KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Dienstag, 04. September 2012, 10:37
(bisher 2.209x aufgerufen)

Rede für eine Freundin

317. Kolumne

Liebe M.,

inzwischen gehörst du zu den wenigen Menschen, die noch mein ganzes Leben überschauen können, und umgekehrt gilt vielleicht auch, dass ich einer von den wenigen bin, die dein Leben überschauen; denn viele sind gestorben, vor 12 Tagen meine alte Tante am Bodensee. So weit ist es also mit uns gekommen. Dabei liegt noch ein ganzer Garten Eden vor uns, die Zeit der Ganz Großen Ferien, der Ewigen Ferien; ich bin dir um zwei Jahre voraus und versichere dir: Wie ich dich kenne, wirst du die Trauerarbeit wegen des verlorenen Berufs mit Bravour absolvieren und dich im neuen Lebensstil schnell einrichten.

Der ein oder andere kleine Schmerz bleibt unvermeidbar: Das Gehalt sinkt deutlich, bleibt aber hoch genug, um am Paradies teilzunehmen. Wenn nächstes Jahr die Sommerferien beginnen, wirst du feststellen, dass dir die Ferien fehlen! Andererseits kannst du jetzt reisen, wann du willst. Die neue Freiheit überfordert zunächst, das alte Korsett saß gut und gab Contenance, man hatte sich in Strukturen eingelebt. Und nun: Kein Aufatmen nach dem Dauerstress der letzten Schulwochen, keine Erschöpfungsseligkeit mehr. Der Freiheitsrausch bleibt erst einmal nüchtern. Aber das gibt sich.

Du hast mich gebeten, noch einmal in die Vergangenheit hinabzutauchen und ein paar verrostete Schätze vom Grund unseres Erlebnisozeans zu heben, ohne mich allzu sehr zu wiederholen. Ich kehre also noch einmal zurück zu dem geheimnisvollen Haus, in dem wir so tief empfundene Jahre unserer Kindheit und Jugend genossen und erlitten:

Das Haus Westfalia in der Hochkreuzallee lehnte sich links an den ausgedienten Bauernhof der Rübenachs an, während rechts eine rostige Rosenlaube am Hauseingang vorbei in den großen hinteren Garten führte. Zur Straße hin lag ein Ziergarten mit ovaler Rasenfläche, eingefasst von einem rotsandigen Weg. Die kompakte, aber romantische Villa stammte aus der Zeit der Jahrhundertwende und beherbergte in der marmornen Diele, im Treppenhaus und im Salon Erinnerungsstücke aus den deutschen Kolonien, Speere und Schwerter, Gehstöcke mit Elfenbeingriffen, Masken der Herero, Federbüsche, hölzerne Skulpturen, gerahmte Fotos der kaiserlichen Marine ... In allen Räumen und Dielen hingen die Ahnen der von Amelunxen, Rhoden und Sturmfeder in Stahlstichen und Aquarellen neben goldenen Spiegeln und schweren Eichenmöbeln.

Die Villa beherbergte, wie viele andere Häuser in der Nachkriegszeit, eine illustre Schar von Menschen, die das Schicksal in der Not zusammengebracht hatte. Bonn und Bad Godesberg blieben zwar im Krieg weitgehend unzerstört, aber aus dem zerbombten Köln waren viele obdachlose Menschen hierher gezogen, dazu viele Flüchtlinge aus den Ostgebieten und Mitteldeutschland. An die karg möblierten Räume in der Hochkreuzallee kam mein Vater durch Ev, seine Schwägerin. Die junge Kriegerwitwe hatte einen amerikanischen Offizier kennen gelernt, mit dem sie nach Amerika gehen wollte. Sie bewohnte ein größeres Zimmer zur Straße im ersten Stock, Haide, ihre Tochter das kleinere an der Diele im Parterre. Ich musste mit meinen Großeltern die Zeit bis zum Einzug in das Haus Westfalia in der Bonner Kaiserstraße überbrücken. Dort hatten wir nur ein Zimmer mit einem Bett und einem Sofa; ich schlief auf dem Fußboden. Es gab kein Waschbecken, die Toilette befand sich im Treppenhaus.
Endlich kam der Tag des Umzugs. Mein Vater wohnte unterm Dach bei der Baronin. M. musste ihm ihr Kinderzimmer überlassen. Meine Großmutter lebte im ersten Stock, auf dem Fußboden stand ein elektrischer Zweiplattenkocher, in einer Fensterecke war fließend Wasser. Ich teilte mir mit meinem Großvater das Zimmer an der Diele zur Küche im Erdgeschoss. Die verwitwete Gräfin lebte mit ihren beiden Töchtern im Parterre; Melanie und Gardis im Salon, die Gräfin im ersten Stock in einer Kammer neben meiner Großmutter und der Wohnung von Frau Peters und Frau Hesse. Das Zimmer zur Straße im Parterre war an Gerd Pörschmann vermietet. Das große Wohnzimmer der Gräfin mit Schreibtisch grenzte an eine Loggia mit Blick auf den von hohen Apfel- und Kirschbäumen bewachsenen Garten und die Ställe im Hof.

