KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Montag, 16. Dezember 2013, 15:58
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Heinz Küpper, Minten und ich

388. Kolumne

Mir fiel auf, wie sehr Heinz Küpper in der Zeit des literarischen Kahlschlags um sein Dichtertum ringt. Wie er die für jeden Schreibenden notwendige Anerkennung sucht, den Dialog mit dem Gleichgesinnten. Und wie er sich schon früh – es gibt dafür sanfte Andeutungen – Gedanken macht, ob und wie sein (Roman-)Stoff taugt im Hinblick auf Böllsche Themen, Kirche und Religion. Er will wie Böll Schriftsteller sein und davon leben können. Alle Bemerkungen zum (Lehramts-)Studium klingen abschätzig, das Philosophicum mag er offenkundig nicht.
Er will eine Frau wie sein Freund Böll. Er erwähnt alkoholische Eskapaden (Königswinter etc.), die eigentlich schon nicht mehr zu seinem Alter passen. Alles in allem wird sein Lebensproblem deutlich, das sich erst noch entfalten wird. Das Verhältnis zu Frauen (und später in der Ehe) wird schwierig. Er wird Lehrer am St. Michael-Gymnasium in Bad Münstereifel und schreibt dann kaum neben dem Beruf – jedenfalls nicht so, wie es ihm vorschwebte. Er wird lange Jahre Alkoholiker. Und erst nach der (immerhin frühen) Pensionierung als Lehrer kann er wieder schreiben – und hat erst immer noch einen halbwüchsigen Sohn, lebt von der letzten Ehefrau getrennt, die sich später das Leben nimmt. Dieses Leben läuft nicht so, wie es ersehnt war.

Ich weiß nicht, ob ich das mal erwähnte: Ich musste mein Abitur nachholen, weil mich mein Vater nach meinem ersten Sitzenbleiben in der Unterprima von der Schule abmeldete und aus dem Haus warf. In Bonn gab es 1966 einen Kurs zur Vorbereitung auf die Nichschülerreifeprüfung (die ich dann 1969, mit 24 Jahren, bestand). Mein ‚Klassenlehrer’ und Deutschlehrer war Helmut Minten, ein Freund Heinz Küppers aus der Bunker-Zeit in Poppelsdorf. Minten, etwas jünger als Küpper, stammte aus den einfachsten Verhältnissen und war nach dem Krieg, in dem er zuletzt als minderjähriger Flak-Helfer eingesetzt war, drauf und dran zu verwahrlosen, als er eines Tages Heinz Küpper besuchte, ihm an seinem Schreibtisch über die Schulter schaute und fragte, womit er sich da beschäftige. Küpper zeigte ihm seine Studien – ich weiß nicht, was es war, vermutlich die Beschäftigung mit einem literarischen Gegenstand. Jedenfalls meinte Minten, das könne er auch. Küpper ermutigte den Freund zum Nachholen des Abiturs, was der dann auch machte: Er meldete sich in einem Bonner Gymnasium an, und der Direktor, der mit dem intelligenten jungen Mann ein gutes Gespräch geführt hatte, nahm ihn, obwohl er schon etwas zu alt war für die Schule, tatsächlich auf (was mir übrigens 1966 nach der Bundeswehrzeit in Bonn nicht gelang). Minten wurde in die Klasse geschickt, sollte sich dem Klassenlehrer und seiner neuen Klasse vorstellen. Minten betrat die Klasse. Da stand er, glatzköpfig – eine Brandbombe hatte seine Kopfhaut zerstört – in einer deutschen Armeejacke ohne Abzeichen und in amerikanischen Stiefeln vor der gutbürgerlichen Klasse und stellte sich als neuer Mitschüler vor. Der Studienrat befahl ihm, den Klassenraum zu verlassen und in ordentlichen Kleidern wiederzukommen. In bestem Poppelsdorfer Platt erwiderte Minten, das könne und wolle er nicht, und als der Lehrer ihn beim Arm ergriff um ihn aus dem Raum zu verweisen, packte er den dürren Klassen-Lehrer und zerrte ihn ans geöffnete Fenster mit der Bemerkung, er werde ihn hinauswerfen, wenn er sich nicht besänne. Der Lehrer wand sich aus dem Haltegriff und rannte aus der Klasse, um den Direktor zu holen. Der nahm Minten mit in sein Büro und führte ein zweites Gespräch mit dem zornigen Kopf – und wies ihm noch in derselben Stunde seinen Platz in der Klasse zu.
Minten erzählte in seinen Deutsch-Stunden von Küpper und seinem Roman Simplicius 45, den ich mir damals besorgte, ich weiß aber nicht mehr, ob ich ihn im Buchladen bekam oder in einem Antiquariat hinter dem Bonner Hauptbahnhof.

