KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Mittwoch, 25. März 2009, 16:24
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DER THEATERMACHER

Thomas Bernhard in Bonn

136. Kolumne

SPÜRBARE SCHATTEN

„... bringen Sie einmal Ihre ganze Rücksichtslosigkeit auf die Bühne | Ihren ganzen Weltekel Bernhard | schreiben Sie so ein Stück Welttheater | dass es das Burgtheater zerreißt | so einen richtigen grandiosen Weltscherz Bernhard | ... diesen ganz großen weltumwerfenden Wurf | ... schreiben Sie der Welt ein Loch in den Bauch...“ Diese Worte legt Bernhard in seinem Dramolett Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen (Frankfurt/Main, 1987) dem Regisseur Peymann in den Mund.

Theatermachen heißt leben wollen - ein größenwahnsinniger Versuch in einer widerwärtigen Welt, eine Unmöglichkeit, weil sich die Welt nicht zum Theater machen lässt.
Böse schwingt mit: Das Theater macht nie wirklich Theater, das lebt; es macht kein Leben. Auch nicht das Antitheater-Theater. Überhaupt: Weltverneinung, auch das ist letztlich leben wollen, rettet nicht (BRUSCON Wenn wir klar denken | müssen wir uns umbringen).
Bernhards vielleicht schönstes, also wahrstes, Stück demonstriert die Vergeblichkeit des Sisyphos als Künstler. Er schreibt hier also auch über sich selbst. Jeder Weg im Leben ist schon das Ziel, weil es kein Ziel gibt. Dieser Weg ist tragisch, er führt in die Katastrophe der permanenten Lebenssinnlosigkeit. Auf diesem Weg sieht der Mensch immer komisch aus. Das Komische am Tragischen ist die Notwendigkeit diesen Weg trotzdem zu gehen. Am Ende ist das Komische selber tragisch.
Es gibt nur eine Möglichkeit die Welt zu ertragen: Der Idee, wie die Welt sein könnte, wie sie sein sollte, eine fragile Gestalt zu geben im Raum der Kunst. Das Theater ist der Versuch, die Idee sichtbar zu machen. Dieser Versuch muss scheitern, weil er die Welt braucht, wie sie ist. Die Apotheose aller Vergeblichkeiten ist das Scheitern der Ideen in der Welt - oder das Scheitern der Welt im Theater der Ideen.

Nur die Kunst rettet uns ein wenig: „Die hohe Kunst | oder der Alkoholismus | ich habe mich für die hohe Kunst entschieden“ - weil sie aus der Unerträglichkeit der Welt, in der sie schließlich auch scheitert, entsteht.

Die Unerträglichkeiten: Utzbach, das Kaff, in dem Lebenskampf auf elementarem Niveau schon der ganze Lebenssinn ist, das Gegenteil aller Paradies-Vorstellungen. Bruscon, naturgemäß gottähnlicher Dichter, Schauspieler und Theaterdirektor, verwandelt den Tanzsaal der Dorfgastwirtschaft allmählich in ein Theater, in dem er sein Welttheater-Stück „Das Rad der Geschichte“ aufführen will, trotz der Schweine, die seine letzten Proben zergrunzen, weil ein Gewitter naht. Der Theatermacher scheitert, als schon das Publikum im Saal sitzt, zuletzt am Zufall der Naturgewalt: Vom Blitz getroffen geht der Pfarrhof in Flammen auf - alle rennen weg, und der Theatermacher ist mit seinen Ideen wieder allein. Seine Einsamkeit wird konsequent gestaltet in einem kaum unterbrochenen Monolog. Frau, Sohn und Tochter, auch die Wirtsleute und ihre Tochter, sind nur gequälte Zuhörer oder Stichwortgeber.

Ulrich Kuhlmann gestaltet die Rolle des Theatermachers Bruscon in überzeugender Eindringlichkeit. Das Räsonnieren, Schwadronieren, Granteln, die Unterdrückung oder gar Vergewaltigung seiner Mitmenschen unter das Gesetz der hohen Kunst - das alles fällt ihm leicht, besonders der notwendige Narzissmus.
Angelika Fornell, die alles kann, spielt die Frau Bruscons; sehr klar konzipiert sie die unterworfene, gequälte und krank gewordene Kreatur, die nur hustend zu protestieren vermag. Ferrucio, der Sohn, wird von Joachim Berger in der ganzen Einfältigkeit, die diese Rolle hergibt, verkörpert. Sarah, die wahrscheinlich nicht nur seelisch misshandelte Tochter, wird dargestellt von Petra Kalkutschke, die aus jeder Nebenrolle kleine Meisterstücke macht. Volker K. Bauer spielt den Wirt grob und schwerfällig, Zeljka Preksavec eine einfache Bäuerin - vollkommen adäquat.
In den ersten beiden Szenen ist das reale Publikum eine Antizipation des erwarteten Utzbacher Publikums - in der vierten und letzten Szene wird die Bühne auf der Bühne umgedreht, und das reale Publikum wird endgültig in die Rolle von Voyeuren versetzt. Das findet alles in einem vollkommen naturalistisch ausgestatteten Bühnenraum, dem Alten Malersaal (Halle Beuel) statt.
Kein theaterumwerfender Wurf. Das Scheitern der gespielten Kunst in einer absurden Welt warf mich nicht um. Das schaffte weder Fred Berndts Inszenierung noch Ulrich Kuhlmanns Schau-Spiel. Aber alles stimmte. Bernhards Ideen warfen doch spürbare Schatten.

Ulrich Bergmann

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