KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Mittwoch, 02. September 2015, 13:50
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BRIEFE AN HERRN ANDRÉ ÜBER DIE LITERATUR (6)

477. Kolumne

6


lieber Damonte,
Dank für die so prompte Ausführung zu Textur 9. Schön, dass es Ihrer Frau deutlich besser geht. Ich denke, das erleichtert für Sie alles. Es gibt auch von der Mannheimer Kreiszeitung einen Artikel zum 19.12. Aber eher blass, liebenswürdig und doch wenig sagend. Nichts zur literarischen Qualität der Textur 7. Das war enttäuschend. Vergessen wir's lieber... Ja, gut, das Marbacher Urteil liegt mir wie ein Stein im Magen; ein wenig lähmt es. Aber ich muss den Blick nach vorne halten: die Zukunft ist alles. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass keine Publikationen Gnade findet im Marbacher Olymp. Ich denke, das eine oder andere werden sie gut heißen; da müsst ich mich schon sehr täuschen, aber auch damit müsst ich leben. Schönen Samstag
Ihr Fabian André

Lieber Fabian André,
das glaube ich auch: Dass manche Bücher gut ankommen in Marbach, etwa Fritz' Gedichte, die schwarzen Erzählungen A.R.', auch Zurbarans Tagebuch-Erinnerungen... und die TEXTUR-Bände... Mein Bruder liest mit einigem Vergnügen LATTE MACCHIATO... sehen Sie, jeder liest anders. Ich lese allerdings alles, als gings um alles. Jetzt häng ich im Korrekturstress drin. Da versiegt mir die Mail-Sprache. Ihnen zwei glückliche Hände, im Kopf und überall. Herzlichst Ihr Damonte


... Besonderes, lieber Damonte, aber 1000 Mal gedruckt, das war supermutig! aber was wäre man ohne die eigenen Euphorien, etwas Vermessenheit gehört halt auch dazu. Immerhin, jetzt ein Schreiben vom Oberbürgermeister der Stadt Lbg., die Textur wird endlich wahrgenommen, geschätzt, und sie wird höchstwahrscheinlich gefördert. Kein großer Betrag, aber immerhin: ich kann einen Antrag stellen! Es geht bergauf, wenn auch nicht steil... Gehen Sie nicht in den Korrekturen unter, aber ich weiß: da müssen Sie durch. Schönen Tag noch! Ihr Fabian André

Lieber Fabian André,
ich gratuliere schon mal zur Aussicht auf Fördermittel! Dann können Sie ja bald denen, denen Sie diese Förderung letztlich verdanken, saftige Honorare zahlen... ich meine vor allem die Autoren in der Spitze des Alphabets... Mit LATTE MACCHIATO ist das nun mal so eine Sache - Sie schätzen das Buch aus besonderen Gründen, mein Bruder, der ganz anders gestrickt ist als ich, mag alle die Details, die mich eher langweilen... Ihnen weiteren Aufstieg in LB, in der Region, in Schwaben, in Süddeutschland, Deutschland und im deutschsprachigen Europa! Herzlichst: Ihr Damonte


und ich habe, riskant genug mein verlegerisches Schicksal (auch) gerade an diesen Roman gebunden. Aber nun schütteln Sie bitte nicht zu sehr den Kopf.
Großer Sieg! Das Literaturarchiv Marbach hat fast alle Titel der Edition Barocco fest angekauft, nur Teufel, Lehn und Tamm nicht, aber das war vorauszusehen. Man zeigt auch weiter freundliches Interesse an meinem Programm. Ich gönne mir jetzt für einige Augenblicke sehr glücklich zu sein, denn ein Durchfallen in Marbach wäre für mich als Verleger eine Katastrophe gewesen... Herzlichst Ihr Fabian André PS Freuen Sie sich mit mir...

Lieber Fabian André,
natürlich freue ich mich mit Ihnen - zumal ich mit drin hänge im Urteil, oder hat Marbach die TEXTUR nicht gekauft? Außerdem, wenn bei Ihnen der Rubel rollt, wie gesagt, dann gestaltet sich ja auch die Honorarfrage neu... darauf haben Sie in ihrem Jubel noch nicht geantwortet... Herzlichst: Ihr Damonte

