KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Dienstag, 30. September 2014, 17:57
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Brief an einen älteren Herrn

427. Kolumne


Dem Don Quichotte immer ähnlicher reitest du auf allzu hohem Ross, schreibst du mir. Solange du ein Don Quichotte bleibst, will ich dir gern immer wieder neue Mühlen hinstellen. Ich denke nicht, dass du dir zu hohe Ziele stellst. Und ein kleines Stückchen Hochmut tut immer gut für die Steigerung der Sprünge, und noch heilsamer ist der Fall, der Sturz zurück in die Ebene, auf der man mühsam steht. Aber allein die Tatsache, dass du dich durchschaust, rettet dich ja schon. Damals waren wir jung und durften unsere Kräfte überschätzen, um sie zu steigern.
Mir gefällt, wie du mit 75 mitmischst mit allen und allem, was dir gegenübergestellt ist. So ist es gut. So will ich mich auch halten, wenn ich so alt bin wie du.
Tennessee Williams’ Worte aus „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ sind so melancholisch wie wahr, was die Gefangenschaft des Einzelnen in sich selbst angeht. Jeder schleppt auch sein Weltbild mit sich wie das Kreuz nach Golgatha. Keiner ist frei von den Prägungen, die er in jungen Jahren erlitten und errungen hat. Unsere Weltanschauung gerann in vielen Jahren teilweise zu einer Verklärung unserer frühen Idealismen, die wir ins Alter retten wollen – angesichts einer Welt, die wir immer klarer durchschauen. Und so stehen wir zwischen zwei Stühlen unseres eigenen Ichs. Wir wissen, die Welt ist nicht so, wie wir sie uns eingefühlt und erschrieben haben, aber wir halten uns lieber an diesem Strohhalm fest als an der Realität, die uns immer härter trifft und erschreckt. Das gilt auch für unser Bild, das wir von der Literatur haben, von der Poesie, von der Kunst.

Ich las zufällig im Flugzeug im SPIEGEL der letzten Woche ein interessantes Gespräch mit Ulrich Tukur. Ich zitiere seine Worte (auf die Frage: „Warum hängen Sie der Vergangenheit so an?“): „Es ist meine Strategie, durch dieses beängstigende Leben zu kommen ... Ich habe tiefe Ängste und versuche, mich über die Runden zu bringen. Zugleich habe ich eine unbändige Liebe zum Leben. Ich möchte aber kein Spielball der Industrie oder irgendwelcher Moden sein. Ich möchte ich sein. Die Reisen, die ich mittels Musik, Kunst und Literatur unternehme, sind viel intensiver als die vermeintliche Wirklichkeit der Welt, die mich umgibt. Und die selbst immer unwirklicher wird, immer virtueller. Das bedrückt mich. Etwas Entscheidendes ist passiert: Der Mensch, mit seinen unglaublichen Fähigkeiten, hat mit Maschinen und Computern etwas generiert, das uns gerade überrennt. Ich habe Angst, das der Mensch sich überflüssig macht. Dass er eine Welt erschafft, die ihm über den Kopf wächst und ihn auslöscht. Schauen Sie nur auf sich selbst. Sie, die Printmedien, werden verschwinden. Vielleicht wird in 30 Jahren noch eine Zeitung als Nischenprodukt bleiben ... Ich rausche durch die Jahrhunderte. Ich bemühe mich, mein Leben schöner zu machen, als ich es vorfinde. Ich versuche mich auszuklinken, mir meine eigene Welt zu erschaffen. ... Das Ergebnis ist mitunter erstaunlich. Ich habe mal ein Experiment gemacht, in einer privaten Runde. Ich erzählte, wie ich als Kind, ich konnte mich genau erinnern, während eines russischen Bombenangriffs auf Königsberg in einem Boot im Schlossteich saß und der Turm der gotischen Schlosskirche einen Treffer abkriegte und Feuer fing. Und wie ich mit meinem Onkel Karl flüchtete und sah, wie sich das Ziffernblatt von der Turmuhr löste, vom Feuersturm in die Luft gehoben wurde und davonflog; wie auf einem Gemälde von Dalí, auf dem die Zeit verbrennt. Lauter Details habe ich vom Stapel gelassen, die Leuten glaubten jedes Wort. Bis ein älterer Herr schließlich fragte: Sagen Sie mal, wie alt sind Sie eigentlich? Nun, ich bin Jahrgang 57. Ich hatte alles erfunden. So funktioniert Literatur. Und so funktioniert Hochstapelei. ... Womöglich ist das, was Sie Hoffnung nennen, nur die Umkehrung meiner Urangst: bettlägrig zu sein, bewegungsunfähig. Dieser Tod vor dem Tod. Mein eigentliches Ziel im Leben ist ein eleganter Abgang.“

Das sind Gedanken, die ich auch oft habe, und ich habe mich schon lange ertappt, wie eskapistisch ich schon seit meiner Kindheit lebe, nur dass ich mich im Gegensatz zu Hans Castorp und Felix Krull – an diese beiden dachte ich, als ich Tukurs Gedanken las – besser durchschaue und mir mein Lebensspiel, bis jetzt, leisten konnte. Weil ich als Lehrer den richtigen Beruf dafür hatte und jetzt als Schriftsteller auch wieder habe. Nein nein, du musst dich nicht allzu sehr in Zweifel ziehen, schiebe dein Weltbild wie ein spielender Sisyphos deine Berge hinauf – wie ich.

Ulrich Bergmann, 30.9.2014

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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag

Graeculus (69)
(17.10.14)
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 Bergmann (17.10.14)
Partylöwe, du hast den richtigen Namen! Wie schön und moralisch deine Worte klingen! Und wie solide deine Solidarität! Honi soit qui mal y pense.
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