KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Donnerstag, 21. April 2011, 22:26
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Reimnis Keimnis (aus Briefen HEL/UB 6)

247. Kolumne

UB: Ich lebe wieder gern. Aber du meinst, das halte nicht an, wir mumifizieren uns bei lebendigem Leib in dem, was wir für Liebe halten. Und in meinen Geschichten schimmere das durch, sagst du. Ja, was ich weiß, lebe ich nicht. Ich habe nichts Besseres als diese Liebe, die im Werden schon wieder stirbt. „Tja, und so laufen wir dann. … verlängerte jugend, gesundes alter, verminderte arbeit, elektronisches weltgespräch,.. Genügt es, das zu verteidigen?“, fragst du. Ich weiß es nicht. Wir haben nichts Besseres. Ich vermute, dass wir im Wesentlichen nicht viel anders leben als unsere Vorgänger, allerdings verfeinert, aber Sinnsuche und –findung ist wie eh und je. Wildnis nimmt ab. Das Neue wird immer langweiliger. Es geht in der akzelerierten und immer massierteren Quantität unter, während Qualität stagniert. Glaube und Hoffnung auf echte (humanistische) Forschritte nimmt immer mehr ab – eine gute Voraussetzung allerdings für das SAPERE AUDE und die Umsetzung des Lebens in eine neue Bescheidenheit, vielleicht gelingt uns dann doch noch (List der Geschichte, List der Dialektik) eine bessere Welt, die sich jeder selbst setzt, so gut er kann – allerdings wird das bei Zunahme sozialmaterieller Unterschiede nicht gelingen.

HEL: ... Und reziprok wieder so wie Du den Arthur schreibst und der Arthur Dich: Wie gehn die „akzelerierten Quantitäten“ um mit uns? das sind ja dauertsunamis.

HEL: Modern bin ich wider willen, zumal ich gar nicht weiß auf was für ne moderne ich gesetzt bin: wer in der postmoderne moderne spielt, was für ne epoche vertritt der wohl? und von der postmoderne sieht man ja auch schon wieder die staubwolke, und bei der staubwolke weißt du nie ob’s was wird oder ob’s das war, mit sturm über Zipfelasien. Ich will nicht bausklave an der Chinamauer, ich will mein Kakanien wieder, provinz Belgica, druide, wenn auch nichtapprobiert, also der schweigepflicht entbunden. Vielleicht heißt „größer“ einfach: der saß nicht auf planstelle, der schuf sie: Shakespeare und so.

UB: Ich gebe zu, dass es größere und kleinere Epochen gab. Thomas Mann hatte das Glück, dass er sich mit seinen Romanen noch an den poetischen Realismus eines Fontane dranhängen konnte, vielleicht war er sogar der Vollender des Realismus in einer schon ganz anderen Zeit. Thomas Mann implantierte in das realistische Erzählen die Methode der Montage und gab seinen Romanen den Aspekt einer Großmetapher. Seine polyphone Ironie ist ein Erzählstil für die größten Gebäude - nämlich die Innenwelten seiner Romanhelden. In der Erfindung und im Erzählen (Ton und Ausgestaltung des Stoffs) ist Thomas Mann Fontane ebenbürtig, in der verknappenden Verdichtung ist Fontane stärker. Mann stopft teils zuviel Bildung in seine Romane, propft ihnen zu viele Anspielungen auf, vernetzt zuviel Welt und Geist. Vielleicht sind beide gleich große Giganten. Beide knüpfen an bedeutende Vorgänger an und gipfeln sie auf.
Ich habe für das Schreiben sehr verschiedene Motive. Teils ist es reine Lust an der Sprache - oder Spiellust. Teils verarbeite ich Dinge, die in mir sind. So gesehen sind manche meiner Erzählungen auch Zweitträume oder Tagträume, oder Erkenntnisvorgänge, die im Rahmen eines Kunstwerks ins Allgemeine erhoben werden, wenn sie mir gelingen. Und mich treibt die Lust an der Erschaffung einer verbalen Wirklichkeit an, die einen Erkenntnisprozess enthält und beim Leser (in seiner Deutung, falls er sie leistet) evoziert. Was die Wahrheit angeht, so finde ich den Gedanken, dass der Dichter wie der Mathematiker jeweils seine Sprache als Erkenntnisinstrument benutzt, überzeugend. Ich habe schon oft gedacht: Ein erzählerisches Kunstwerk hat viel mit den Tautologien zu tun, die die ganze Mathematik ausmachen - Russell und Whitehead zeigen das für die Aussagenlogik in ihrem Buch „Principia Mathematica“, und Ludwig Wittgenstein scheitert in seiner Sprachphilosophie an der Beschreibung der Welt durch Sätze - zuletzt ist auch das Nichtwissenkönnen ein tautologisches System auf der Grundlage von (nicht hinterfragbaren) Axiomen - wie sämtliche Sätze irgendeiner Mathematik.
Der Zauberberg und die Zeit - das ist ein Spiel, ein Spiel mit dem Leben des Protagonisten, der seine Zeit verliert an seine bewusste Suche nach Lebenssinn, den Castorp im Schnee-Kapitel findet („Du sollst dem Tod keine Macht einräumen über das Leben“) und sogleich wieder vergisst. Castorp will lieben, liebt aber nur platonisch, noch nicht einmal sich selbst, er findet nicht den Weg zum begehrten Körper (Madame Chauchat) - und so wird der Roman zur Großmetapher, die wir wie einen Mythos verstehen können, der auch unser heutiges Leben beherrscht, wenn wir ihn nicht brechen. Wie Derrida ist Thomas Mann ein Mythenbrecher, als Erzähler und didaktischer Wiederverwender alter Mythen. Man(n) kann die Mythen nur mit den Mythen zerstören. Anders gesagt: Die Mythen (ver)wandeln sich nur, eigentlich bleiben sie bestehen, sie zerbrechen heißt also nur, sie zu erkennen. Vielleicht kann man einen Mythos (im Sinne archetypischen Seins) nur durch einen anderen Mythos, den wir drüber stülpen, aufheben, ganz im Sinne Hegels, also dialektisch. Nur in der Bewusstwerdung sind wir gottähnlich. Ich denke, der biblische Schöpfungsbericht kann in dieser Weise gedeutet werden.

