steht die gefühlte Gewissheit gegenüber: Abschied vom gelebten Paradies, das sublimiert wird in der Poesie der neuen Verse.

13.9.2008

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