Lieber Damonte,
die Textur ist von Marbach fest abonniert, das ist richtig. Inzwischen auch von der Stadtbibliothek Stuttgart. Die Edition Barocco ist eine etwas andere Baustelle, und es ging langfristig fast um mehr. Ihr Statement zur Honorarfrage hatte ich fast als Scherz aufgefasst, darum blieb dies ohne Anwort. Leider geht es meinem Verlag finanziell sehr schlecht, nicht weil ich kaufmännisch blöd wäre, sondern weil die Branche kränkelt, und ich wie so mancher andere Kleinverleger um das bloße Überleben kämpfe, das es sowieso nicht gäbe, hätte ich nicht noch meinen Brotberuf. Insofern stellen sich mir derzeit weniger Honorarüberlegungen, sondern wie ich die Edition Barocco etwa vom Niveau höher ansiedeln kann. Und das ist nicht so einfach. Marbach jetzt - d. i. ein Achtungserfolg, man zollt Respekt den Büchern, den Autoren, meiner Verlagsarbeit. Wie aber den Rubel rollen lassen, d. i. eine Frage, die ich mir tagtäglich stelle, ohne dass sich mir eine schlüssige Antwort anböte... Wüsste ich's, so würd ich's keinem verraten... Und nun noch schöne Bücher machen. Ihnen noch einen schönen Tag
Ihr Fabian André

Lieber Fabian André,
klar, die Honorarfrage war nur spielerisch und etwas stichelnd gestellt... Ich kenne ja Ihre Lage grundsätzlich gut. Wichtig ist, dass es Ihnen (und mir) gelingt, in gut gemachten Literaturzeitschriften und Büchern über uns und unser alltägliches Leben hinauszuwachsen, uns zu transzendieren - und das ist insbesondere von verlegerischer Seite her gesehen ein schwerer Balanceakt. Aber da gelingt Ihnen (zunehmend) doch einiges. Die von Ihnen genannten Abos sind in der Tat eine Anerkennung für Ihre Arbeit. Sie haben mir noch nicht verraten, was Sie brotberuflich machen. Ich habe keine Ahnung. Sie machten nur mal eine vage Andeutung... aber darauf konte ich mir nichts reimen. Ich will auch nicht raten. Sie sind da schwer einzuschätzen. Sie lieben Geschichte, aber auch die Kunst - und doch könnte Ihr Geldberuf damit vielleicht nichts z tun haben. Verraten Sie es mir? Ihnen alles Gute in diesen Schneetagen! Ihr Damonte

lieber Damonte,
das fast alles nur noch in klingender Münze zu sehen vermag. Gestern waren wir in einem Zentrum des schwäbischen Geistes. Lesung von Inhagen im Weinsberger Kernerhaus. Wieder überrascht über die Aura dieses Dichter-Museums, in dem eigentlich ein/e Stadtschreiber/in sein Domizil haben müsste, um Inspirationen aufzufangen, die evtl. nur hier kommen.
Mein Brotberuf ist ganz einfach, ich bin stv. Cheflektor in einem hiesigen Verlags- und Druckhaus, das Zeitungen, Zeitschriften und Bücher herausgibt. Und das seit bald 25 Jahren. Am 8.8. habe ich mein 25jähriges. Da rollt dann auch der Rubel, ein wenig wenigstens. Ich mache dort im Grunde nichts anderes, inklusive Werbetexten, die ich auch für meinen Verlag mache. An manchen Tagen sind das dann bei einem 12-Std.-Tag schon viele Buchstaben, die an mir vorbeiwandern. Vielleicht erklärt sich so meine Fernseh-/Bilder-Sucht... Da ich auch noch privat ganz gerne meine Autoren lese, die einfach so nach meinem Gusto sind, muss ich es fast begrüßen, dass meine Ehe nach dem verflixten 7. Jahr in die Brüche ging... Zu Hause verfüge ich über Muße und beinahe schon Friedhofsruhe. Ein stressiges Eheleben könnte ich mir nicht mehr leisten - das müsste dann schon ein Engel, etwas ganz Harmoniesüchtiges sein...
Der Witz ist, dass ich sozusagen ein Verlag im größeren Verlag bin oder ein Lektor in einem größeren Lektorat. Man könnte es einen Maulwurf nennen, ein Tier, dem ich Respekt zolle, auch wenn ich ihn als Hobbygärtner bekriege. Sie werden sicher den wunderbaren Krimi "Der Maulwurf" mit Lino Ventura kennen. Ihnen noch einen angenehmen Samstag wünschend Ihr Fabian André


