KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Mittwoch, 20. Januar 2010, 15:54
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Vom Segen wiederholten Lesens

181. Kolumne

Zum Schluss des „Zauberbergs“

Als ich nach meiner Schülerzeit den Zauberberg noch einmal las, erkannte ich erst die ästhetische Struktur, die metaphorische Vernetzung. Ich wusste damals auch noch nicht viel von Thomas Manns Leben, nichts über seine Veranlagung. Als ich vor einigen Jahren den Zauberberg zum dritten oder vierten Mal las, wurde mir Castorp zum ersten Mal ganz ungeheuerlich. Ich meine seine Liebesunfähigkeit und seine Unfähigkeit, die Erkenntnis vom „Schnee“-Kapitel ins Leben umzusetzen. Außerdem ist mir heute die Zeit-Struktur des Romans klarer, während mich früher nur das Philosophieren über die Zeit interessiert hatte. Am besten gefällt mir heute - sprachlich - der Schluss des Romans, der so kalt und warm zugleich ist, kalt gegen den tumben Hans Castorp, der in den ersten Gefechten fällt, warm wegen des Liedes vom Lindenbaum und der im Schluss versteckten Humanität, die im „Schnee“-Kapitel explizit formuliert wird als Gebot: „Du sollst dem Tod keine Macht einräumen über deine Gedanken.“
Das sind fünf Seiten, die plötzlich aus dem „raunenden Imperfekt“ (TM) ins Präsens fallen. Es ertönt die Fanfare der Gegenwart. Der Erste Weltkrieg wird zur schlimmstmöglichen Wende für Hans Castorp und viele andere, wenn auch oft erst im Angesicht des Grauens an der Front. Der Autor beschreibt Castorps Sturmlauf in seinen Tod mit einem seltsam anteilnehmenden und zugleich frostig distanzierten „Wir“. Ich kenne keine härtere Kälte gegen eine Romanfigur, die uns alle mitmeint, als diese im letzten Kapitel. Sie reißt nicht nur Castorp aus dem Stumpfsinn, sondern auch den Leser, vielleicht gilt das erzählende Wir auch ihm. Das ist kein pluralis maiestatis, sondern ein richtendes, ein heimlich didaktisches Ich im Sinne des pars pro toto. Es beginnt die Erzählung vom Todeslauf Castorps mit einem aufrüttelnden Erschrecken: "Wo sind wir"? Was ist das? - Eine halbe Seite später die lapidare Antwort: „… es ist der Krieg.“ Der Erzähler nennt Castorp dann einen „gutmütigen Sünder … im schwergesogenen Mantel, mit Sturmgepäck“ und zieht das Fazit angesichts des 7-jährigen Dornröschenschlafs, aus dem keine Prinzessin ihn erettete: „… das war kein Lustwandel“. Jetzt wechseln Imperfekt und Präsens, die Zeit gerät durcheinander. Der Erzähler dokumentiert eine Weile später die Unsicherheit seiner Vorstellungen vom Kampf und das Unverständnis gegenüber dem Krieg und dem völlig unbedachten Hineinschlittern in den Tod, jedenfalls was Castorp angeht; er begreift sich wieder in einem eigenartigen Plural: „wir schauenden Schatten am Wege…“ Es folgt eine Anspielung auf den mediterranen Traum vom paradiesischen Glück im „Schnee“-Kapitel, das Castorp am Morgen nach seiner Erkenntnis-Odyssee im Schnee schon wieder vergessen hat.
Und nun kommt - nach fast eintausend empathischen Seiten! - die entschiedenste Kälte, die ein Autor und Erzähler seiner Romanfigur widerfahren lässt: „Da ist unser Bekannter, da ist Hans Castorp!“ Der Erzähler, jetzt allwissend, sieht Hans Castorp blind in den Tod stürmen. „Was denn“, staunt der Erzähler, „er singt!“ Der Erzähler tut natürlich nur so. Das ist bittere Ironie gegen die Romanfigur. Sie wird verurteilt, im metaphorischen Netz eingefangen, denn nun folgt das Lied vom Lindenbaum: „Ich schnitt in seine Rinde / So manches liebe Wort - “
Schon fällt Castorp. Im Lied sind Liebe und Tod verbunden. Schubert hat das schöne Lied Wilhelm Müllers vertont. Der Leser singt mit Castorp die Verse mit. Der steht noch einmal auf. „bewußtlos singend: ‚Und sei-ne Zweige rau-uschten, / Als rie-fen sie mir zu-’“
Der Erzähler verschweigt die folgenden Verse: Komm her zu mir, Geselle, / Hier findest du deine Ruh’!
Ja, die Verse treffen es genau! Castorp war schon tot, bevor er starb. Er lebte ja kaum. Er sehnte sich nach Liebe, unfähig Liebe zu geben oder zu empfangen. Er sah in der Sehnsucht die größtmögliche Steigerung der Liebe. Er traute der Realität nicht, und so entging er ihr im Träumen, mitten im Leben, bis er fällt, sinnlos, keine wirkliche Idee steht hinter Castorp. Er ist der scheiternde Parzival.
„Lebewohl, Hans Castorp, des Lebens treuherziges Sorgenkind! Deine Geschichte ist aus. … Wir haben sie erzählt um ihretwillen, nicht um deinethalben, denn du warst simpel … und wir verleugnen nicht die pädagogische Neigung, die wir in ihrem Verlaufe für dich gefaßt… Fahr wohl -“, ruft der Erzähler Castorp zu, denn der ist der Prototyp des tumben Deutschen, der sich in den Ersten Weltkrieg führen ließ, und später in den Zweiten, noch dümmer, noch viel weniger verführt. Ein von tragikomischen Zügen nicht freier Hermesweg in den Hades, das ist der Weg Castorps. Ein makabrer Totentanz ist der Krieg. Der Erzähler sagt noch kälter als bisher: „… das arge Tanzvergnügen, worein du gerissen bist, dauert noch manches Sündenjährchen, und wir möchten nicht hoch wetten, daß du davonkommst. Ehrlich gestanden, lassen wir ziemlich unbekümmert die Frage offen.“ Im Kapitel „Der große Stumpfsinn“ hat Castorp eine Ahnung vom Ende des faulen Friedens, er sieht für einen Moment die Gefahr vor sich, und er will dem Jüngsten Gericht, so nennt er es tatsächlich, entfliehen. Es gelang ihm nicht zur rechten Zeit, wie es uns allen nicht gelang - und vielleicht bald schon wieder nicht gelingen will. Der Erzähler wendet sich von Castorp endgültig ab und dem Leser seiner und unserer Gegenwart zu und formuliert die letzten Worte des Romans mit einer hoffenden, aber leider ganz offenen Frage: „Wird auch aus diesem Weltfest des Todes, auch aus der schlimmen Fieberbrunst, die rings den regnerischen Abendhimmel entzündet, einmal die Liebe steigen?“

Ulrich Bergmann, 19.1.2010

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