Film & Fußball

Eine cineastische Mannschafts-Kolumne


Die Kolumne des Teams " Film & Fußball"

Sonntag, 03. Januar 2016, 12:34
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Roland Klick: Ludwig (Kurzfilm), 1964

von  Dieter_Rotmund


Gastkolumne von  Dr. Frosch

Anmerkung: Der Hauptakteur Otto Sander, wird allgemein in weiteren Kritiken etc. als Dorfdepp bezeichnet. Ich übernehme der Einfachheit halber diese Formulierung. Stimme aber dieser Einschätzung nicht zu.

Der Dorfdepp sitzt draußen an eine sonnige Holzwand gelehnt. Sinniert, raucht, nimmt einen Schluck aus der Bierpulle und betrachtet einen Käfer auf seiner Hand. Den er mit der Zigarette lyncht. Ein leuchtendes Spiegelfeld wandert auf seinem Gesicht, die Kamera schwenkt um, man sieht eine Gruppe Arbeiter vor einer dürftigen Bauhütte. Der Dorfdepp flucht in breitestem Bayrisch. Es gibt eine Sprengexplosion - man befindet sich in einen der Steinbrüche um Solnhofen herum. 70er Jahre, Gastarbeiterzeit. Der Krieg ist nicht weit weg, Wohlstand und urbane Zivilisation sind abwesend. Ein Dorf ist noch ein Dorf. Ein Dorf ist grausam, brutal und anziehend. Weil es an jeder Ecke etwas zu sehen gibt. Weil man in einem realen Alptraum herumwandern kann.

Maschinen laufen, Felsen stürzen ein. Der Dorfdepp drischt mit der Spitzhacke ins Gestein. Die Felsen geben eine riesige Versteinerung frei, um die sich ein Kampf mit einem dunkelhaarigen Steinbrucharbeiter entbrannt. Ludwig watschelt breitbeinig und ungelenk mit der Trophäe davon. Er ist fasziniert von dem Fund.

Eine traurige Gitarre setzt ein, Ludwig radelt einen schmalen Sandweg den Steinbrüchen entlang. Im Hintergrund eine Ansammlung von Häusern. Ein Ochsenkarren zieht vorbei, ein schönes Mädchen mit wehendem Rock sammelt Steine ein, so dass Ludwig ein Radpanne vortäuschen muss, um das Mädchen betrachten zu können. Der Wind und das geile Chicken selbst heben den Rock ein wenig und der Depp fährt dann in das Dorf ein. Ein Motorradfahrer tuckert bildabwärts, die Häuser und Straßen sind in einem abenteuerlichen Zustand. Zerbröseln und zerfallen. Steinzeit. Ludwig springt in eine Horde Kinder und kämpft mit um eine aufgepumpte Schweinsblase, die als Fußball dient und herumgeschossen wird. Holla geh zua gezua auwäh schiaß halt her Hundling verreckta! Er fällt überhaupt nicht auf in der Kinderhorde. An eine Hausmauer gelehnt drei Kids, der Größe nach aufgereiht. Eine Bäuerin erscheint in einer Tür, verwundert sieht sie dem Treiben zu.

Plötzlich ist sein Fahrrad weg. Die Kids liefern ein paar individuelle Privatgags und sind begeistert von dem Klau. Ludwig hetzt dem Dieb hinterher, es ist einer der Jungen, schlägt nebenbei ein paar grunzenden Schweinen die Türklappe vor die Schnauze. Springt, eine Entenherde aufscheuchend und Knüppel werfend zwischen wunderbarem bayrischen Dorfchaos dem Flüchtenden hinterher und stellt den Jungen endlich, indem er ihn vom Fahrrad reißt. (Abenteuerlich gedreht: Der Junge in Großaufnahme auf dem fliehenden Fahrrad, immer vorne im Bild, dahinter der hinterher hetzende Otto Sander. Mal ist er im Bild, dann wieder weg). Bläder Hund, bläder! Es setzt eine Tracht Prügel. Das geile Chicken kommt per Moped von der Steinarbeit zurück. Man sieht sich kurz an. Verachtung? Interesse? Hühner kreischen. Cut.

Familienszene: Ein wettergegerbter Alter, ein Säugling auf dem Schoß einer kopfbetuchten Landfrau und eine weitere, gut genährte Bäuerin schlürfen schweigend Nudelsuppe. Ludwig zieht Geldscheine aus der Tasche und reicht sie dem Alten, der sie lediglich betrachtet. Alles läuft schweigend ab. Der dürre Dorfdepp nimmt den Steinfund und legt ihn neben zwei Gartenzwergen auf die Erde. Es ist ein guter Platz. Es ist ein guter Stein. Es ist ein guter Altar.

