KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Samstag, 06. Februar 2010, 16:11
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Befreite Rollen

185. Kolumne

KÖNIG LEAR IN KÖLN

Die Inszenierung Karin Beiers betont den Aspekt der Emanzipation, aber nicht aufdringlich, sondern intelligent, indirekt und unterschwellig - das von Männern erwartete Weiblichkeitsverhalten wird verweigert, wie auch in Shakespeares Stück gleich zu Beginn von der dritten Tochter, die als einzige dem Vater sagt, wie sie denkt, und sich nicht dem Patriarchen unterwirft wie ihre Schwestern - dabei sind diese es, die nachher den Vater in der schäbigsten Art und Weise entmachten, männliche Machtbrutalität nachahmend... Glänzend gespielt von den ausschließlich weiblichen Schauspielern! Barbara Nüsse als Lear, eine alte Frau.

Eine zweite Emanzipation liegt darin, dass Karin Beier zeigt, dass Machtmissbrauch und charakterliche Entgleisungen nicht an das Geschlecht und nicht an das Alter gebunden sind, sondern an eine gesellschaftliche Struktur, die inhuman ist.

Und eine dritte Befreiung: Die Männerhoheit im Theaterbetrieb wird beseitigt. Die ganze Palette des Ausdrucks, den Männer auf der Bühne auslebten, die vielen wirkungsträchtigen Nuancen von Macht und Ohnmacht, die Posen philosophischen Zweifels oder langsamer Bewusstwerdung, Erkenntnisschock, Schamlosigkeit, Derbheit, Grausamkeit, Gewalt - dieses pralle physiognomische Menu lag in den Paraderollen für männliche Schauspieler, die mit kraftvollem physischen Ausdruck Erwartungshaltungen bedienten, die hier enttäuscht werden. Wenn nun Frauen diese Rollen spielen, ohne männliches Verhalten zu imitieren (von ein paar komödiantischen Einlagen, die als kritischer Spiegel für clichéhaftes Verhalten dienten, mal abgesehen), ergab sich ein bewusstmachender Verfremdungseffekt.

Leider gab es einige Längen in diesem zeitlosen Stück, dessen ‚Rezitative’ manchmal musikalisch untermalt wurden (elektrisches Klavier, Perkussion). Die Sprechakte erschienen nach außen entdramatisiert. Die äußere Handlung wird eher in die Körpersprache der Handelnden und Leidenden verlegt, sodass wir Körperseelen sehen und hören.

In den Rollen glänzen: Barbara Nüsse (als Lear), Kathrin Wehlisch (als Cordelia, Edmund, Narr), Angelika Richter (als Regan, Narr), Anja Lais (als Goneril, Edgar, Narr), Anja Herden (als Kent) und Julia Wieninger (als Gloucester).

Die ausverkaufte Aufführung wurde bejubelt, für die nächsten Aufführungen wird es schwer sein, Karten zu bekommen. Die inszenierende Intendantin Karin Beier ist nach nur einer Saison Magnatin und Magnet der Kölner Schauspielkunst!

Ulrich Bergmann, 4.11.2009

Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 BrigitteG (19.02.10)
Wir lasen King Lear im Englisch-Leistungskurs damals. Gerade habe ich es mal online angeklickt, aber ich erinnere mich nicht mehr an den Text. Nur noch an Teile von englischen Gedichten, die wir ansonsten durchnahmen.
Ja, ich denke auch, dass Machtmissbrauch etc. nicht an Geschlecht oder Alter gebunden ist. Ich lernte mal beruflich einen über 70jährigen Architekten kennen, der charakterlich einfach ein A... war, aber Respekt wegen seines Alters forderte. Und ich denke, wenn noch 10 oder 15 Jahre vergangen sind, dann kommen auch unfähige Frauen durch Kungeleien in die Spitzenpositionen und kneifen jungen männlichen Angestellten in den Hintern... Herzliche Grüße, Brigitte.
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