KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Dienstag, 23. Juli 2013, 09:17
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Vielleicht, vielleicht auch nicht. Büchner (Stücke 15)

363. Kolumne

„Leonce und Lena“ von Georg Büchner

Büchners „Leonce und Lena“ ist die tolle alte Dame unter den ganz wenigen deutschen Komödien, in der Denken und Lachen noch immer verheiratet sind (allerdings ohne den ungeteilten Segen von Kirche, Staat oder Staatsschule).
Sie ist zeitgemäß, also erwünscht, weil das Lachen mit den kritischen Helden das Plus auf der Lebensseite vermehrt, weil das Anti gegen Leistungs- und Anpassungsnormen lebensnotwendig ist, weil Reibung an übermächtigen Über-Ich-Instanzen aus der Ohnmacht des Leidens heraushilft. – Unzeitgemäß, also unerwünscht, weil unter Aufschwung auch heute maßgeblich das verstanden wird, worüber man nicht lachen kann.
So gesehen sind Büchners utopische Heldenträume ein in leisem Lachen – und natürlich in der Liebe – aufgehobenes schmerzliches Weinen über die gegenwärtige Wirklichkeit. Es ist aber – leider! – auch das Lachen über die alle schmerzliche Wirklichkeit verlachende Utopie, an deren Unmöglichkeit Büchner fast verzweifelte. Zum Glück hat die Utopie, hat das Lachen das letzte Wort in der Komödie.
Es ist, als ob Büchner Umberto Ecos sehr politische Philosophie des Lachens (in dem Roman „Der Name der Rose“) dramatisch vorwegnähme, als ob er die verlorenen Kapitel der Poetik des Aristoteles (über die Komödie) ins Bühnenwerk umsetzte – denn ist das Lachen nicht die Heiterkeit aus dem Ursprung axiomatischer Klarheit und unzweifelhafter Einsicht?

Welch ein Gewinn für Herz und Verstand! Beides muss wohl sein – das eine nicht ohne den guten Sinn des anderen, die Bildung des Verstandes nicht ohne die Bildung des Herzens – Bildung vor allem nicht ohne Selbstbildung.

Und wir, das Publikum? Ja, wir haben Büchner verstanden, wenn seinen kritischen Gedanken auch nur ein Zehntel unseres Beifalls gilt, als Selbstaufforderung zum Umdenken.

(Vielleicht ist es so, vielleicht ist es aber auch nicht so.)

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