Ich will noch einmal die Geschichte von der 5. Sinfonie erzählen. Sie ist bezeichnend für das enge Zusammenleben der Menschen in der Nachkriegsnot: Eines Tages lief ich ins Treppenhaus, weil Besuch kam, ich ging die Tür öffnen, ich gehörte ja unten im Parterre längst zur Familie. Ich rief meine Großeltern und rannte auf die Straße. Die Gräfin, die meiner Tante ihr Schlafzimmer überließ, erschien mit Melanie und Gardis. Alle Türen im Parterre standen offen. Aus dem Haus schallte Beethovens fünfte Sinfonie. Herr Pörschmann hatte seinen Plattenspieler auf höchste Lautstärke gedreht. Als der Besuch durch die Haustür schritt, stand Pörschmann in der Treppenhausdiele in der sperrangelweit geöffneten Tür seines Zimmers. „So klopft das Schicksal an die Pforte!“, rief er aus. Inzwischen stand die Baronin mit M. auf der Treppe, dahinter Frau Peters und Frau Hesse. „Seien Sie willkommen!“, rief Pörschmann, „per aspera ad astra! Das ist Musik, die uns den Weg aus der Nacht zum Licht zeigt!“ Er dirigierte mit den Armen und schob das Kinn zur Decke empor; seine Augen suchten den Himmel, den die Sinfonie ihm zeichnete. Wir folgten seinen Augen und sahen die Stuckrosette, aus deren Mitte die Laterne herab hing. Die oberen Hausbewohner setzten sich auf die Stufen, der Besuch setzte die Koffer ab, alle sahen sich an und hörten schweigend den ersten Satz zu Ende. Jeder dachte an sein Schicksal. Pörschmann hatte recht, die Sinfonie erzählte von Niederlage und Triumph, die Musik hob die Herzen der Hörer auf eine neue Stufe, sie ließ alle die Gemeinsamkeit und Gemeinschaft der Nachkriegsnot und der Mühe des Wiederaufbaus spüren. Das Haus Westfalia war ein Ort der gegenseitigen Bestärkung und Öffnung der Herzen. Die erwachsenen Bewohner und Besucher erinnerten sich an das dumpfe Morsezeichen der BBC im Krieg. Die Töne klopften an die Pforte der Wahrheit, die so dunkel und schrecklich in die Ohren drang, in die Finsternis der Herzen. Wie eine Rede an alle Menschen klang Beethovens Fünfte. Sie stiftete ein unbewusstes Bewusstsein der Einheit. Dass jener Traum mehr war als ein Traum, das spürten sie, die unter vielerlei Entbehrungen, Trennungen, Trauer und Schmerzen litten, alle. „Die Schicksalssinfonie!“, rief Pörschmann, als der erste Satz endete, „es gibt nichts Größeres.“ Und alle lagen sich während des Andante con moto, das unendlich zu dauern schien, stumm in den Armen, die Gräfin und meine Großmutter, Melanie und Gardis, M. und die Baronin, Frau Peters und Frau Hesse, meine Großmutter und mein Großvater, mein Vater und ich.

M. und ich spielten alle die Spiele der Jungen, draußen auf der Straße Federball und Fußball, im Garten kletterten wir auf die Bäume und spielten Cowboy und Indianer, bauten ein Wigwam und thronten im Baumhaus hoch über der Gartenwiese. Ich behandelte sie natürlich bald auch wie einen Jungen, und hin und wieder kam es zu einer kleinen Rauferei. Eines Tages ging ich zu weit, ich stieß M. mit der Faust oder mit einer Eisenstange heftig vor die Brust. Die Gräfin die das mitbekam, sprang herbei und haute mir eine schallende Ohrfeige runter. „Das gehört sich nicht, mein Lieber! Ein Mädchen schlägt man nicht!“ Ich begriff es nicht. M. hatte doch mit dem Streit angefangen. „Wenn die Brust nicht wächst, bist du schuld!“ Das saß, und ich begriff.

Ich kam aufs Päda, M. zwei Jahre später aufs Cusanus. Man musste damals eine Sexta-Aufnahmeprüfung bestehen. Dass wir später mal Lehrer werden würden, wussten wir noch nicht. Wir wuchsen in pädagogischen Verhältnissen auf, wo noch körperliche Züchtigung erlaubt war. Die Klassenzimmer sahen in manchen Schulen aus wie in der „Feuerzangenbowle“. Die Schulbänke standen hintereinander in drei Reihen, so dass der Lehrer in den beiden Mittelgängen leichter die Spickzettel entdecken konnte. Die Schüler saßen zu zweit in einer Bank vor einem schrägen Schreibpultdeckel, unter dem sich ein Fach verbarg, in dem die Schüler private Dinge, den Atlas und andere Lernutensilien verstauten. In die zwei Rillen am oberen Rand der Bank legten sie Bleistifte und Füllfederhalter; dazwischen steckte in einer Metallfassung das gläserne Tintenfass. Die Füße standen zum Schutz vor der Bodenkälte auf einem Holzrost. Der Magister saß an der Fensterseite direkt am Pult, in einem riesigen Holzkasten, der den Körper unterhalb der Brust vollkommen verdeckte, so dass die Schüler nicht sehen konnten, was der Ordinarius oder ein Fachlehrer las, ob er Namen notierte oder Zensuren schrieb. Wenn Schüler an die Wandtafel gerufen wurden, mussten sie auf das knarrende Podium steigen. Die Tür zum Klassenraum befand sich gegenüber dem Pult. Durch ein Guckloch in der Tür konnte der Hausmeister das Podium und die Bankreihen überblicken. Neben der Tür war ein Messingrohr angebracht, so dass der Rex den Unterricht vom Flur aus mithören konnte. – M.s Schule war ein Neubau, aber der Geist der strengen Erziehung waltete auch hier noch eine Zeitlang, zumindest in der Unterstufe. – Wir haben als Lehrer diese Zeit abschütteln können, auch wenn wir selber noch lange Narben von Ängsten und Verletzungen hatten.

