KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Sonntag, 10. Januar 2021, 13:45
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Mein kv - 3. Cantalurp

746. Kolumne

3. Julia Trompeter (Cantalurp)

Ich habe Julia zum ersten Mal persönlich getroffen, als sie in einem der vielen Kölner Kultur-Zimmer ihre Lieder und Gedichte vortrug, die sie mit Gitarren-Begleitung teilweise auch sang. Eine zierliche junge Frau sang vor einem, was das Alter angeht, gemischten Publikum und bekam viel Beifall für ihre ersten Versuche, öffentlich aufzutreten. Manches war da noch ungelenk, auch die Lyrik, aber es blitzte auch viel Talent auf. Das war 2006.

Die Lyrik, die sie auf kv brachte, gefiel vielen, Cantalurp war beliebt, auch ihre Teilnahme am Kommentar- und Diskutierbetrieb. Leider habe ich sie nicht aufgenommen in meine kv-Anthologie „bildschirmgedichte“ - doch ich schätzte sie und einige ihrer Gedichte sehr. Mit den Jahren veröffentlichte sie immer weniger Texte auf kv, und seit dem Sommer 2014 ist sie bei kv nicht mehr aktiv.

Die 1980 in Siegburg Geborene studierte Philosophie, Germanistik und Klassische Literaturwissenschaft in Köln und promovierte in Berlin und Bochum.
Seit 2009 tritt sie in dem performativen Projekt [hier sieht man die Fortsetzung früherer Bühnenauftritte] „Sprechduette“ zusammen mit Xaver Römer auf.

Sie erhielt 2012 das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium der Stadt Köln, 2013 für ihren Debütroman eine Förderung der Kunststiftung NRW, 2014 den Förderpreis für junge Künstlerinnen und Künstler des Landes Nordrhein-Westfalen.
Nach ihrem Debüt „Die Mittlerin“ ist 2016 im Verlag Schöffling & Co. der Lyrikband „Zum Begreifen nah“ erschienen.

Am 6.4.2016 um 20 Uhr hat sie eine Lesung im Buchcafé Antiquarius, Bonner Talweg 14, 53113 Bonn. Ein paar Straßen weiter wohne ich. Ich war gespannt auf das Wiedersehen.

Am 6.4.2016 um 20 Uhr war ich bei ihrer Lesung im Buchcafé Antiquarius, Bonner Talweg 14, 53113 Bonn. Ein paar Straßen weiter wohne ich. Es war der Tag meines Geburtstags. Egal. Primzahl unter 100. Ich feiere sowieso erst am Wochenende. Also hin zum Antiquarius.

Die kleine enge Bude war picke packe rappelvoll. 30 plus. Alter auch. 30 plus bis 40 plus. Ich dann absolute Altersspitze. Primzahl unter 100, hinter mir liegen schon 19, vor mir nur noch 6 weitere.

Die KRITISCHE AUSGABE (Literaturzeitschrift der Fachschaft Germanistik, Bonner Uni, die heute nicht mehr existiert) moderierte an. In einer 2016 erschienenen Ausgabe steht eine philologische Rezension von Julias erstem Gedichtband. Der Autor der Rezension, Fabian Beer, gibt Julia das Wort.

Nun liest sie. Stellt ihren Gedichtband vor. Ich erlebte sie nun ganz anders als vor 10 Jahren in Köln, als sie ihre Gedichte und Lieder im DUDDEL vortrug. Ich dachte: Sie sieht eigentlich immer noch so aus wie damals, nur singt sie (leider) nicht mehr. Jetzt ist ihr Auftritt viel bescheidener, das ist nicht falsch, - sie ist vorsichtig.

Der Rezensent der KRITISCHEN AUSGABE lächelt hin und wieder in mitverstehendem Wissen bei dem ein oder anderen Vers.

Das erste Gedicht, das Julia liest, ist vielleicht das beste, dachte ich, es ist das erste in ihrem Buch:


Paradies

Wenn sich deine Augen manchmal aufklappen,
sperrangelweit, und der Horizont in sie kippt,
denn wie sollte die Ferne sonst zu dir gelangen?

(„Zum Begreifen nah“ heißt Julias Buch ...)

- dann sehe ich gerne hinein, denn sie spiegeln
ungeahnte Theorien von Schwarzen Löchern,

(man beachte die poetologischen Anspielungen!)

achtsam geschmeckten Rosinen oder einfach
Pupillen, die du mit deinen Äpfeln herumrollst,
in die ich beißen würde, wenn ich könnte,

(immer noch poetologisch gemeint - Rosinen, Äpfel, Synthese von Sinn und Sinn ...

und alle Fehler einfach wiederholen, ganz egal.