Lieber Fabian André,
in der Anlage sende ich Ihnen den Korrekturausdruck für TEXTUR 9 zurück.
Bis zum 17.2. bin ich noch unter meiner alten Adresse und Telefonnummer zu erreichen.
Ich freue mich sehr auf den Umzug nach Bonn, der ja eine Rückkehr ins gelobte Land ist. Bonn ist meine Heimat seit letzten Kindertagen. Es ist vor allem eine Heimat, die ich selbst wählte, nachdem ich mich in die Stadt am Rhein verliebt hatte, die meiner Geburtsstadt Halle an der Saale in manchem so ähnlich ist. Das war 1954, da sah ich meinen Vater zum ersten Mal. Er kam aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurück. Als ich 10 Jahre alt war, wurde ich gefragt, ob ich zu meinem Vater nach Bonn gehen oder bei meiner Mutter in Halle bleiben wolle. Ich entschied mich, zumal meine Großmutter (Mama Louise), die ich mehr liebte als meine Mutter, die DDR verließ und auch nach Bonn zog. Mein Vater musste in Bonn noch sein Medizinstudium beenden, und so wohnte ich erst mit meinen Großeltern in der Kaiserstraße, dann, ein halbes Jahr später, wohnten wir mit meinem Vater zusammen in drei armen Zimmern auf drei Etagen in einem gräflichen Haus. Es wurde die schönste Zeit meiner Kindheit. Ich spielte mit den neuen Freunden wild im nahen Wald und fuhr viel mit dem Rad. Wir spielten Monopoly und Mau-Mau. Mit Ankersteinbaukästen, meinen Rittern und Indianern, Märklin-Eisenbahn und Lego. Ich las Prinz Eisenherz, Huckleberry Finn, Quo vadis?, Ben Hur, Désirée, Ein Kampf um Rom, die Lederstrumpf-Romane, Tatanka Yotanka, Die Schatzinsel, Moby Dick, und jeden Donnerstag das neue Micky-Maus-Heft. Ich ging aufs Päda, das Pädagogium Otto-Kühne-Schule, damals noch ein reines (evangelisches) Jungengymnasium mit Lateinpaukerei (ich beherrsche heute noch alle Formen der Deklinationen und Konjugationen...) und fuhr mit dem Rad durch die Straßen des Viertels, in dem ich nun wohne. Ich habe in Bonn 1955-1959, 1966-1974, 1978-1992 gewohnt, die meiste Zeit also in und bei Bonn - abgesehen von meiner frühen Kindheit (Halle/Saale) und in der Zeit meiner langen Pubertät (Neuenbürg/Enz und Birkenfeld bei Pforzheim, dann Bundeswehr in Roth bei Nürnberg und in Leipheim bei Ulm).
Ihnen alles Gute! Herzlichst: Ihr Damonte