Als M. in der Oberprima war und Abitur machte, wohnten wir wieder zusammen im Haus Westfalia, sie oben, ich unten. Wir diskutierten heftig über die Politik unserer Zeit und immer wieder auch über M.s Verwandte im Haus. Das dauerte oft stundenlang, bis wir die vertrackten Psycho-Analysen durch hatten. Wir lernten, menschliche Schwächen und Stärken zu erkennen, Strategien der Selbstrechtfertigung bis hin zum Selbstbetrug. Wir sahen, wie Menschen instrumentalisiert wurden für das Ausleben eigener Gefühle. M. lebte zwischen zwei Welten – oben bei ihrer sehr religiösen Mutter, die sich mit ihrer Schwester unten im Parterre nicht verstand, während M. dort unten im Parterre Nähe suchte und auch fand, mal abgesehen von ihrer viel älteren Cousine Gardis, die ihr übel mitspielte. Es kam zu politischen Maßregelungen wegen der Vietnamfrage. Und eine versprochene Afrika-Reise wurde wieder zurückgenommen. Der Wandel in der Politik führte zu emotionalen Stürmen, die tief in die Familien eindrangen.

In der Zeit, als M. studierte, verlor sich unser Altersunterschied, ja jetzt hatte sie mich, den Älteren, sogar überholt. Sie ging zum Studium nach Tübingen. Wir waren wieder getrennt. Aber immerhin wohnte ich bald oben in ihrem Zimmer. Ich besuchte sie zwar einmal in ihrem Studentenwohnheim in Lustnau, und sie kam immer mal nach Godesberg, das sie so sehr liebt, aber alles in allem sahen wir uns nun seltener, vor allem nachdem sie in Bremen ihre erste Stelle als Lehrerin angetreten hatte.

Aber immer wenn wir uns wiedersehen, vor allem in den letzten Jahren, und wenn dann noch Alexander der große Charmeur und Klartextsprecher in allen Aspekten männlichen Bewusstseins dazu stößt, dann steigt die Stimmung. Richtig wunderbar wird so ein Treffen dann etwa vor der Kulisse der gewaltigen Allgäuer Bergwelt in einem Biergarten auf Bergeshöhen, inklusive Leo, mit dem es sich auch gut reden und leben lässt, oder wenn man spontan am Abend einbricht und letzte Gulaschdosen geöffnet werden müssen, mit viel Rotwein und Spiralnudeln vermischt – dann, ja dann ist beinahe die gute alte Jugendzeit wieder auferstanden.

Nun aber stehen wir im Garten Eden. Es bleibt viel Zeit, viel zu tun, für uns und andere. Und das war noch lange nicht der letzte Rückblick.

Liebe M., ich möchte wiederholen, was ich vor 5 Jahren sagte, als du 60 wurdest: Ich erlebte mit dir zusammen unsere Kindheit, und später unser Erwachen, als wir erwachsen wurden. Ich werde nie vergessen, wie du dich damals behauptest hast und zielstrebig deinen Weg gegangen bist – in nicht gerade leichten Lebensumständen. Denn die kindliche Idylle der großfamiliären Nachkriegszeit dauerte nur ein paar Jahre und war vielleicht gar nicht so toll, wie sie in der Verklärung unserer Erinnerung erscheint.
Ich habe deine Kraft bewundert, und es hat mich dein Beispiel bestärkt, meinen Lebensweg auch so selbständig zu gehen. Es war vielleicht schwerer als heute, weil Eltern damals oft Angst hatten, ihre Autorität zu verlieren. Ich finde es schön, dass wir gegenseitig Zeugen unseres Erwachsenwerdens waren. Ich wünsche dir und uns eine gute lange Zeit, in der wir alt werden und bis zum Schluss von der Festigkeit leben, die wir uns damals erworben haben.

Hinweis: Du kannst diesen Text leider nicht kommentieren, da der Verfasser keine Kommentare von nicht angemeldeten Nutzern erlaubt.

Zur Zeit online:
keinVerlag.de auf Facebook keinVerlag.de auf Twitter keinVerlag.de auf Instagram