KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Freitag, 24. Januar 2014, 21:22
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Holger Benkel im twilight garden

389. Kolumne

Ihre Mail ist in der metaphorischen Dichte fast ein Gedicht. Ich will nur einwenden, dass Sie die Wirklichkeit nie verlassen können, auch nicht im twilight garden, und selbst dieser Garten der lebenden und toten Katzen Schrödingers und Carrolls gehört zur Wirklichkeit, wenn auch nicht zur ungeliebten, in die Sie nun zurückkehrten ... Und dann die grandiose Ausweitung ihrer Angstzone ins Säkulare: „Angstblüte dieses späten Jahrhunderts“ sagen Sie, das wäre auch mal ein Titel für Gedichte! An die Wiederaufnahme der Tragödie „Fin de siècle“ in unser Menschheitsprogramm haben wir uns ja alle so sehr gewöhnt, dass uns unsere Angst wie ein Plagiat einer früheren Angst vorkommt, sodass wir unter dem Zwangsdiktat der neueren Kunst nach einer neuen Angst suchen und nach einer neuen Hoffnung, vielleicht in dem Glauben, es hegelt sich unser Leben mit neuen Begriffen schon hoch.

Holger Benkel würde sagen, am besten lebten wir noch als Tote ... Also vor unserer Geburt oder nach unserem Tod. Wahrscheinlich ist Letzteres das Beste, weil man's dann hinter sich hat und beruhigt tot sein darf ohne Angst, noch einmal leben zu müssen, jedenfalls dann, wenn der physische Tod endgültig war. Das weiß keiner, auch Benkel nicht, auch er ist dazu verdammt zu glauben. Er glaubt ja nur metaphorisch, denke ich, so wie er fast nur als Bild lebt. Anders gesagt: Seine Gedichte sind große Expressionen einer unglaublichen Sehnsucht nach Erlösung vom Leben oder, was die Leser betrifft, nach Erlösung in einem besseren Leben. Dann ist der Tod auch nur ein Bild in allen seinen Gedichten. Immerhin lebt Holger Benkel in seinen Gedichten, in seiner Sprache; seine manischen Inversionen deutet er ja als Vermeidung der Herrschaftssprache, er spricht sich in einer Erlösungssprache in einer befreiten Syntax an. Schwer zu glauben. Aber ich akzeptiere, dass er sich in seiner Syntax befreit fühlt. Es sind meist Konditionalgefüge: Wenn - Dann. Wenn A gilt, dann gilt B. Logischer – und hermetischer geht es gar nicht. Insofern stimme ich zu. Hinzu kommt noch, dass er in Fabeln dichtet. Es sind Tierfabeln, die für den Menschen als das gefährlichste und gefährdetste Tier gelten. Mit den Bildern vom Mensch, der in den niederen Arten, den Insekten etwa, gespiegelt wird, erreicht Benkel eine unglaubliche Reduzierung menschlicher Komplexität aufs Elementare, zumal die Tiere nicht - wie bei den Alten - menschliche Züge aufweisen und im vereinfachenden Zerrbild Molièrescher Charakter-Komik erscheinen, sondern, ganz von Komik und Tragik befreit, auf den Kern gebracht werden: Existenz, die selbst nie Kunst wird, sondern sich vollzieht jenseits aller ethischen Fragen. Nur in der philosophischen oder literarischen Reflexion über das Leben kann Kunst entstehen: twilight garden ... Ob Holger Benkel damit wirklich etwas Neues zu dem Thema Kunst sagt, bezweifle ich. Er sagt es nur anders als andere bisher. Aber trotzdem liegt darin Größe – wie auch in der Sprache Ihrer Sepia-Gedichte (ich will sie gar nicht mehr Sonette nennen; Sie können sich von diesem Bezug zu formaler Ähnlichkeit lösen, dann gewinnt die neue Form mehr Freiheit auch für den Leser).

Trotzen Sie den Kerbschlägen des angstblütigen Lebens Ihren Geistesfrieden ab, neue Gedichte, neue Ausgaben vom Ort der Augen und das süße Far niente in den geheizten Bistro-Stuben Halles, auch das muss sein! Widerlegen Sie die liebe Bosheit des Satirikers gegen den Roten Horizont ... (Ich habe mich in Halle tagelang gar nicht getraut dorthin zu gehen, im Ernst, aber am vorletzten Tag war ich dann doch mit meiner Frau da, und prompt saß da eine junge Frau am Teetisch und schrieb ... und blasse Herren mit Mokkatassen besetzten die Eisenbahnsitze ... Aber dann löste ich mich aus der seelischen Verstrickung, in die ich durch den bestimmt wahren Kern der Satire geraten war, und genoss meinen Espresso macchiato, indem ich mit den Augen in die Kleine Ulrichstraße hineinblinzelte und an Holger Benkels Worte dachte, der mich in seinem letzten Brief wieder einmal mit den Worten auf den Arm nahm: Nach meinem Tod müsste die Straße nur geringfügig umbenannt werden ... Ich bin großzügig: Die Straße lasse ich Ihnen, Via Cinquelotti soll sie heißen ...
[Brief an A. S. 3.11.2009]

UB

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