KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Dienstag, 03. November 2009, 10:32
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EDELPLASTE - darkjoghurt. II. Lyrik (2)

Lyrik ist ein weites Feld. Schwer zu sagen, wo es anfängt, wo es aufhört. Wo ist die Grenze zur Prosa, wenn der Begriff der an Metrum und Reim „gebundenen Sprache“ sich schon längst aufgelöst hat? So gesehen haben wir die verschiedensten Lyrik-Kulturen: Streng gefurchte Sonett-Beete (allerdings flocht noch keiner hier einen Sonett-Kranz…), brav und manchmal kühn gereimte Strophengedichte in starker Anlehnung an frühere Epochen, vor allem Romantik und spätromantische Metaphorik zur Zeit des Realismus (über 100 Jahre zurückliegend!), aber auch angelehnt an die Zeit des Symbolismus, die Rilke-Zeit, und immer wieder auch den Gedichten des Expressionismus verwandt – und dann gibt es die immer noch waghalsigen Onomatopoeten (Klangdichter, manchmal neigt jovan.j dazu), die Autoren neuer konkreter Poesie – und es gibt viele viele prose poems (Prosagedichte), die oft identisch mit inneren Monologen sind, lange und kurze, oder aber ganz freie Texte, die sich gar nicht richtig bestimmen lassen in dem weiten Feld, sie sind eine Art Feldrandgewächse. Ein solcher Kleinmeister ist

darkjoghurt

an regentagen ruhig mal gefühle zeigen


[align]"Ich lass Dich nicht im Regen stehen -" flüsterte ich ihm in die Handbremse - "ich lass dich nicht alleine." Dann trug ich das Fahrrad behutsam in mein Büro. Liebe.


Ach, diese drei Zeilen (mit Titel) sind für mich ein Gedicht, da werden Zeilen zu Versen. Sie reimen sich nicht, sie haben kein Metrum, kaum einen regelmäßigen Rhythmus – aber eine wunderbar neue Metaphorik, die über das Gedicht (über das metaphorische Ding, das Fahrrad) hinauswächst. Zu Beginn ist das Subjekt der Zuneigung ein Objekt, aber schnell wächst das scheinbar Nüchterne ins Bild: „Ich lass dich nicht im Regen stehen“ ist doppeldeutig – das wird immer deutlicher, wenn man weiterliest: „… flüsterte ich ihm in die Handbremse“ – hier wird die Handbremse zum Ohr der Geliebten. Der Liebende wendet sich an ihr Herz, an ihre Seele. Oder ist es noch viel mehr als das? Er stellt die Geliebte nicht einfach ab, er überlässt sie nicht der klaglos zu erleidenden Einsamkeit, er verlässt sie nicht, sondern er spricht so zärtlich mit ihr, dass der Leser geneigt sein könnte, es gehe im Büro vielleicht sogar um eine intimere Fortsetzung der Liebe. Klar, Ironie der Distanz schwingt mit. Liebe ist so direkt heute kaum noch sagbar, ohne Authentizität zu verlieren. Rückwirkend wird das Wetter, der Regentag, zu einem seelischen Begriff: Gemeint sind kommunikative Situation, Stimmung und Gemüt. Die existentialistische Ebene wird mit dem Satz erreicht: „ich lass dich nicht alleine.“ Diese neue Formulierung des Beginns ist viel mehr als eine deutende Variation. Mit dem letzten, elliptischen, Satz („Liebe.“) werden die nüchternen Worte endgültig zum subtil ironischen Liebesgedicht oder gar zu einem Gedicht über Liebesgedichte!
Das ist toll gemacht.
Sagt mir nicht, der junge Dichter habe das so gar nicht intendiert – es ist völlig egal, was er dachte, wichtig ist, was ich lese! Und sagt mir nicht, ich wollte euch mit dieser Analyse verarschen – das würde ich nie tun, denn dann würde ich mich ja selbst betrügen.


