KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Donnerstag, 06. Februar 2014, 15:20
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Nietzsches "Zarathustra"

396. Kolumne

Diese musikalische Philosophie - eine Mixtur aus Brief, Rede, Gebet, Gedicht - las ich als Schüler, ich war 17, in der Schule kam bei den Lehrern seine Philosophie kaum vor, ich las zwar nicht das ganze Buch, denn in dem Alter war ich vermessen, wie die meisten Gymnasiasten, wir wollten Genies sein, was Goethe konnte, konnten wir auch, wir lasen den Werther nicht richtig, aber wir verstanden die Absicht des Genies - und vor allem: Die Geniepose lag uns sehr. Später im Studium las ich wieder Nietzsche, aber auch da nur partikulär. Professor Pütz - der mir die neuere deutsche Literatur näherbrachte: Handke, Plenzdorf... - war Nietzsche-Kenner und diskutierte mit uns einige Aphorismen Nietzsches zum Künstlertum im Zusammenhang mit Thomas Mann, der selber stark von Nietzsche (und natürlich Schopenhauer) beeinflusst war. Als ich längst Lehrer war, las ich endlich den ZARATHUSTRA ganz, und zwar in der Tiefe der Verdon-Schlucht. Ich las das Buch wie im Rausch. Es ist gedichtete Philosophie oder philosophische Dichtung, Gedanken-Musik. Mich faszinierten die Gedanken, ich las alles wie ein gewaltiges Manifest der Mündigkeit, der Mensch ist sein eigener Gott. Du sollst keinen anderen Gott haben neben dir, dachte ich jetzt: Ich, Gott, darf außer mir keine anderen Götter haben, weil es keine anderen Götter gibt, weil ich dazu verdammt bin, wie Sarte sagte, frei zu sein - nous sommes condamnés à être libres. Sartre hatte ich kurz vor Beginn meines Studiums gelesen - aber nie Heidegger, ich mochte ihn nicht. Es ist bei mir so, dass mich eine Philosophie (oder Menschen oder Lebensweisen ...) nur dann interessiert, wenn sie schön ist, wenn sie meinen (weiten) Begriffen von Schönheit entspricht. Der ästhetische Aspekt eines Textes oder einer Sache oder eines Menschen ist für mich nur der formale Ausdruck, das Äußere der inneren Logik von irgendetwas. Ich hörte also mit dem inneren Ohr Nietzsches ZARATHUSTRA wie eine musikalische Komposition, ich las den Rhythmus, die Bilder, die Vernetzung, den Willen der Gedanken - das gelingt mir bei Heidegger nicht, unklar und kalt klingen die Worte dieses Philosophierens. Brecht schrieb eine wunderbare kleine Keunergeschichte zu meiner Empfindungsweise, die du bestimmt auch kennst:

Weise am Weisen ist die Haltung
Zu Herrn K. kam ein Philosophieprofessor und erzählte ihm von seiner Weisheit. Nach einer Weile sagte Herr K. zu ihm: „Du sitzt unbequem, du redest unbequem, du denkst unbequem.“ Der Philosophieprofessor wurde zornig und sagte: „Nicht über mich wollte ich etwas wissen, sondern über den Inhalt dessen, was ich sagte.“ „Es hat keinen Inhalt“, sagte Herr K. „Ich sehe dich täppisch gehen, und es ist kein Ziel, das du, während ich dich gehen sehe, erreichst. Du redest dunkel, und es ist keine Helle, die du während des Redens schaffst. Sehend deine Haltung, interessiert mich dein Ziel nicht.

Wenn du für Haltung ‚Schönheit des Denkens’ einsetzt, hast du ein noch besseres Verständnis meines Umgangs mit Philosophie (oder Literatur) - im Unterschied zu Brecht verlange ich nicht so strikt, dass der Philosoph durch sein Handeln am besten philosophiert - es ist nicht jeder große Denker ein Diogenes oder Sokrates. Aber es gibt große und schöne Gedanken in hässlicheren Körpern, Nietzsche ist so ein Beispiel.

Du verlierst dich im Rausch der Worte und Gedanken Nietzsches ..., schreibst du. Wenn du erst die Welt seines langjährigen Freundes Richard Wagners entdeckst, der noch viel entschiedener mit der Musik philosophierte! Wenn du die unendliche Melodie hörst, die Vernetzung der Motive im „Ring des Nibelungen“ (die so genannte Leitmotiv-Technik)! Auch Wagners „Ring“ wird immer wieder neu interpretiert, ist kein geschlossenes, sondern ein offenes System - wie eben auch Nietzsches Denken, das noch systematischer unsystematisch ist als Wagners Kombination von Welt/Vergangenheit (Geschichte und ‚Geschichte’)/Bild/Wort/Musik. Ja, Nietzsches Denken passt gut zu dir, zu deinem Charakter, der sucht und offen ist, noch nicht selbst Wirklichkeit gestalten, also sich festlegen, will – aber pass auf, dass du nicht zu lang suchst, dass nicht nur ein Übungs-Künstlertum daraus wird.

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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 Dieter_Rotmund (14.03.14)
Gerne gelesen, m.E. bester Cliquen-Kolumnentext seit langer Zeit!

 Bergmann (18.03.14)
Bio-Blogger? Ich bin weder grün noch Veganer oder so. Aber schön, dass meine Miszellen gefallen. Es sind auch immer ein paar Traumzellen dabei für die embryonalen Reste in uns und für alle, die im Nullalter verharrend ihre Auferstehung auf die Ewigkeit verschieben.
Avant la lettre? Eher posteriori ...
Für Blondinos mein Rat: In die tobende Brandung hinein den Zarathustra singen!
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