HEL: Ich habe Ihren ausspruch, es komme auf den menschen an und nicht auf die struktur, meiner nichte überliefert; die will nämlich ins lehramt, alte sprachen und spanisch! Sie weiß jetzt schon von den hürden, läßt sich aber nich abbringen, nicht von der widersinnigen deutschen schulbürokratie, und nicht von horrorstudien des SPIEGEL über ausgebrannte lehrer und schulen im belagerungszustand. Und das besagt noch nichts über den erhalt des gymnasiums, denn wenn Die das system umkrempeln, wer weiß ob wir es und Es nicht zurückwünschen. Aber wieder: wer ist WIR, und wer fragt die schüler? und mit schulrecht statt schulpflicht ist es auch nicht getan. Die schulbürokratie hat auch mit den landesverfassungen zu tun, aber zentralisieren ist nicht die lösung. Schulen autonom? wehe, in einer schule bekommen faschos die oberhand! Sudbury hat das durchgespielt, de jure ist es handhabbar, aber gruppendynamik ist schwer zu knacken -----
Schulischkeit ist ja ein elfdimensionenkreuz.
Eins: Was wär ich ohne altgriechisch! weniger hochmütig vielleicht. Todsünde ja/nein? firmunterricht geschwänzt um Artemis willen.
Zwei: Wogegen rebellierte 68? und tat aus falschen/richtigen gründen das falsche/richtige und/oder des guten zuviel/-wenig? und auch da: 3 Rudis, 2 meinungen oder andersrum.
Drei: Humboldtn mußte ich mir trotz gymnasium eigens aneignen. Oder war das richtig so von weng wissen wo steht?
vier: hätte mir lehre oder bankboterei das schreiben zerkloppt oder bodenbehaftet?
fünf: LEHRER war mein klassenkamerad Peter Bahnen, der mich auf alles stieß von Tucholsky bis Schmitt, von Dvorak bis Penderecki, von Peter Paul Zahl bis Durs Grünbein, monatlich eine insel, ein kontinent jährlich. Sogar reimen kann er...
Sechs: War es gut, mit 10 aus volksschule? „In der Pause werdet ihr Hausaufgaben vergleichen!“ warnte meine mutter. Nixda, auch ich war unterfordert hochgebabt, aber nur deswegen eliteschule propagieren?
sieben: Ich hatte meine fragen, zb ob Goethe sklaven hielt oder bananen aß, und das wußten die einfach nicht; ein paar davon hab ich immer noch auf der liste, leben zur antwort auf sachfragen, philoetymeia.
Acht: Die Große Arbeit tut sich selber doch / es hängt auch am geschick von hur und koch. (Geschichte und Eigensinn)
Neun: Aber eben, die haben mir auch das erzählen versaut. Es dampft immer zu theorie ein. Schreibende arbeiter! aber es war ja Halle, ich machte nicht rüber, Kraft und Schernikau nach, selbst in schuld, reime sind handschellen, wer nie im karzer saß, der baut sich einen.
Zehn: Auch hielt mich das gymnasium von der straße; gut o schlecht? bleibt eins kehrdumm ohne Gorkijs fakultäten?
elf: Mein vater, 8 schuljahre, dann mit den brüdern in den wald, akkordholzen, hatte einen rechenlehrer, der zog das pensum ein halbes jahr früher durch, und dann hieß es: kür, sie lösten denksportaufgaben und er führte sie an berühmte vermutungen heran, primzahlenprobleme, das neunerwunder, zwölfersystem --- Mein mathematiklehrer kapitulierte vor diesen fragen. No wos is, schlechtes gymnasium / gute volksschule, oder wenigstens 1 guter lehrer? menschen sind wir beide geworden, aber mein vater, kreuz kaputt vom waldarbeiten und rheuma vom rangieren, hatte Einen schüler, mich, und wäre, bürgerlich, ein guter matheprof geworden. Eine zeichenmappe schenkte er mir zum geburtstag, ich hüte sie heute noch.

Und nun sag, sind’s nicht die barfußlehrer? und ist nicht mehr kaputt als ein vernachlässigtes bildungswesen?

... ein unpassendes wort kann mich wild machen, nach jahren geh ich mit tippex bei. Und freuen kann ich mich über ein weiteres wortfeld, von sitzen bis hodos, suomi und türk su: alles eine semantik. Das ist mein adlerhorst, und da zwinkert mir der alte Humboldt zu.
GÖÖGLMÖÖSCH ist so entstanden: ungefähr jeden tag eine strophe, und hinein was gerade anlag, zb ... reimnis/keimnis, und dann statt geheimnis schleimnis, oder Billy Childish, ein singuläres popphänomen in 72 ua. Ein minimum an handlung trägt einen rückenkamm an assoziaten, wie ein kaum sichtbarer pfad im djungel. Sowas kommt von sowas, und man sollte preisen die kraft und herrlichkeit des auswurfs. Der allerdings, nach dem vorabdruck zu urteilen, kommt eher kleckerweise, pseudosensibel, scheindurchnwind, es treibt sich nicht voran, es liegt

umanand.
...
ich hab von jedem brief eine durchschrift...


ENDE



[veröffentlicht in DIE BRÜCKE 156,2011. Seite 135-142]

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