KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Samstag, 15. März 2014, 15:31
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Perspektivenfrage

403. Kolumne

Nix aus dir geworden ... schreibst du. Perspektivenfrage. Hab schon oft über dich nachgedacht. Du hast so einen Absicherungsberuf wie ich nicht angestrebt. Ich weiß nicht, wie und was ich geworden wäre, wenn ich’s mit dem Schreiben schon in der Jugend ernst gemeint hätte. Im Beruf merkte ich immer, dass ich alles, was ich schrieb, dem Tag abtrotzen musste, der Zeit, der Erschöpfung manchmal. Jetzt wo ich Zeit habe, ist der Antrieb geringer geworden, jedenfalls jetzt im Moment. Altersbedingt, denke ich. Ändert sich aber auch wieder. – Du dagegen konntest dich sprachlich früh austoben. Ich überblicke nicht, was du gewerkelt hast, aber es sind kleine, versige Jean Pauls, die du gezeugt hast, eine Großfamilie, eine Vetternwirtschaft in Strophen und Reimen, skurrile Ausuferungen in Vierchen und Sonetten (aber immer noch kein Kranz, muss auch nicht!), in Doppelversen und Klöppelreimen, Ludiziferische Vokabularien, Klein- und Großlieder zur Zeit und Geschichte, apo- und kalypto-kryphe Verse, Firmamente aus Seegarn, Phantasmen und Grammatikschrott, Fragmentalitäten und Metaphosphor, Sibyllarien und enigmathematische Themen, po-ethische Allyren mit Suprapotential und Grammur...

Mit dem Heiligen unterm Dach sprach ich wieder am Telefon; er ruft mich immer mal an aus seiner Eremitage in Schönebeck an der Elbe. Er lebt dort ungelösst in Börde-Tiefen auf das wahre Leben im Tod hin. Wenn die gesellschaftlich Tätigen seine Kraft hätten, die er im Ertragen der Welt aufopfert: die Welt wäre gerettet. Wenn er tot ist, was wird aus seinem Werk, den Tausenden und Abertausenden von Seiten über Insekten und Vögel, unterirdische und himmelsnahe Tiere? Alle seine Gedichte sind Mini-Mythen unseres unbewusst verzweifelten Lebens in einer eigentlich leeren und toten Welt. Dieser Dichter rettet Tod und Sinnlosigkeit in die schöne Form, in Bilder, die wie Blattgold den Dreck des Lebens überziehen. Und dennoch: Hingeschrieben ohne Glauben an einen Sinn, ohne Leser – außer einer Handvoll Eingeweihter.
Und daher erscheint mir das Internet als eine nicht zu verachtende Möglichkeit, gelesen zu werden, auch wenn die Welt von Fix unfixable weit ist.

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