Muninn

mind un_T_er spoons

Gedicht zum Thema Erwachen


Hornkehricht ums Aug
aurora nun / night over now
Goldtaler fischelnd
im dark grey -
Wolkenmeer has spoken
der blackbird und broken
sein Blick
bei meiner Seel
fand sich nicht ein -
in welcher Hand der Loeffel zu halten sei:
graute wieder das Hirnhaelftenorigami.


Muninns Gedicht ist vielleicht eine geni(T)alische kleine Ungeheuerlichkeit – jedenfalls habe ich zwei Interpretationen, eine brave und eine nicht so brave, und da die weitergehende Interpretation die interessantere und wichtigere ist, falls in sich schlüssig, ziehe ich natürlich die originellere Bedeutung vor:

Ich habe den Titel auf meiner Seite: Geist unter Löffeln – da ist ja klar, das steht in der Nähe der Phrase „Land unter“. Jedenfalls steht der Geist unter dem Löffel, und egal, was der Löffel hier bedeutet, der Löffel ist der Verursacher oder das Ergebnis einer Art von Blackout. Schon diese Austauschbarkeit von Ursache und Wirkung macht dieses Gedicht zu einem ganz modernen, zu einem dialektischen. Was war zuerst da: Die Henne oder das Ei? Der Löffel oder der Blackout? Worum geht es? Es geht um die Unterlegenheit des Geistes, um seine Schwäche angesichts einer stärkeren Macht.

Aber langsam. Zurück zum Beginn!

„Hornkehricht ums Aug“ – da wacht einer auf. „aurora nun / night over now“ – der Tag beginnt, die Nacht ist vorbei. Das lyrische Ich ist noch nicht wach, es sucht sein Bewusstsein („Goldtaler“) ziemlich unbeholfen („fischelnd“) im Morgengrau („dark grey“), noch ganz müde, noch wirken die unklaren Träume („Wolkenmeer“) in dem Erwachenden nach – da war ihm ein schwarzer Vogel erschienen, dessen Blick nun gebrochen ist, „blackbird“ ist vielleicht eine Metapher für das Bewusstsein oder das Über-Ich, das ihm sagt, was nun zu tun sei: „in welcher Hand der Loeffel zu halten sei:“, aber da überfällt den nur scheinbar Erwachenden erneute Müdigkeit, es „graute wieder das Hirnhaelftenorigami“ – die schönere Pizza ist das Hirn mit Traumorigami, das Es siegt, es will den Loeffel, den Morgenständer, nicht halten… Offenes Ende!

Erstes Fazit: Mir gefällt die Leichtigkeit im Gebrauch der Metaphorik, ihre Polyvalenz, die Einfachheit der alltäglichen Situation, die sehr komplex in ihren Aspekten beleuchtet und überhöht wird, die sprachliche Originalität und Präsenz im Heute.

Zweites Fazit: Kein Liebesgedicht, aber es kann eins werden, der Tag ist noch lang!

Ulrich Bergmann


[Nächste Woche: Teil 3 mit zwei Lyrikerinnen]

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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 Owald (26.01.07)
Doch, auch einen Sonettkranz gibt es hier schon:  http://www.keinverlag.de/texte.php?text=88551

 Theseusel (26.01.07)
Zwei innovative Bildermaler hast Du heute Bergmann. Der Joghi verwischt seine Grenzen zur Prosa bewusst und Muninn sehe ich eher in der Lyrik zu hause ... obwohl, wenn ich jetzt an den Kompostchoral denke... beide sind wirken provokant, wobei Darkjoghurt spielerischer damit umgeht. Natürlich interessiert mich Owalds Komm sehr ... ich konnte den Sonettkranz unter dem Link nicht auffinden. Gerd

 Owald (27.01.07)
@Gerd: Der ist da aber noch. Ansonsten versuch es über den Autor, MelodieDesWindes, und such den Text "Entwicklungen (Sonettkranz)" manuell heraus.

 Bergmann (27.01.07)
Den Sonettkranz las ich - leider kann ich meine Kolumne in diesem Punkt nicht mehr korrigieren.

 apple (28.01.07)
mein fahrrad und ich fühlen uns geehrt.
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