KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Dienstag, 10. Mai 2011, 09:59
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BECKETT: GLÜCKLICHE TAGE (von erasmus)

248. Kolumne - 14. Gastkolumne (von erasmus)

"Glückliche Tage" von Beckett
in den Kammerspielen Bad Godesberg (Schauspiel Bonn)

Noch sehr genau erinnerte ich mich an Eschbergs Inszenierung 1991 mit Carmen-Renate Köper als Winnie, die erst bis zur Taille, dann bis zum Hals im Dreck steckte, und Klaus Bauer als Willie. Donnerstag also die Inszenierung von Peter Brook in einer Rehearsal Version. Vor einem dunklen Hintergrund steht, spärlich illuminiert, ein Flügel, an dem sitzt, räkelt sich Willie (Wolfgang Kroke), der seinen Text vom Notenblatt abliest und Winnie (Miriam Goldschmidt) souffliert, die vom Zuschauer aus rechts hinter dem Flügel steht und steht und steht und in oft monotoner Sprechweise ihre fürchterlich flache Gedankenwelt äußert. Einzige Bewegung im Stück ist Willies Fall vom Flügelschemel, wenn ihm das Gesäusel Winnies einfach mal umhaut, oder wenn Winnie in ihren Leinentuchsack greift, um imaginäre Gegenstände heraus zu holen, die sie dann zum Gegenstand ihres nicht enden wollenden Geschwätzes über Glück macht. Einziger konkreter Gegenstand ist eine Pistole, die sich Winnie an den Kopf hält und die sie dann undekorativ auf dem Flügel ablegt, bevor sie sie wieder im Leinensack verschwinden lässt. Auch keine Lösung. Das Glücksgefühl, das sie verbal verbreitet, nimmt der Zuschauer ihr nicht ab, auch wenn sie noch so sehr mit ihren großen Augen dabei rollt.
Menschliche Existenz, so wohl Bekett, reduziert auf Worte, die sich ableiten aus dem übertriebenen Glücksgefühl, das sich nährt aus der Gewissheit vom Vorhanden- und Zuhandensein der Dinge, wobei die Worte eben nur die Dinge und unser Verhältnis dazu bezeichnen, aber nicht die Dinge und die Verhältnisse selbst sind. Wir verlieren uns in einer doppelten Weise im Wort: Mit der Sprache sind wir immer nur bei den Bezeichnungen für die Dinge und den Bezeichnungen für unser Verhalten zu den Dingen, nie bei den Dingen selbst und nicht bei uns; wir leben so in permanenter Seinsvergessenheit. Diese Deutung legt einerseits den pantomimischen Umgang Winnies mit den imaginären Dingen nahe, verliert andererseits jedoch den Blick für die Seinsverlorenheit im Umgang mit den Dingen. Die Bewegungslosigkeit wird hier zur monologisierenden Starrheit eines Lesestücks, dem jeder Endzeitlichkeitspathos fehlt.

erasmus


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Anmerkung:
Ich erinnere mich zudem daran, dass die eingangs von erasmus erwähnte Schauspielerin Carmen-Renate Köper die Frau des Inszenierenden (und zugleich Intendanten) Eschbergs war. In einer Zuschauerdiskussion nach einer Aufführung seiner letzten Inszenierung in Bonn sprach Eschberg freimütig über die Problematik der Ehe an sich, er benannte dabei mit Bezug auf die eigene Ehe Symptome, die zeigten, dass Becketts Stück die Realität wiedergibt, wenn auch im Gewand (oder Kostüm) einer zugespitzten Absurdität mit Verallgemeinerungscharakter. Jeder Zuschauer könne, so Eschberg, darin sich selbst erkennen, auch die Ungebundenen, denn jeder habe die Unfreiheit und Leere von Beziehungen mal erfahren - und die Einsamkeit erkannt, in der wir letztlich alle uns befinden.
Bergmann

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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 Dieter_Rotmund (06.05.11)
Beneidenswert! Hätte ich mir gerne angesehen...
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