KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Donnerstag, 16. November 2006, 21:16
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EMOTIONAL CONTRA RATIONAL - RATIONAL CONTRA EMOTIONAL

Bergmann: Das gefällt mir - eine Parodie auf den Spätestromantiker Steinchenwerfer...;-)

BrigitteG: Das freut mich, Uli. Aber sag nix gegen das Originalgedicht: es war monatelang mein absolutes Lieblingsgedicht vom Werfer, und musste dann irgendwann in harte Konkurrenz zu seinem Gedicht mit dem Turm und den Kirschen treten (fängt an mit "So schenke mir die eine Nacht" und ist wahrhaft herzzerreißend). Liebe Grüße, Brigitte.

Bergmann: Liebe Brigitte, aber gerade die Karikierung des Originalgedichts gefällt mir ja, weil ich es viel zu abgestanden finde wie fast alle Steinchen des Werfers. - Ich begreife nicht, dass Leute, die wie du mit beiden Beinen auf der Erde stehen (was ich gut finde!), so einen altmodischen, völlig überlebten Schmus mögen - aber vielleicht eben deswegen, als Ausgleich. - Herzlichst: Uli

BrigitteG: Eine interessante Frage, Uli. Ich denke, dass es eine lyrische Ausdrucksweise gibt, die bei mir nicht im Geringsten über den Kopf geht, sondern direkt ins Gefühl. Das ist das, was ich "herzzerreißend" finde, und oftmals sicher ganz nah an dem, was ich Kitsch nennen würde. Aber eben kein Kitsch für mich - dagegen Gedichte, in denen immer nur Sterne und Blüten und Sehnsucht und ausstreckende Hände und Augen und Dreifachsubstantive vorkommen, Worte, die man von Gedicht zu Gedicht völlig beliebig austauschen kann, die finde ich schrecklich.
An den Gedichten vom Werfer mag ich, dass die Wörter eben nicht austauschbar sind, jedes hat seinen Platz und seine Bedeutung. Er ist handwerklich praktisch immer perfekt, er hat Inhalt in seinen Gedichten, geht in die Tiefe. Die Gedichte, die ich mag bei ihm, haben sicher eine traditionelle Form, das Wort "altmodisch" sehe ich aber nicht als Beleidigung, weil es für mich nicht gleichbedeutend mit "völlig überlebt" ist.
Im Endeffekt kann man aber eigentlich nur die saubere Machart von Gedichten vergleichen, denn die Emotion, mit der man berührt wird oder sich berühren lässt, ist so individuell wie wir Menschen.
Die Kombination von dem Sich-rühren-lassen vom Original und gleichzeitig dem Spaß daran, es zu veralbern, ohne es herabwürdigen zu wollen, entspricht durchaus einigen meiner Charaktereigenschaften *gg*. Liebe Grüße, Brigitte.

Bergmann: Liebe Brigitte! Ich lese ja selber nicht allzu selten ältere Gedichte gern. Es geht mir nicht um die Technik Steinwerfers, dessen Gedichte mich übrigens emotional und intellektuell völlig kalt lassen. Ich will nur einen Gedanken noch äußern: Das (eigene) Gefühl wird von vielen hier gern absolut gesetzt, als wahre Instanz, die nicht täuschen kann. Ich denke aber, dass der Künstler - trotz und wegen der Instrumentalisierung des Irrationalen in ihm selbst - stets seine Gefühle (und Irrationalität) sich bewusst machen muss, dass er sie kritisch reflektiert und zu verstehen sucht. Ergriffen zu sein von einem Gedicht bedeutet noch lange nicht, dass das Gedicht wahr ist oder dass mein Gefühl wahr ist. Ich rede nicht von ZUständen im privaten Leben, da mögen andere Regeln und Konzessionen gelten dürfen und müssen (obwohl auch hier der Verstand stets Begleiter sein sollte). Insofern ist deine Neigung zur Ironisierung der fremden und eigenen Gefühle eine gute Instanz in dir.
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(Wer kann das interpretieren?)
Herzlichst: Uli

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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 AndreasG (17.11.06)
Ein sehr interessanter Dialog (kommt mir irgendwie bekannt vor ...), der aber - meiner Meinung nach - an der Überschrift vorbei geht (oder sie nur streift?). Das wird besonders im letzten Teil deutlich, denn da sind zwei Kernaussagen versteckt: 1. bei kV würde gerne das eigene Gefühl als einzige "wahre Instanz" gesehen - und 2. ein Künstler (eine Künstlerin auch?) müsse die eigenen Gefühle reflektieren. - In diesen Aussagen liegt ein Problem, finde ich. Zumindest ... wenn es Lyrik und Prosa geht (mit BildhauerInnen, MalerInnen und anderen KünstlerInnen kenne ich mich nicht so aus). Schreiben bedeutet, das lrische Ich zu finden. Sprich: sich in andere Menschen, Gefühle und Lebenssituationen hineindenken zu können. Dafür ist es nicht nötig die eigenen Gefühle zu reflektieren (so wünschenswert das auch bei JEDEM Menschen sein mag), wohl aber die "wahre Instanz" zu reflektieren (welcher Mensch sieht die eigenen Gefühle denn nicht als Nabel der Welt?). Und es spielt es keine Rolle, was man ausdrücken will, sondern eine Spiegelmöglichkeit für die Leser zu bieten. Der Text steht auf dem Papier, die Geschichte und das Gedicht entstehen im Kopf. Unter einem Gedicht vom Werfer habe ich einmal vier unterschiedliche Interpretationen gelesen: DAS fand ich beeindruckend (ich schrieb dann die Fünfte da drunter :) ). Im Hirn der Leser Bilder zu erzeugen, das ist für mich die Kunst. - Liebe Grüße, Andreas

 Bergmann (17.11.06)
Die Zahl der Interpretationen macht nicht die Qualität eines Kunstwerks aus. Das kann auch gegen das Werk sprechen.

 AndreasG (18.11.06)
Verzeih bitte, Uli, das "lrische Ich" ist mir echt peinlich. Was ist mit dem Schottischen Ich oder dem Walisischen ...? *whiskyausgeb*

 Bergmann (18.11.06)
Manchmal ist es auch das lyrische Ich, das man suchen sollte - das passt schon gut zum Thema! Denn manche suchen nur ein solches Ich, das sie schmücken und - so verdeckt oder maskiert - hin schreiben. Eine ganze Kolonne guter Handwerker meine ich damit, allesamt schätzenswerte Personen, aber doch Schmucklyriker, die das Leben nicht heute treffen, sondern im Plüsch alter Worte. Beim Whiskey (oder Pils oder ein Glas Wein) dann mehr darüber...
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