Lieber Fabian André,
honorig meinte ich natürlich eher ideell... Was Sie da mit dem Forum Literatur unternehmen, ist eine honorige Sache. Mir ist klar, dass Sie da kaum etwas verdienen, schon gar nicht unter dem Gesichtspunkt, dass Sie Ihre Arbeit, die Sie in die TEXTUR und in die Buchreihen stecken, vergütet bekommen. Und darum geht es Ihnen nicht primär, das weiß ich, Sie sagten es einmal vor einem Jahr, glaube ich. Sie deuteten das jedenfalls an. Sie müssen sehen, sagten Sie, dass Ihr Verlag schwarze Zahlen schreibt. Sie wissen, dass mir das Schreiben viel bedeutet, und damit konsequenterweise auch das Veröffentlichen. Die Reaktionen auf meine Sachen sind wichtig: Was wird genommen, was nicht, wer lehnt ab, wer nimmt meine Texte... Sind das junge Leute, was für eine Art Literaturzeitschrift ist das, soll ich dort publizieren, oder werde ich funktionalisiert? Ich will meine Texte möglichst weit verbreiten, und bisher gelingt das ganz gut. Insbesondere erscheinen meine Texte im KRAUTGARTEN, St. Vith, Belgien (eine überregionale deutschsprachige Zs. im Raum Eupen - Köln - Koblenz - Trier - Aachen, aber auch darüber hinaus. Oder im ORT DER AUGEN, Magdeburg; MUSCHELHAUFEN; NDL u. a.
Mir sind die Lit.Zss. wichtiger als Buchveröffentlichungen (nur im Fall der „Arthurgeschichten“ mache ich eine Ausnahme, sie liegen mir unbegreiflich am Herzen und daher breche ich hier meinen Grundsatz für Veröffentlichungen keinen Druckkostenbeitrag zu zahlen, allerdings darf jeder Autor in bestimmten Fällen im Eigenverlag oder in ähnlichem Rahmen veröffentlichen) - es sei denn, ich könnte in einem großen, bundesweiten Verlag erscheinen, aber das liegt in weiter unendlicher Ferne, da hätte ich nur mit einem Roman, der einschlägt, Chancen. Aber Schlager schreibe ich nicht. Obwohl ich finde, dass manche meiner kleinen Erzählungen nicht üble Filmideen abgäben. Aber das sehe nur ich, weil ich wahrscheinlich dazu neige, meine Texte falsch einzuschätzen. Allerdings überschätze ich mich und meine Arbeit insgesamt nicht, glaube ich. Ich bin ein drittklassiger Schriftsteller, wenn überhaupt, schon quantitativ gesehen. Die Tatsache, dass ich neben dem Beruf schreibe, stört mich im Hinblick auf meinen Status nicht, das war bei Kafka, Kleist und Goethe und vielen anderen Dichtern bis in unsere Gegenwart nicht anders. Ich fing auch arg spät an. Ich war 43 Jahre alt, als ich richtig zu schreiben begann. Mein erzählerisches Werk ist noch ziemlich klein, unter 500 Buchseiten (rund einhundert kleine Erzählungen ohne die Arthuriana), nichterzählende Prosa vielleicht ebenso, die Gedichte sind unbedeutend. Das ist nicht viel. Aber ich arbeite weiter. Ich habe in den letzten 8 Jahren bestimmt drei Mal soviel geschrieben wie in den ersten 8 Jahren. Vor allem der Roman soll gelingen. Ich habe noch einmal 16 Jahre, wenn ich gesund bleibe, in denen ich schöpferisch bin und wahrscheinlich noch mit den Kräften wachse. Damit Sie mich aber nicht falsch verstehen, ich bin auch mit der Situation, wie sie jetzt ist, zufrieden, das Geschriebene genügt mir durchaus. Ich weiß ja auch nicht, ob und wie ich weiterkomme im Schreiben. Mich interessiert aber der Prozess und mich interessieren die Themen und die Schreib-Techniken, die ich für mich entwickle, egal wie modern diese sind. Mein Erzählen ist tonal, manche Texte sind aber sicherlich nicht immer leicht zu lesen, das merke ich an mir selber, weil ich manche Stellen, die ich nach Jahren lese, nicht mehr so begreife wie vorher, denn ich stocke und erinnere mich nicht mehr genau an das, was ich damals im Kopf hatte. Natürlich kann das auch daran liegen, dass vieles, was ich schreibe, nur durch mich als Medium hindurchgeht. Trotzdem rationalisiere ich immer zumindest die ästhetische Form meiner Texte. Also: In der Sache, um die es hier geht, sind wir uns einig: Die belletristische Literatur.
Sie fassen sich als passionierter Leser (und Lektor und Vermittler, Verleger) auf. Schreiben Sie selber auch belletristische Texte?
Interessant, was Sie über Ihre Ehe und Ihren derzeitigen Status schreiben. Mit der Ehe habe ich Glück. Meine Frau interessiert sich zwar für Kunst und Musik und die Oper (und wir unternehmen zusammen viel auf diesem Sektor), aber für meine Literatur, die ich lese, viel weniger, für die die ich schreibe, überhaupt nicht. „Ich kenn dich doch“, sagt sie dazu. Aber diese Antwort reicht natürlich nicht. Sie will nicht. Auch mein Sohn liest mich nicht. Den Kollegen gebe ich absichtlich nichts mehr. Die gehen an das was ich schreibe heran, als wären das Texte, die sie für den Unterricht bearbeiten. So ist das. Unter den Freunden gibt es aber mehr Interesse und Verständnis. Aber in meiner Altersklasse ist das Verständnis geringer als bei jüngeren Leuten. (Meine Schüler halte ich jedoch wohlbedacht vollkommen heraus.)
Zurück zum partnerschaftlichen Leben. Ich habe einen Freund, der ist Maler, Schüler von HAP Grieshaber, Otto Eberhardt, Schwetzingen, der verlor seine Frau wegen der Kunst. Übrigens war er bis vor einigen Jahren auch Lehrer und machte Schülertheater wie ich.
Wenn Sie sich in Ihrer Existenzform wohlfühlen, ist es gut. Ich weiß nicht, ob es wirklich so ist. Ich lebte nicht gern allein.
Anbei ein Text von mir, den Sie in TEXTUR 4,2002 druckten, hier in schwachneuhochdeutscher Fassung, nur so zum Spaß: Ich wollte sehen, wie Englisch auf deutsch klingt...
Ihnen alles Gute! Herzlichst Ihr Damonte