Im Sonntagsanzug rattert Ludwig mit dem Bulldog (nicht mit dem Trecker) eine Gasse hinunter. Häuser und Friedhof wie in der Toscana. Die Jungen-Gang des Dorfes ist versammelt. Frisch gegelte Haare, Anzug, Schlips, Flaschen in der Hand. Man ist eigentlich zu groß für dieses Dorf. Ein Transistor dreht an und alle drehen sich um. Die Kleine von vorhin läuft sexy und barfüßig, die Schuhe in der Hand aus dem Bild. Alle wollen nur das eine. Zwei der Burschen fahren ihr nach und tätscheln an ihr herum. Schleichts Eich, geh lecks mi am Oarsch. Das Mädchen verschwindet in der Dorfkneipe, die Jungen drehen ab. So eine Gaudi! Ein schönes und wichtiges Highlight im Dorfleben. Schließlich muss es weiter existieren. In Gottes Namen.

Ludwig erklimmt den Bulldog, ploppt eine Flasche Bier auf und lässt es hinunter fließen. Alle lassen es fließen auf dem Dorf. Und in der Stadt. Man steht noch herum. Eine Katze läuft tragischerweise vorbei, wird am Schwanz gezogen, gestreichelt, eine Schlinge um ihre Beine gelegt und durch die Gegend gezogen. Die Katze dreht in Panik durch. Ludwig jagt sie mit der schweren Maschine. Das sorgt für Erheiterung der Burschenschaft und bei den Umstehenden. Eine Dorffrauengesellschaft und ein grinsender hutkratzender Bauersmann sind ebenfalls sehr amüsiert. Endlich mal was los im Dorf!

Die Schöne taucht auf, trägt mehrere Bierflaschen vor ihrer begehrten Brust. Ludwig zieht auch nochmal die Flüssigkeit rein, eine rostende Konservenbüchse wird geschossen, die Kamera verfolgt ihren Lauf und lässt sie dann in aller Seelenruhe auslaufen, bis nur noch Büchse, Steine, Dreck und einige Strohteile zu sehen sind. Bis nur noch das nackte Dorfleben zu sehen ist.

In der Kneipe: Lachen, Handdrückkampf, Rauchen und Saufen. Und Spaß haben. Ludwig, der Dorfdepp singt mit alkoholisierter Kraft, die Kleine mit dem fliegenden Rock, die Dorferneuerin ist der Star des Wirtshauses. Sie wird wild massiert an ihrem einladend nackten Hals im wilden Endzeittreiben der Kneipe. Geh lass mir mein Ruah! (Übersetzt: Bitte mache weiter! Dräng mich, fass mich, liebe mich verrückt!) Sie windet sich lustvoll im umkippenden Bier und unter den zupackenden Massagegriffen eines Burschen, der Armdrücker fliegt besoffen in das Dunkel der Kneipe. Ludwig pisst in die Pissrinne, seine Besoffenheit stützt sich an einem Fensterrahmen. Der junge Masseur zieht Kondome aus dem Automaten, der Dorfdepp blickt ihm neidisch und sehnsüchtig hinterher. Lustgekreische. Das Lass-mir-mei -Rua-Mädchen flieht lüstern in die Nacht, ihr Wohltäter lachend hinterher. Nur die Wirtshausfenster leuchten noch. Die Nacht schweigt in tiefstem Schwarz. Schemen huschen, Ludwig stürzt aus der Kneipe, fragend, suchend, sturzbesoffen. Und die Antwort wissend. Die traurige Antwort. Er dreht sich um. Taumelt erneut dem Bierhahn entgegen.

Ein Film von Roland Klick.

Regie, Buch Roland Klick
Kamera Jochen Cerhak, Roland Klick
Musik Roland Klick
Schnitt Roland Klick
Produktion Atlas-Film, Duisburg / Roland Klick, München
Mitwirkende: Otto Sander und Dorfbewohner
35mm, 1:1,35, s/w Länge: 16 Minuten

Kommentare zu diesem Teamkolumnenbeitrag


 Dieter_Rotmund (08.01.16)
Der Text beschreibt nicht nur die Stimung des Films gut, es durchweht ihn auch der Geist vieler der Filme aus dieser Ära, will sagen den Frühwerken von Wenders, Herzog, Fassbinder usw.
Um die Sache rund zu halten, würde ich so neudeutsche Begriffe wie "geiles Chicken", "Kids" und "Privatgag" jedoch vermeiden.
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