Im Zusammenhang mit der Deutsch-Facharbeit, die ich 1968 für Minten schreiben musste, erlebte ich Ähnliches wie Küpper. Ich schrieb über Hartmut Langes Theaterstück Hundsprozeß/Herakles, ein Stück über die Dialektik des Stalinismus – in der Sprache dem großartigen Stück Marat/de Sade von Peter Weiss ähnlich (das ich leider noch nie im Theater sah). Ich begann eine Korrespondenz mit Hartmut Lange – und ich erinnere mich an mein Bangen und Hoffen: Wird er mir antworten? Er antwortete! Das bestärkte mich damals sehr, Germanistik zu studieren – ich war sehr naiv und wusste nicht, dass man dann Lehrer wird und nicht Lektor, Journalist oder gar Schriftsteller. Aber das Schreiben war mir damals nicht wichtig. Heute sehe ich, dass meine Selbsteinschätzung richtig war und dass es gut war, Lehrer zu werden.
Später, als ich 40 war, schrieb ich wieder an Hartmut Lange – ich schickte ihm einige Texte zur Begutachtung. Aber das Bangen und Hoffen war nicht mehr so stark. Auf einmal war er nicht mehr der adäquate Dialogpartner, Lange schreibt inzwischen abgeklärt, ganz herkömmlichen Poesie-Vorstellungen zugewandt, und so wollte sich mit meinen Kurzerzählungen (Kopflose Handlungen) nicht richtig auseinandersetzen – er schien zu alt für mich geworden. Daher führ(t)e ich Korrespondenz und auch persönliche Dialoge vor allem mit jüngeren Schriftstellern, die allerdings nicht gerade berühmt sind, etwa Holger Benkel, Joachim Zelter (Urur ... enkel des Goetheschen Zelter!), Herbert Laschet (Hel Toussaint), André Schinkel, Marjana Gaponenko, Aglaja Veteranyi, Theo Breuer und anderen – und ich wollte ohne diese Dialogpartner nicht sein, wie ich auch ohne die Literatur und das Lesen in ihr nicht leben wollte. Ich kann nicht sagen: Was ich schreibe, muss heraus aus mir, so ist es nicht. Hebt der Schreibende im Schreibakt Fragmente aus dem Unterbewusstsein? Ich spüre, dass es (Es) mich manchmal zum Schreiben bringt, oder dass es (Es) sich (ab)schreibt, wenn ich schreibe. Das lässt sich forcieren wie das Träumen im Schlaf. Wenn ich Träume aufschreibe, wenn ich sie erwarte, dann träume ich mehr. Wenn ich schreibe, träume ich mitten im Wachsein. Allerdings sind diese Schreibwachträume nicht so bildreich, nicht so stark wie Schlafträume – ich kann aber den Keim des Schreibwachträumens im Schreibakt wachsen lassen, ich erreiche dann manchmal Traumqualität. Es schreibt dann in mir von ganz allein, so geht das über einige Sätze, und der Rest ist Ergänzung, Extrapolieren des Angeträumten. In so einem Schreibakt schaue ich mir sozusagen beim Träumen zu, ohne zu wissen, dass ich träume. In dem Moment, wo mir bewusst wird, dass ich wach traumschreibe, verliere ich die notwendige Unbefangenheit und bin in der Bearbeitung und ÜberFormung dessen, was sich mir fast wie von selbst schrieb.
Es geht nicht immer, aber es geht und ich spüre es im Wackelkontakt der Bewusstseinswechsel. Diese Bewegung erscheint mir dialektisch – sie ist schreibendes ErLösen des Unterbewussten. Ich schweife ab. Zum Bunker in Poppelsdorf will ich noch nachtragen, dass dort 1954 meinVater kurze Zeit lebte, als er sein Medizin-Studium nach sowjetischer Kriegsgefangenschaft und Strafarbeitslager (Krasnojarsk) wieder aufnahm und beendete. Ich hatte ihn genau in dieser Zeit zum ersten Mal gesehen und ein zweites Mal in Bonn besucht, im Herbst, aber da wohnte er schon in einer Bude im Argelanderviertel bei einer Witwe, die ihre Töchter an den Mann bringen wollte – davon habe ich einiges mehr später noch miterlebt. Ich werde diese Dinge übrigens in meinem Roman (Arbeitstitel Mama Louise) verarbeiten – ich habe schon viele Notizen, aber ich merke, wie mich der Beruf vereinnahmt oder mir doch nicht genug Kraft lässt, ein so großes Gebäude Stein für Stein und in einem langen Atemzuge zu errichten (Erzählen ist geordnetes Berichten, sagt Küpper).

UB

Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 loslosch (17.01.14)
für mich ist berichten geordnetes erzählen.
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