De Konzert

De konzert beginnt. De dirigent hebt de stab und bricht es über de knie, de orchester steht auf de dünn eis decke von e drei meteren hoch wasser würfel in gläsern wanden. De musikeren stellt ihr gehirnen um. Langsam zerlegt de musikeren ihr instrumenten, nach genau plan, dann zieht se de kleiden aus, dreht se zu dick seilen. Wie oft habt se de einmalig gelegenheit übt, immer un immer wieder, jed bewegung von de komplex zusammspiel, auf achtel noten genau! Se bleibt genau in de takt, se dürft nich zu schnell sich ganz hingeb an de werk, se müsst ihr leb hinaus zöger. In de proben war all nur schein, zehn jahren lang sim ert un spielt se wie interpreten, welch de lösungen sucht un nich findet, se probt de tod wie jed lebend, nur mehr intensiv, mehr bewusst. Se sehnt sich nach de tag von dis konzert, se wollt de ganz sinn, se wollt nich mehr spiel. Jetzt werdet es endlich ernst.
Se löst de saiten aus de groß harf, de violinen, celli, bratschen un contrabassen, dann deDamonteert se de klavier. Jed einzeln aktion habt e bestimmt bezug zu de end, das spürt jed in de ausverkauft halle, se durchschaut all de partitur von de prozess, welch auch ihr leb betrefft, das fühlt se. Se fesselt schon mit ihr augen de dirigent, bevor de streicheren de miteinander verknüpft saiten wie netzen über en werft, dann bindet se sich selb an armen, beinen un halsen, vernetzt un verdraht sich zu ein körper, zu ein instrument, welch immer mehr harmonisch spielt. Aus de munden tönt de schmerz, de gesang fließt über de haut von de instrument. De publikum war erst unsicher, raun mischt sich für e kurz zeit in de körper gesangen un verschmelzt mit ihnen. Dann tretet stille ein, entsetzlich stille, de instrument explodiert, de musikeren strebt heftig auseinander, lauft hart bis zu de vier randen von de glas körper, welch ihr stern war, un zieht de saiten immer mehr eng zu. Se fallt auf de eis, de blut schießt durch de herz, se beißt de knirschend zahnen fest in de seilen an de rand von ihr stern. Da werdet es mehr leis. Ihr lied geht nach innen.

De nackt körperen glüht weiß un grell. Se blendet de augen. De saiten zergliedert de körperen in nie seht art, un in de bewegung erscheint de stück wie de summe von all möglich akten. Kein bildhauer seht bisher so de menschlich körper. So schön un reizvoll erscheint de flut von de hauten, de schwellung von de muskelen, de drehung von de glieden - weil se in de schmerz klingt. Fein drahten verstärkt elektronisch de summ von de haut, de reibung von de luft, de schlagend herz, de rasend blut. De körper musik dringt in de ohren un verteilt sich in de kopfen von de höreren, welch sich entkleidet. Ein nehmt de scharf spitzt stimm gabel un stecht se in de aufreißt augen von de nachbar, aus welch de zersplittert bilden von sein leb heraus fall, wie glas scherben in de harsch kratzend eis. Ein ander reiß de geig bog hoch un ramm es in de gurgel von de schön neben ihm, er zieh de bog rauf un runter, spiel e schwarz thema, zersäg de rach, de luft röhr, de lung zu lauter neu melodien. Noch ein ander setz de flöt an de after von e kniend un stoß se ihr so heftig in de darm, dass spitzig tonen auf de eis spritz.

Von de rand zurück stürzt se zu de mitte von de eis. In de zusamm prall e einzig schrill schrei, tierisch jetz. Se lauft wieder auseinander, zu de rand von de glas, zu de ufer von de tod. Nun schlagt de schritten in de hin un her e melodisch rhythmus aus de eis, aus de spannt saiten un zerfasert stimm banden. Zuletz springt se mit de ganz kraft, welch se für de letzt bewegung aufhebt habt, in all himmel richtungen über de glas klippen in de tief. Langsam schrumpft de lungen, se gebt e leis chorisch zisch, bis in de zuschnürt kehlen de letzt saiten reißt, klein kornen fallt aus de weit öffnet munden.
De publikum war immer noch bewusstlos, aber in de lang fermat von de letzt takt fallt de zuhöreren wie domino steinen, reih um reih, starr zu boden. De aufschlag von de nackt leiben war de applaus. De hinschmettert schädelen platzt, reißt auf, perkussion von jagend pulsen, zitternd nerv strangen, innen trommelt de körperen. Nur e klein weil. Hirn gesang. Stille. Stockdunkel mit ein schlag.
Sela.

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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 Bergmann (04.10.15)
Für dich hast du sicherlich recht. Und: Du musst es nicht lesen.
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