KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Mittwoch, 30. März 2016, 23:12
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El tango es ...

506. Kolumne


El tango es ... la creencia de que la lucha puede ser un festejeo.
– Tango ist der Glaube, dass der Kampf ein Fest sein kann. (Jorge Luis Borges)


MARIA DE BUENOS AIRES ist eine tief berührende „operita“, eine
‚kleine Oper’, zu deren Komposition Astor Piazzolla durch Bernsteins WEST SIDE STORY angeregt wurde. Es ist eine „Tangata“, eine ‚Tango-Kantate’ der zornigen Verherrlichung der Frauen, die als Prostituierte ihren Existenzkampf in Würde behaupten müssen – ihre Repräsentantin ist María. Die Lebensgeschichte der toten Prostituierten wird in vielfältiger, expressiv-metaphorischer Gestalt erzählt. Zuletzt gebiert ihr Schatten ein Mariakind. Eine politische Utopie überwindet die christliche Mythologie.

Beim Tango geht es um Entwurzelung und Verlustangst der Identität, um Überlebenskampf von Emigranten und anderen Benachteiligten, es geht um soziales Scheitern und Hoffnung auf Geborgenheit in der erotischen Liebe, die sich nicht erfüllt, so dass am Ende Enttäuschung steht, schließlich Einsamkeit, Selbstzweifel und Verzweiflung am Sinn des Lebens. Aber es ist noch mehr: „Die seismographische Wiedergabe menschlicher Empfindung zeigt das Tango-Chanson als poetische und musikalische Psychoanalyse. Eine schmerzliche Erfahrung, die zur Lebenshaltung wurde, ist hier als Kunstform verewigt. ... Der Tanz weist jedoch als Zweisamkeit über die Inhalte der Chansons weit hinaus.“ (Raimund Allebrand, Tango. Nostalgie und Abschied. Psychologie des Tango Argentino. Bad Honnef 1998)

Das mythisch-mysthische Libretto ist ein säkularisiertes Oratorium bzw. eine politisch und erotisch aufgeladene weltliche Kantate mit surrealistischen Mitteln. Die Neigung zur metaphorischen Übertreibung und zum Pathos stört hier nicht, weil manche Formulierungen und Bilder sehr subtil mit religiösen Trost-Mythen und sozialpolitischen Zumutungen abrechnen. Piazzolla verwendet Formen der barocken und klassischen Musik, etwa Fuge und Walzer, liedhaftes Duett und Chormusik. Anderthalb Stunden wunderschöne Musik.

El tango es un pensamiento triste que se puede bailar. – Der Tango ist ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann. (Enrique Santos Discépolo)

Zwar ist die Bonner Aufführung konzertant, es fehlten Chor und einige in der operita auftretende Personen, aber das kleine Instrumentalensemble (aus Musikern des Beethoven-Orchesters) spielt derart ‚waschecht’ Tango-Musik und erzeugt perfekt Melancholie, Tristesse, Nostalgie, Klage und Stolz in der Lebensgeschichte Marías, dass es das Publikum begeistert.

30.3.2016

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