(Ganz egal! Wir sehen: Was sich parodieren lässt, hat Substanz.)

Wenn ich das kleine Haus dort hinten wäre,
an dem dein Blick sich lautlos verfängt.
Und sowieso würde ich vorschlagen,
das Meckern der Schlange zu ignorieren.

(Schlange! Subtile Ambivalenz! Das weiblich Böse und die hoffnungslos Wartenden.)

In der erwartbar akademisch formulierten Rezension Fabian Beers wird die Autorin zitiert: ihre lyrische Intention sei es nicht, die Welt mimetisch im Sinne von Aristoteles abzubilden, sie wolle „mit einem geöffneten Sinnangebot in Spannung treten“. Das heißt: sie will die polysemantische Wirkung der Sprache so organisieren, dass mehr als nur das Wesen einer Situation, eines Sachverhalts lesbar wird. Dergestalt, dass der Leser sich selbst dem Begreifen näher bringt, indem er das gelesene Gedicht in seiner eigenen Sprache nachspricht, mit Worten oder Ideen. Das sind keine neuen Dinge in der Lyrik, aber die Autorin zeigt, dass sie weiß, wie und was sie schreibt. Sie hat sich freigeschwommen aus dem kleinen Pool liedhafter Verse in der Zeit ihres Beginnens vor ungefähr zehn Jahren. Die Gedichte sind nun wesentlich subtiler, sie setzen darauf, dass sich komplexe Metaphern beim Lesen multiplizieren, aber man muss das nicht ausrechnen. Julia Trompeters Gedichte sind voll von solchen spielerischen Wirklichkeits- und Perspektivenverfremdungen, die den Leser seinen Erkenntnissen näher bringt.
Leicht sind diese Gedichte nicht, zumal sie poetologische Metaebenen und Selbstkommentierungen enthalten. Hermetisch wirken jedoch nur einzelne Stellen – und man muss auch nie das ganze Gedicht in philologischer Vollendung kapieren. Anders betrachtet: Wer könnte meine Lesart widerlegen, angesichts der gewollten und ungewollt sich ergebenden Komplexität der Gedichte? Schon die Nähe meines ‚Verstehensgedichts’ zum gelesenen reicht – und so sind wir wieder beim Titel des Lyrikbands.

Was soll ich sagen. Alles in allem ein reicher Gedichtband - rund 100 Seiten. Eingeteilt in 5 Abschnitte.

Zum Begreifen nah.
Sieben Lamellen.
Ein freischwebender Ton.
Aus gekachelten Nestern.
Feldforschung, gelichtet.

Ordnung muss sein. Aber hier gar nicht ernst gemeint. Gut so.

In der Pause unterhielt ich mich mit Julia. Sie hat gute Erinnerungen an kv. In den frühen Jahren waren die Kommentare erfreulich fair, meint sie. Ich sagte: Ja, das war einmal. Im Moment geht es wieder ganz gut.
Ich sage: kv ist gut für um zu wissen, wie mein Text ankommt. Und das ist eigentlich nur bei kv so direkt möglich.

Was wird aus Julia? - Ich weiß es nicht. Ich habe sie nicht gefragt. Ich ahne: Sicher noch ein Buch. Ihr Standbein: Julia Trompeter studierte in Köln und Berlin Philosophie, Germanistik und Klassische Philologie und wurde 2013 in Bochum zum Thema Psychologische und physiologische Aspekte der Tripartition der Seele bei Platon und Galen promoviert. 2008 bis 2011 war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Griechische und Lateinische Philologie der Freien Universität Berlin, von 2011 bis 2016 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Philosophie II: Philosophie der Antike und des Mittelalters der Ruhr-Universität Bochum tätig, danach arbeitete sie als Postdoktorandin an der Universität Utrecht.

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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 Dieter_Rotmund (10.01.21)
Ich war damals auch ein paar Mal im Café Duddel (nicht DUDDLE) in Köln. Julia Trompeter hat immer Gedichte von ihr mit Musikinstrumenten kombiniert, die sie nicht spielen konnte. Das war sehr lustig.

 Bergmann meinte dazu am 10.01.21:
Danke. Ich hab's korrigiert. Auch Julias Gesang war - mutig. Ich lernte in der Zeit noch zwei weitere Lesungsorte dieser Art in Köln kennen. Eins hieß Scharifeh-Mühle.
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