KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Donnerstag, 09. April 2020, 17:01
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BRIEFE AN HERRN ANDRÉ ÜBER DIE LITERATUR 14

713. Kolumne

8.1.2005 Lieber Damonte, bekam gestern diese Mail von A.R.:
„Nach nur 3 Tagen bin ich wieder zurück aus dem Krankenhaus. Dies aus dem Grunde, dass alles schlimmer geworden ist: Metastasen in der anderen Lunge und in der Leber, alles inoperabel. Es gibt noch EINE Chance: Tabletten, die in Deutschland noch nicht zugelassen sind, mir aber vom Krankenhaus aus Amerika bestellt und als Studie verabreicht werden. Fabian, ich weiß nicht, wie schnell es jetzt abwärts geht, aber ich setze keine große Hoffnung in die Tablette, die bei 20% anschlagen soll. Ich will nicht lange leiden müssen. Das Lob über meinen Text hat mich sehr, sehr gefreut. Eitel bleibt der Mensch bis hin zur Todesstunde.“
Was meinen Sie? Es scheint nun rasch bergab zu gehen. Ich will Sie um Himmels willen nicht betrüben! Mitfühlen - aber nicht mitleiden. Sie haben das ja alles hinter sich... Herzlichst Ihr Fabian André PS: Es ist Post an Sie unterwegs. Benkel hat seinen Essay noch nicht zugesandt. Aber das wird!

Lieber Fabian André,
wir müssen davon ausgehen, dass es mit A.R. leider zuende geht. Ich habe AR persönlich nicht wirklich kennengelernt. Ich schüttelte ihr die Hand im Juli 2003, als sie den Forum-Preis erhielt. Sie nahm mich kaum wahr. Erst im brieflichen Kontakt lernte ich sie kennen und da gefiel mir ihre Offenheit und die Zusammenarbeit mit ihr an dem Gedicht ("gestottertes ich"). Sie lud mich sogar zusammen mit meinem Freund ein bei ihr zu übernachten (Dezember 2003). Sie nahm auch meine Kritik an ihrem Roman gelassen hin - ich gab ihr nicht das Exposé, das ich Ihnen gab, aber ich meinte, Humor und Ironie gefielen mir nicht so sehr, und ich nannte ihr Buch MATTE LACHIATO... Das durchschaute sie nicht gleich (hielt es erst für einen unabsichtlichen Verdreher), aber dann schnallte sie doch. Ich mahnte, schreiben Sie nicht so schnell, feilen Sie mehr. Sie antwortete mir damals, als sie noch keinen Hinweis auf ihre Krankheit hatte, immer wieder, sie habe keine Zeit, sie müsse so schnell schreiben. Solche Dinge erinnern mich an die unbewusste Sprache, die auch bei meiner Frau zum Ausdruck kam - sie hängte in der neuen Wohnung kein Bild in ihrem Zimmer auf! Nur ein Bild, das die Mutter unserer (künftigen) Schwiegertochter malte und uns schenkte, bevor sie an Unterleibskrebs starb: Einen Lebensbaum. Wahrscheinlich habe ich die frühen Anzeichen des sprechenden Körpers übersehen, als meine Frau noch 'gesund' war. Als A.R. vom Sterben meiner Frau erfuhr, war sie selbst erkrankt. Sie reagierte auf mein Leid so gut sie konnte. Knapp aber herzlich. Mit A.R. verlieren Sie, verlieren wir eine sehr beachtenswerte Frau und Schriftstellerin.
Vielleicht gehört die Erwähnung der US-Tablette schon zur Psychologie des Sterbens (Phase des 'Verhandelns mit dem Tod' - hier vielleicht von ärztlicher Seite, die spielen da oft mit). A.R. zeigt die realistische Haltung, wie zuletzt auch meine Frau, die auch nicht mehr wirklich mit dem Tod verhandeln konnte. Wenn A.R. meine Aufzeichnungen (SARAH...) gelesen haben sollte, weiß sie, was auf sie zukommt. Aber jeder stirbt anders. Es kann noch viele Wochen gehen. Die Ärzte gaben meiner Frau die Aussicht, die Geburt ihres Enkels mitzuerleben. Sie starb aber drei Monate früher. Auch meine Frau hatte dann lieber schneller sterben wollen. Ich verstehe A.R. Wunsch und ich wünsche ihr, dass es schnell geht, damit sie nicht noch lange leiden muss, obwohl sie das Leiden am Ende kaum mitbekommt, so stark ist die Kraft der Manipulation (!!!) mit den Medikamenten. Mich betrübt das nicht. Ich bin immer stabiler. Meine Ärztin sagte vor einiger Zeit zu mir, jetzt haut Sie sc schnell gar nichts mehr um. (Aber da übertrieb sie natürlich.) - Morgen treffe ich eine Frau, mit der ich mich verabredet habe. Sie ist zwei Jahre jünger als meine Frau, sieht gut aus, ist offenbar ein fröhlicher Mensch... Studiendirektorin...! Aber ich schweige jetzt, morgen weiß und fühle ich vielleicht mehr. Es ist ein Versuch. Jedenfalls habe ich meine alte Schlagkraft wiedergewonnen. Ich bin derart aktiv und gut gestimmt, dass ich sagen kann, ich unternehme noch mehr als früher. Klar, ich hab ja jetzt auch mehr Zeit. Die Literatur ist mein Lebensinhalt. Das Theater, die Oper, die Museen, der Konzertsaal... meine Wohnzimmer. Ob eine Frau das umdrehen kann? Ich glaube nicht. Holger Benkel soll unbedingt noch kürzen - er soll die Leser nicht überfordern. Bin auf die Post gespannt, die Sie mir schicken. Ihnen alles Gute! Ihr Damonte

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